WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Corona-Impfmeister Bremen „Wir wurden ohne jede Not beim Impfen ausgebremst“

Deutschlands Impfkönig kommt aus Bremen: Bürgermeister Andreas Bovenschulte Quelle: dpa Picture-Alliance

Bremen hat Deutschlands höchste Impfquote. Bürgermeister Andreas Bovenschulte über die Besonderheiten der Bremer Impfkampagne, den Corona-Ärger zwischen Bund und Ländern – und warum es einen Schwellenwert für 2G braucht.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Andreas Bovenschulte hat gute Laune. Bremen ist deutscher Meister beim Corona-Impfen. Das wurde möglich, weil sich Bovenschultes rot-grün-rote Landesregierung mit Unternehmern und Hilfsorganisationen aus der Hansestadt verbündete. Endlich kann der Bürgermeister mal über einen Erfolg des Stadtstaates sprechen – in anderen Ranglisten zu Themen wie Schulden oder Bildung liegt Bremen schon mal hinten.

WirtschaftsWoche: Glückwunsch, Herr Bürgermeister, Bremen ist deutscher Corona-Impfmeister. Hat sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder schon mal um ein Praktikum bei Ihnen beworben, um zu sehen, wie Sie das geschafft haben?
Andreas Bovenschulte: Ach, wissen Sie, die Bedingungen in den Ländern sind so unterschiedlich, dass ich mir nicht anmaßen würde, einer Kollegin oder einem Kollegen neunmalkluge Ratschläge zu erteilen. Außerdem: Ratschläge sind auch Schläge. Ungebetene Rufe von der Seitenlinie ins Spielfeld helfen niemandem weiter.

Hat nie mal jemand nachgefragt?
Natürlich unterhalten wir uns im Kreise der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten darüber, was gut und was schlecht läuft in den Ländern. Und beim Impfen war es nun mal so, dass wir einige Innovationen und Erfolge auf der Habenseite verbuchen konnten.

Welche?
Wir haben stark auf unser zentrales Impfzentrum in den Messehallen gesetzt. Nicht, weil wir den Ärzten damit Konkurrenz machen wollten. Sondern weil wir von Anfang davon überzeugt waren, dass die Ärzte alleine es nicht wuppen können. Das Impfzentrum haben wir zu dritt auf die Beine gestellt. Die Kommune, die heimische Wirtschaft und die Hilfsorganisationen wie Johanniter und Rotes Kreuz. Jeder hat eingebracht, was er am besten kann.

Welchen Anteil hatte die Wirtschaft?
Die Unternehmen haben viel Mitarbeiter gestellt, für die Impfzentren selbst und für das Call-Center, das die Impftermine vergeben hat. Das waren Frauen und Männer, die wegen des Lockdowns in Kurzarbeit waren und im Impfzentrum für ein wirklich dienstleistungsorientiertes Klima gesorgt haben. Sie haben das Callcenter betrieben, das die Impftermine vergeben hat und bei dem so gut wie niemand in der Warteschleife gelandet ist. Mein Apotheker hat geradezu geschwärmt: Herr Bovenschulte, das war Grand Hotel Impfzentrum – und er meinte damit den Komfort und die entspannte Atmosphäre. Das haben die Leute natürlich in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis weitererzählt – und so für eine richtig positive Stimmung gesorgt. Ich bin fest davon überzeugt: Das ist ein ganz wesentlicher Baustein der hohen Impfquote.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Es soll ja anfangs eine gewisse Skepsis in Ihrer rot-grün-roten Koalition gegenüber einer Zusammenarbeit mit der Wirtschaft gegeben haben.
    Das kann ich mir nun überhaupt nicht vorstellen. Es ist doch geradezu das Wesen eines rot-grün-roten Senats, Hand in Hand mit der Wirtschaft loszumarschieren. So kennt man uns doch! Aber jetzt im Ernst: Es gab überhaupt keine Berührungsängste. Es gab aber die Herausforderung, in kürzester Zeit alle Akteure so unter einen Hut zu bekommen, dass sie an einem Strang ziehen – und dann auch noch in dieselbe Richtung. Das hat hervorragend geklappt, weil wir alle das gleiche Ziel hatten: die Bremerinnen und Bremer möglichst schnell zu impfen und vor Corona zu schützen.

    Das Impfzentrum ist seit September geschlossen. Sie schicken jetzt Impf-Trucks in die Viertel und haben drei kleinere Impf-Stellen im Stadtgebiet aufgemacht, eine vierte Stelle ist in Planung. Jetzt steigen – auch in Bremen – die Infektionszahlen. War es ein Fehler, das große Impfzentrum zu schließen?
    Im Rückblick ist man meistens schlauer. Aber dass die Auffrischungs-Impfung so schnell eine so große Bedeutung bekommen würde, das hatte im Sommer doch niemand für möglich gehalten. Jetzt müssen wir nach vorne blicken. Wir wollen beim Boostern noch mal richtig Tempo machen und unsere Impfstellen weiter ausbauen.

    Wie schnell schaffen Sie das?
    Ich würde mich da ungern festlegen, aber Sie können ganz sicher sein: Wir werden keinen einzigen Tag verschenken.

    Können Sie sich einen erneuten Pakt mit der Wirtschaft vorstellen?
    Ich kann mir das sehr gut vorstellen.

