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Berlin, Hamburg, München Wie Deutschlands Metropolen die Wohnungsnot lösen wollen

Wohnungsnot: So wollen Deutschlands Metropolen Wohnraum schaffen Quelle: Wolf Heider-Sawall für WirtschaftsWoche

Die deutschen Metropolen wachsen, Projektentwickler stehen Schlange. Dennoch entstehen zu wenige neue Wohnungen – und viele geben dafür den Bauämtern die Schuld. Zu Recht?

Sie könnte von diesem Haus aus die gesamte Stadt überblicken. Den Fernsehturm am Alexanderplatz, die kleine Skyline am Bahnhof Zoo, die Siegessäule. „Das Gebäude war eines der ersten Hochhäuser der Stadt“, sagt Katrin Lompscher. Sie sitzt in ihrem Büro im 17. Stock und schaut stattdessen übers baufällige Konferenzzentrum, über ein paar Wohnblocks und ins grüne Randberlin. Das Zimmer der obersten Baubeamtin der Hauptstadt geht zur falschen Seite hin raus. Wer das Metropolen-Berlin sehen will, muss auf den Flur vor die Aufzüge. Oder in die Herrentoilette.

Es wäre unfair, zu behaupten, Lompschers Büro im Süden des Stadtteils Wilmersdorf stehe sinnbildhaft für die orientierungslose Baupolitik in der deutschen Hauptstadt, gäbe es da nicht so viele andere symbolische Anhaltspunkte: Der graue Klotz kommt ohne Klimaanlage aus. Und eine mit Sperrholzplatten verkleidete Tunnelkonstruktion überdeckt auf einer Länge von knapp 100 Metern den Bürgersteig vor dem Gebäude: eine notverordnete Schutzmaßnahme, wie es heißt: Bei ungünstigem Wetter könnten sich Fassadenteile lösen und auf die Passanten fallen. „Ist natürlich nicht schön“, sagt Lompscher. „Aber alte Gebäude haben immer auch etwas für sich.“

Es klingt, als ekle sich die Linken-Politikerin vor „Modernisierung“ und „Neubau“ – vor Kampfbegriffen, die ihre Kernklientel mit „Mietenwahnsinn“ und investierenden Renditejägern in Verbindung bringen. Wie aber soll eine Wohnungsbaupolitik gelingen, wenn das Bauen und Renovieren von Wohnungen in einem schlechten Ruf stehen?

Klar ist: Deutschlands Metropolen boomen. In Berlin ist die Zahl der Einwohner von 3,3 Millionen im Jahr2000 auf heute 3,6 Millionen gestiegen; bis 2025 sollen weitere 200.000 Menschen hinzukommen. Die durchschnittliche Berliner Miete liegt heute 71 Prozent höher als 2010. Auch Hamburg, München, Köln oder Frankfurt gewinnen Zehntausende Neubürger im Jahr. 1,5 Millionen neue Wohnungen hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) deshalb im Wahlkampf versprochen. Nur: Allein in der Hauptstadt ist die Zahl der genehmigten Neubauten in den ersten Monaten des Jahres um 20 Prozent gesunken.
An den Wohnungsbauunternehmen liegt das eher nicht. Sie zanken sich um Freiflächen für größere Projekte, als würden darunter Ölquellen vermutet. Auch nicht an zuzugswilligen Bewohnern, die bisher noch jeden neuen Quadratmeterpreis-Rekord ungerührt zur Kenntnis genommen haben. Wer verstehen will, wieso Deutschlands Bau-Boom zum Immo-Irrsinn führt, muss daher diejenigen besuchen, die die Anträge, Skizzen, Zeichnungen und Pläne täglich auf den Tisch bekommen – und in der Flut untergehen: die Bauamtsleiterinnen.

Scheue Firmen, zaghafte Beamte

In Katrin Lompscher steckt so viel Berlin, wie man in einem Leben nur mitbekommen kann. Aufgewachsen ist sie im Osten der Stadt, zu DDR-Zeiten ließ sie sich dort zur Baufacharbeiterin ausbilden. Seit 20 Jahren macht sie Politik, erst als wissenschaftliche Mitarbeiterin, 2001 wurde sie dann Stadträtin mit Zuständigkeit für den Bereich Bauen, zunächst im Bezirk Lichtenberg. Seit 2016 trägt sie als Bausenatorin diese Verantwortung für die gesamte Stadt. Entsprechend selbstverständlich zeichnet sie die Verbindungen zwischen den Höhen und Tiefen dieser Zeit nach. Erst gab es den Einheitsboom, als sich plötzlich viel zu viele Bauunternehmer auf dem Berliner Markt versuchten. Als das Bevölkerungswachstum dann ausblieb, standen die Wohnungen leer, und die Unternehmen gerieten in Schwierigkeiten. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis dieses Tief überwunden war. „Die damaligen Erfahrungen prägen die Berliner Bauwirtschaft bis heute“, sagt Lompscher. „Noch immer ist die Wirtschaft zurückhaltend beim Aufbau zusätzlicher Kapazitäten.“

Zurückhaltende Bauunternehmer? Elisabeth Merk hat von dieser Gattung noch nie gehört. „Seit ich im Amt bin, dreht sich die Debatte in der Stadt um den Umgang mit Wachstum und übertriebene Mieten“, sagt die Baudezernentin in München. Veränderungen bemerkt sie seit Langem nur noch im Ausmaß der Übertreibungen. Vor ein paar Wochen zum Beispiel haben sie im Bauamt mitbekommen, dass sich plötzlich immer mehr Investoren landwirtschaftliche Grundstücke in einem kleinen Gebiet im Nordwesten der Stadt sicherten, die nicht als Bauland ausgewiesen waren – und für die es auch keine Pläne gab. Offenbar spekulierten sie darauf, dass Merk „aufgrund des akuten Flächenmangels“ bald kaum noch etwas anderes übrig bleiben werde, „als auch diese Gebiete in unsere Planung mit einzubeziehen“.

Für Merk ist Städtebau längst nur noch der Versuch, verschiedene Unerfreulichkeiten auszugleichen. München ist die am dichtesten bebaute Stadt Deutschlands, pro Quadratkilometer leben hier 4800 Menschen, doppelt so viele wie in Hamburg: „Größere Freiflächen, wo wir auf einen Schlag viele Tausend Wohnungen entwickeln könnten, gibt es quasi nicht mehr.“ Sie muss sich deshalb darauf konzentrieren, die Stadt weiter zu verdichten, ohne die wenigen grünen Bereiche allzu sehr zu beschneiden. Deshalb entstehe in München deutlich weniger Wohnraum als notwendig: 2017 seien zwar knapp 20 Prozent mehr Bauanträge genehmigt worden als im Vorjahr, die Zahl der Wohnungen jedoch lag auf dem Niveau des Vorjahres. Merk: „Je dichter die existierende Bebauung, desto aufwendiger und kleinteiliger ist die Bewilligung neuer Bauten.“

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