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60 Jahre Bundesrepublik Deutschland "Gelobt sei, was hart macht"

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Theo Sommer, ehemaliger Quelle: dpa/dpaweb

Ein Blick ins „Who is who“ der Nachkriegsrepublik macht deutlich, welche Rolle ehemalige NS-Ausleseschüler in der Bundesrepublik spielten und spielen. Im Nachbarland Österreich war ihr politischer Einfluss so groß, dass Soziologen von der „Generation Napola“ sprechen. Auffällig ist in Deutschland zunächst die Zahl der publizistisch Tätigen. Theo Sommer gehört dazu, ehemals Herausgeber der „Zeit“, beim selben Blatt Manfred Sack und der inzwischen verstorbene Leiter des Zeit-Magazins Jochen Steinmayr. Außerdem Werner Holzer, von 1973 bis 1991 Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, der "FAZ"-Redakteur Klaus Natorp und Otto Schuster, der in den Siebzigerjahren Chefredakteur von „Eltern“ war. Mainhardt Graf von Nayhauß, der mit seinen Kommentaren das politische Innenleben der Bonner Republik beleuchtete, war ebenso auf einer Napola wie der langjährige Kulturchef des „Spiegel“, Hellmuth Karasek. Ferner der 2007 verstorbene Rüdiger von Wechmar und Hans („Johnny“) Klein, die später in die Politik wechselten – der eine als Botschafter bei den Vereinten Nationen, der andere als CSU-Entwicklungsminister unter Kanzler Helmut Kohl und von 1990 bis zu seinem Tod 1996 als Bundestagsvizepräsident.

Ein zweiter bevorzugter Karriereplatz der Napola-Schüler war das Militär. So waren der frühere, inzwischen verstorbene, stellvertretende Generalinspekteur der Bundeswehr, Hans Poeppel, und der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber Europa-Mitte, Leopold Chalupa, Schüler von NS-Eliteinternaten.

Zum wichtigsten Wirkungsfeld jedoch wird die Wirtschaft. Denn mehr als in allen anderen Bereichen lassen sich hier Prinzipien, die dem Erziehungsbild der NS-Ausleseschulen entsprachen, elegant und von der Nazi-Ideologie entkleidet umsetzen – nicht zuletzt auch dank der korporatistischen Grundstimmung in der deutschen Nachkriegswirtschaft.

Täuschungsmanöver begründen viele Karrieren

Exemplarisch dafür ist die Karriere eines Napola-Absolventen, die mit einer Lüge beginnt. Nach 1945 streicht Walter Merk, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, die Zeit auf der Napola aus seinem Lebenslauf. Verständlich, denn in den Augen der Sieger gilt er als gefährliches Überbleibsel des alten Regimes. Nach Kriegsende bewirbt sich Merk bei der Firma, bei der er bereits beschäftigt ist, für eine Auslandsstelle – obwohl er entgegen der Stellenbeschreibung kein Wort der Landessprache kann. Der Absolvent vertraut auf sein überlegenes Auftreten und die Möglichkeit, das Erwünschte in kurzer Zeit zu lernen. Er hat auch nicht das Gefühl, eine Täuschung zu begehen. Und in der Tat: Er wird genommen.

Noch Jahrzehnte danach ist Merk stolz auf sein Täuschungsmanöver, das seine Karriere begründete. Er hat doch, so meint er, nur das existenzielle Motto seiner Schule befolgt: „Ihr seid besser!“ Für ihn steht diese Anweisung nicht im Widerspruch zum Imperativ „Du bist nichts, dein Volk ist alles“. Denn er pflegte als Chef beides zu befolgen. Führung war das eine, betont er. Aber jede Führungsaufgabe war in der Napola immer sowohl auf die Gruppe als auch die Gesamtheit bezogen. „Es ging immer um Gruppen-, nicht um Spitzenleistung. Diese Lebensweisheit hat mir sehr geholfen.“

Er zählt die Elemente seines Erfolgs auf, die er der Napola zu verdanken habe: Die beflügelnde Kraft, sich als „etwas Besonderes gefühlt“ zu haben, habe ihm geholfen, den Weg in die Chefposition zu finden. Der „Korpsgeist“ sei ihm so „ins Blut“ übergegangen, sodass er sich später „immer automatisch in einer absoluten Identifikation“ mit seiner Firma befand. Und schließlich war da noch der unbedingte Wille des Vorwärtsstrebens zum Nutzen des „großen Ganzen“.

Aus dem Volk wird die „Volkswirtschaft“. Das ist eine der typischen Umdefinitionen, die die ehemaligen NS-Eliten nach 1945 zu leisten hatten, um in der Welt des Wirtschaftswunders Fuß zu fassen. Nun gilt es nicht mehr, die Welt zu erobern, sondern die Weltmärkte. Nicht länger die Gruppe ist wichtiger als der Einzelne, sondern das Team. Die alte Begeisterung ist leicht durch Motivation zu ersetzen, der Treueschwur durch Identifizierung.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welcher neue Typus in der BRD entsteht.

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