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CDU-Parteivorsitz Chapeau, Herr Merz!

Quelle: imago images

Friedrich Merz legt einen starken ersten öffentlichen Auftritt hin: Er präsentiert sich als Mann der Mitte, der klare Überzeugungen hat. Und er versucht sofort, mögliche Angriffsflächen zu minimieren.

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Natürlich werden all die Fragen in den nächsten Wochen kommen: Was hat Friedrich Merz beim größten Vermögensverwalter der Welt eigentlich genau gemacht? Was hat er in all den Jahren, als er vom Spielfeldrand etwas besserwisserisch das politische Geschehen kommentiere, eigentlich so alles gesagt? Und welche radikalen Sozialreformen hat er eigentlich alle gefordert, als er nach der Jahrtausendwende der neoliberale Shootingstar der Union war?

Friedrich Merz weiß, dass die Antworten auf diese Fragen für ihn unangenehm sein werden, ja, dass sein Bankkonto und sein Mundwerk ihn verwundbar machen. Deshalb hat er am Dienstagnachmittag, als er sich während einer zwanzigminütigen Instant-Pressekonferenz der versammelten Hauptstadtpresse präsentierte, auch gleich entsprechende Pflöcke eingeschlagen. Und man muss sagen: Chapeau, Herr Merz! Fürs Erste ist Ihnen das wirklich ganz gut gelungen.

Sein Job bei Blackrock? „Ich beaufsichtige die Firma, führe sie aber nicht.“ Außerdem handle es sich um ein Unternehmen, das die Vermögen seiner Kunden treuhänderisch verwalte. Es sei keine Heuschrecke, kein Private-Equity-Anbieter. So.

Seine Jahre außerhalb der Politik? Es sei doch ein Vorteil, wenn Politiker in die Wirtschaft wechselten, dort Erfahrungen sammelten, und wieder zurückkehrten. In den USA sei dies viel häufiger der Fall. Punkt.

Sein Ruf als Neoliberaler? „Das ist ein Kampfbegriff! Ich habe mich nie als Neoliberaler empfunden“. Natürlich sei er ein Wirtschaftsliberaler und Wertkonservativer, aber eben auch jemand, der sich für Sozialpolitik interessiere. „Ich fühle mich allen drei Teilen der Union gleich verbunden.“ Basta.

Die entscheidende Frage ist natürlich, ob Merz mit diesen Erklärungen durchkommen wird. Doch es spricht einiges dafür, dass die Antwort für ihn positiv ausfällt. Denn die Anziehungskraft von Merz im Heute könnte viel größer sein als die Neugierde danach, was er im Gestern gesagt und gemacht hat.

Nicht nur in seinem Statement, das er, der brillante Rhetoriker, zur Sicherheit weitgehend vom Blatt ablas, wurde deutlich: Da ist jemand Blitzgescheites, der zwar kein harter Hund sein will, aber der dann doch ein paar echte Überzeugungen hat, von denen er sich aus rein taktischen Motiven nicht abbringen lassen wird. Zum Beispiel, wenn er explizit betont, dass die wichtigsten Verbündeten Deutschlands „die Demokratien des Westens“ sind. Oder wenn er sagt, der französische Präsident Emmanuel Macron habe auf seine Vorschläge zur Reform der EU eine ausführlichere deutsche Antwort verdient gehabt. Und übrigens habe die EU-Kommission ja auch ein paar Vorschläge gemacht.

Wahrscheinlich ist es genau das, wonach sich die meisten Menschen nach 13 Jahren Merkel-Regierung am meisten sehnen: Nach jemandem, der sich Gedanken macht, die Dinge beim Namen nennt, aber trotzdem kein Spalter ist.

Deshalb wird sich Merz in den kommenden Wochen als unverrückbarer Mann der Mitte präsentieren, der immer noch ein leidenschaftlicher Politiker ist, aber einfach ein paar Jahre wertvolle Erfahrungen außerhalb der Politik gesammelt hat. Und der sich angesichts der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft und des Erfolgs von rechten und linken Populisten Sorgen um die Volksparteien und um die Demokratie macht. Und damit auch bloß keine Zweifel aufkommen: Der ein überzeugter Europäer und Transatlantiker ist.

Denn, und das ist in der heutigen Zeit leider auch keine Selbstverständlichkeit mehr: Merz will andere nicht mit Floskeln abspeisen, sondern tatsächlich überzeugen. Und das kann er wahrscheinlich immer noch so gut wie vor 15 Jahren.

Wenn Merz im parteiinternen Kampf in den nächsten fünf Wochen so weitermacht, wie er in den ersten zwanzig öffentlichen Minuten begonnen hat, darf er durchaus als einer der beiden größten Favoriten für die Merkel-Nachfolge gelten. Gut möglich, dass sich die Delegierten am Ende zwischen ihm und Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer entscheiden müssen.

Denn selbst die Taktik von Merz mit Blick auf die heikle Frage, wie er es denn als Parteichef mit einer Kanzlerin Angela Merkel halten würde, ist – man entschuldige das Wort – pfiffig. Die Kurzversion lautet: Fürchtet Euch nicht! Die längere im O-Ton geht so: Merkel habe ja gesagt, so Merz, die Trennung der beiden Jobs sei ein Wagnis. Er jedenfalls wolle sich auf das Wagnis einlassen.

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