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ArbeitStudie: Tarifbeschäftigten droht 2022 reales Lohnminus von 3,6 Prozent

Die Ungewissheit in Folge des Ukrainekriegs überfordert offenbar die Tarifpolitik oftmals. Allerdings sieht es nicht in jeder Branche so aus. 23.08.2022 - 09:49 Uhr

In einigen Brachen wurden bei den Tarifabschlüssen der vergangenen Monate oft zweistellige Steigerungen vereinbart.

Foto: dpa

Die bislang vereinbarten Tariferhöhungen gleichen einer Studie zufolge den starken Inflationsanstieg in diesem Jahr bei weitem nicht aus. Nach den bislang vorliegenden Abschlüssen dürften die Tariflöhne 2022 durchschnittlich um 2,9 Prozent wachsen, wie aus der Untersuchung des Tarifarchivs des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) hervorgeht.

Nach Abzug der erwarteten Inflationsrate sinken sie demnach real jedoch um 3,6 Prozent. „Nachdem die Tariflöhne in den 2010er Jahren real relativ deutlich zugenommen haben, drohen 2022 für viele Beschäftigte im zweiten Jahr in Folge Reallohnverluste“, sagte der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten. Die Studie berücksichtigt alle im ersten Halbjahr abgeschlossenen und die in den Vorjahren für 2022 bereits vereinbarten Tariferhöhungen.

„Angesichts der vollkommen ungewissen Entwicklung des Ukrainekrieges und seiner wirtschaftlichen Folgen ist die Tarifpolitik allein in vielen Branchen überfordert, die Kaufkraftverluste der Beschäftigten auszugleichen“, sagte Schulten. „Hier sind zusätzliche Entlastungsmaßnahmen durch den Staat notwendig.“ Zugleich kritisiert Schulten die Maßhalteappelle an die Gewerkschaften. „Ein nüchterner Blick auf die Tarifdaten zeigt: Die vielbeschworene Lohn-Preis-Spirale ist eine Fata Morgana“, sagte der Experte. „Es besteht im Gegenteil die Gefahr, dass Reallohnverluste die private Nachfrage weiter schwächen und damit die wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich beschädigen.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Auch Reallohnzuwächse möglich

Allerdings gibt es den Angaben zufolge auch einige Tarifbranchen, in denen gegen den Trend nicht nur die Preisentwicklung ausgeglichen wird, sondern darüber hinaus auch Reallohnzuwächse zu beobachten sind. Hierzu gehörten vor allem einige klassische Niedriglohnbranchen wie das Hotel- und Gaststättengewerbe, das Gebäudereinigungshandwerk oder die Leiharbeit. Hier wurden in Tarifabschlüssen der vergangenen Monate vor allem für die unteren Lohngruppen oft zweistellige Steigerungen vereinbart.

„Mit außergewöhnlich hohen Entgeltzuwächsen reagieren diese Tarifbranchen auf den zunehmenden Arbeits- und Fachkräftemangel“, erklärte Schulte. „Zugleich nutzen sie die von der Bundesregierung beschlossene Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf zwölf Euro, um oberhalb dessen die tarifvertraglichen Entgeltstrukturen neu aufzubauen.“ Insgesamt werden den Angaben nach in diesem Jahr für knapp elf Millionen Beschäftigte Tariferhöhungen wirksam, die bereits 2021 oder noch früher festgelegt wurden. Hierzu gehören große Branchen wie der öffentliche Dienst oder der Einzelhandel.

Im zweiten Halbjahr folgen eine Reihe weiterer Verhandlungen – etwa in der Metall- und Elektroindustrie sowie in der Chemiebranche, wo die Gespräche im Frühjahr bewusst ausgesetzt wurden.

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rtr
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