    Auf Bundesebene ist es ja so: Erst war Bundestags-Wahlkampf, jetzt ziehen sich die Koalitionsverhandlungen hin. Es gibt ein gewisses Vakuum im Corona-Management. Hat der Bund den Sommer verschlafen?
    In einer Pandemie mit all ihren Unwägbarkeiten ist man meiner festen Überzeugung nach gut beraten, wenn man sich unterhakt und sich nicht gegenseitig mit Vorwürfen überzieht. Das bringt uns nicht weiter. Den ganzen Sommer über hätte jedes Bundesland flächendeckende Ausgangssperren, Lockdowns und vieles mehr beschließen können. Und auch das von der künftigen Ampelkoalition geplante Gesetz bietet viele Instrumente, um die Pandemie zu bekämpfen. Am Ende aber muss jedes Land seine Hausaufgaben machen und auf das Infektionsgeschehen im eigenen Land reagieren. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wenn Länder die vorhandenen Möglichkeiten nicht nutzen und andere dafür verantwortlich machen.

    … wie zum Beispiel Bayern.
    Es bringt nichts, hier Namen zu nennen. Mir geht es um die prinzipielle Argumentation.

    Fühlen Sie sich vom Bund im Stich gelassen?
    Nein. Nur ein einziges Mal in diesem Frühjahr, als der Bund die Impfzentren gedeckelt und denen damit den Impfstoff rationiert hat. Ich bin fast verzweifelt, weil wir ohne jede Not beim Impfen ausgebremst wurden. Das hat mir einige graue Haare beschert, denn wir mussten unsere Strategie mühsam anpassen und neuen Schwung holen.

    Was sind die strittigen Punkte in dieser Woche beim Bund-Länder-Gipfel?
    Ein Punkt ist sicherlich: unter welchen Voraussetzungen gilt 2G? Immer, egal wie hoch das Infektionsgeschehen ist? Oder festgemacht an einem bestimmten Schwellenwert?



    Wie stehen Sie dazu?
    Im Infektionsschutzgesetz steht, dass die Hospitalisierungsinzidenz der Leitindikator für alle Maßnahmen ist. Daran sollten wir uns halten und müssten uns nur auf einen deutschlandweiten Schwellenwert einigen. Ich könnte mir drei gut vorstellen, also drei Krankenhauseinweisungen wegen einer Coronainfektion in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner.

    Wie sieht es mit der Länderöffnungsklausel aus?
    Grundsätzlich bin ich der festen Überzeugung, dass wir eine Hotspot-Strategie brauchen. Es kann doch nicht richtig sein, dass wir die Pandemie in Landkreisen mit einer Inzidenz von 100 mit den gleichen Mitteln bekämpfen wie in Landkreisen mit einer Inzidenz von 1000. Alles darf aber auch da nicht erlaubt sein. Von Ausganssperren habe ich noch nie was gehalten. Die halte ich auch jetzt für den falschen Weg.

    Und beim Thema 3G am Arbeitsplatz?
    Die konkrete Ausgestaltung könnte noch zu Diskussionen führen. Wer muss testen? Und welche Sanktionen darf der Arbeitgeber treffen? Da gibt es noch viel zu besprechen. Mal gucken, ob die Union eine konstruktive Opposition ist oder doch lieber Fundamental-Opposition betreibt.

    Kann man Impf-Skeptiker mit einer Geldprämie überzeugen?
    Ich glaube nicht. Wenn wir die Menschen für die Impfung gewinnen wollen, kommt es auf die richtige Mischung an. Wir brauchen überzeugende Argumente, gute Impfkampagnen und sanften Druck. Da sollten wir auch über eine Impfflicht für bestimmte Berufsgruppen nachdenken. Eine allgemeine Impfpflicht halte ich aber immer noch für politisch unklug.

    Wie wird der Winter in Bremen?
    Ich gehe davon aus, dass die Zahlen steigen werden und hoffe sehr, dass sich der Anstieg in Grenzen hält. Eins ist völlig klar: Wir werden boostern wie die Teufel und unsere Impfquote weiter nach oben treiben. Außerdem wollen wir die Impfquote noch steigern. 82 Prozent der Gesamtbevölkerung von Bremen sind mittlerweile einmal gegen Corona geimpft, 85 Prozent sind mein Ziel. Das wird aber alles andere als einfach.

    Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


     Was heute noch wichtig ist, lesen Sie hier


    Sie schauen von Ihrem Amtszimmer auf den Platz Am Dom, auf dem gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird. Haben Sie damit ein gutes Gefühl?
    Wir haben derzeit eine Inzidenz von knapp über 100 und eine sehr niedrige Hospitalisierungsrate. Angesichts dessen können wir den Weihnachtsmarkt gut verantworten, werden uns die Situation aber jeden Tag ganz genau anschauen. Und wenn erforderlich keinen einzigen Tag zögern, um weitere Sicherheitsmaßnahmen zu beschließen oder den Markt sogar ganz zu schließen. So schwer uns das dann auch fällt. Die Schausteller wissen das, wir haben vorher mit ihnen darüber gesprochen. Sicherheit geht vor, da sind wir uns alle einig. Und die Pandemie hat uns in den vergangenen beiden Jahren schon oft überrascht.

    Mehr zum Thema: Dank einer Hauruckaktion von Unternehmern, Politik und Hilfsorganisationen kann sich Bremen als deutscher Coronaimpfmeister feiern. Wie Bremen mit Hilfe aus der Wirtschaft zum deutschen Impfmeister wurde.

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%