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25 Jahre Wiedervereinigung Der Osten ist kein blühendes Reservat

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Osten ist nicht gleich Osten

Haben die westdeutschen Eliten dann bei der Aufgabe versagt, die ostdeutsche Wirtschaft aufzubauen?

Dulig: Meine Bilanz des Aufbaus nach der Wende fällt jedenfalls zweigeteilt aus. Insgesamt war das erfolgreich. Der Aufschwung hat aber zu viele Verlierer hinterlassen. Etwas, was die Menschen gelernt hatten, was in der DDR auch geschätzt wurde, war plötzlich nichts mehr wert. Stattdessen schickte man sie von Umschulung zu Umschulung und verstärkte nur das Gefühl: So, wie du bist, taugst du nichts mehr. Daraus speist sich meiner Ansicht nach bis heute ein Großteil des Frustes, der Leute in die Arme von Pegida treibt. Menschen, die diesen Verlust ihrer Aufgabe nie kompensieren konnten, das Gefühl haben, ihr Leben sei nichts wert gewesen, die haben jetzt Angst, noch den letzten Teil ihrer Identität zu verlieren: ihre Heimat.

Schulze: Wir dürfen auch keinesfalls die innerdeutsche Völkerwanderung unterschätzen. Aus der Erfahrung, überflüssig zu sein, die Sie, Herr Dulig, sehr richtig beschreiben, entstand vielfach Fatalismus und Perspektivlosigkeit. Andere sahen ihre Chance und gingen weg. Wenn ich heute zurückkomme in meine Heimatstadt Dresden, bin ich immer überrascht, wie viele Alte ich hier sehe. Ganz zu schweigen von der ostdeutschen Provinz.

Ragnitz: Über anderthalb Millionen Menschen haben Ostdeutschland nach der Wende verlassen. Das sieht man eben.

Schulze: Und das waren nicht die Schlechtesten!

Ragnitz: Im Gegenteil: Es waren die Besten.

Wie wir Deutsche ticken
Quelle: YouGov
Quelle: YouGov
Quelle: YouGov
Quelle: YouGov
Quelle: YouGov
Quelle: YouGov
Quelle: YouGov

Muss man angesichts dieser Voraussetzungen nicht doch sagen: Der Osten ist recht weit gekommen?

Dulig: Verglichen mit 1990, ist die wirtschaftliche Entwicklung des Ostens ein voller Erfolg. Natürlich. Man muss ja sehen, dass es damals kaum noch wirtschaftliche Fundamente gab. In Sachsen hatten wir noch ein bisschen industrielle Basis. Wenn ich heute, nach 25 Jahren, auf die Wirtschaft in Ostdeutschland schaue, sage ich: Das hat sich wirklich gut entwickelt. Aber bezahlt haben wir dies mit höherer Arbeitslosigkeit, Deindustrialisierung und niedrigen Löhnen. Das gehört zur Wahrheit dazu.

Ragnitz: Der Blick auf die ostdeutsche Wirtschaft ist ein wenig schizophren. Jahrelang hagelte es fast immer nur negative Schlagzeilen. Seit einigen Jahren überwiegen plötzlich Jubelmeldungen. Es gibt unbestreitbar einen Aufschwung Ost, aber dieser Boom ist begrenzt und findet in Städten wie eben hier in Dresden statt, auch in Leipzig oder Jena. Aber für einen, der im Erzgebirge seine Scholle bewirtschaftet und davon lebt, muss das doch wie Hohn wirken. Für den hat sich rein gar nichts geändert. Und dass die Arbeitslosigkeit sinkt, liegt doch zu einem erheblichen Teil daran, dass die Leute abwandern oder älter werden und so aus der Statistik verschwinden.

Hat Ostdeutschland sich zu lange hinter den unverschuldeten Unzulänglichkeiten versteckt? Müssten die Politiker heute nicht endlich sagen: Transfers waren gestern, wir schaffen das jetzt alleine?

Dulig: Klingt schön, ist aber illusorisch. Wir werden weiterhin von Transfers abhängig sein, das ist leider ein Fakt, dafür muss ich nur in den Landeshaushalt schauen. Von unseren Einnahmen sind nur rund 60 Prozent eigene Steuereinnahmen.

Hillenbrand: Da wünschte ich mir Selbstbewusstsein, Herr Dulig! Wir in Sachsen könnten wirklich mehr Stolz und Vertrauen brauchen und uns künftig auf unsere eigenen Unternehmen und deren Mitarbeiter verlassen. Wir können es nämlich selbst reißen. Bei allem nötigen Realismus: Wir haben hier eine Menge aufgebaut, auf das wir stolz sein können. Etwas, das Kräfte weckt, weil wir auf uns selbst schauen können – anstatt uns immer nur zu rechtfertigen, warum es nicht ohne andere geht.

Das sind die größten ostdeutschen Unternehmen
Verbundnetz Gas AG Quelle: dpa
Rotkäppchen-MummDie Rotkäppchen-Mumm-Sektkellereien gibt es erst seit 2002 – seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird in Freyburg in Sachsen-Anhalt aber schon Rotkäppchen-Sekt hergestellt. 2002 übernahm Rotkäppchen die Sektmarke Mumm. Im Jahr 2014 machte das ostdeutsche Traditionsunternehmen einen Umsatz von fast 900 Millionen Euro. Die Sektkellereien beschäftigten im vergangenen Jahr 571 Mitarbeiter. Quelle: AP
Jenoptik AG Quelle: dpa
FAM Magdeburger Förderanlagen und Baumaschinen Quelle: dpa/dpaweb
Deutsche Bahn Quelle: dpa
Porzellan mit Zwiebelmuster Quelle: dpa
FEP Fahrzeugelektrik Pirna Quelle: dpa

Ragnitz: Man darf da nicht den Fehler machen, den Osten über einen Kamm zu scheren. Manche Regionen können locker auf eigenen Beinen stehen, andere werden es auch in 30 Jahren nicht schaffen. Aber das zieht sich quer durch die Bundesländer. Im Norden Sachsens ist genauso wenig Dynamik wie im Süden Brandenburgs. Und im Westen sieht es, ganz nebenbei bemerkt, hier und da auch zappenduster aus.

Dulig: Wir sollten sehr vorsichtig damit sein, im Osten zu sehr auf dicke Hose zu machen. Auch wenn es aufwärtsgeht, reine Euphorie glauben uns die Leute nicht.

Schulze: Allerdings nicht! Ich habe das in der Kleinstadt Altenburg erlebt, fast jeder Ostdeutsche kennt das auch: Politiker, die einem erzählen, morgen oder übermorgen entstehe hier eine riesige Ansiedlung. Und dann passiert: nichts. Optimismus ist gut, aber es muss eine Grundlage dafür geben.

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