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Deutschlands Mittelschicht schwindet In Richtung amerikanischer Verhältnisse

Das DIW vergleicht die Entwicklung der Mittelschicht in Deutschland und den USA. Es gibt schockierend eindeutige Parallelen – und ein paar feine Unterschiede.

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Das DIW vergleicht in die Entwicklung der Mittelschicht in Deutschland und den USA. Quelle: dpa Picture-Alliance

Deutschland und die USA sind enge Handelspartner, auch politische verbindet die beiden Demokratien viel. Die soziale Realität aber scheint sich fundamental zu unterscheiden. Hier die Mittelstandsgesellschaft, da das Land der Extreme mit unfassbarem Reichtum und echten Überlebenskämpfen mitten in den Großstädten.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt nun aber, dass die Einkommensverhältnisse in den beiden Ländern gar nicht mehr so weit auseinander liegen, wie es scheint.

Aus der Studie lassen sich detaillierte Schlüsse über die Einkommensverhältnisse in Deutschland ziehen, wie die Titel-Geschichte der WirtschaftsWoche zeigt (Premium-Inhalt). Zudem ermöglicht sie auch einen deutlich besseren Vergleich mit den USA, als er bisher möglich war. Denn für gewöhnlich werden zur Klassifizierung der Mittelschicht in Deutschland und den USA unterschiedliche Maßstäbe verwendet.

Während in den USA meist die Bruttoeinkommen verglichen werden, beziehen deutsche und andere europäische Wohlstandsforscher die Umverteilung durch Steuern und Sozialtransfers in ihre Untersuchungen mit ein. Das hat den Vorteil, dass die Vergleichsdaten näher am real verfügbaren Einkommen liegen, der internationale Vergleich aber wird dadurch stark verzerrt.

Deutsche und amerikanische Mittelschicht ähneln sich sehr

Für die nun vorliegende Studie hat das DIW deshalb erstmals mit den in den USA verbreiteten Methoden auf die Entwicklung in Deutschland geblickt. Das macht die Befunde nicht nur vergleichbar. Das Bruttoeinkommen bildet auch das Lebensgefühl der Menschen besser ab. Wessen Einkommen durch Sozialtransfers soweit aufgestockt wird, dass er in die Mittelschicht vorstößt, mag dieser Klasse zwar zahlenmäßig angehören, dürfte sich selbst aber weiterhin als Teil der Geringverdiener begreifen.

Das erschreckende Ergebnis des Vergleichs lautet nun in einem Satz: Deutschland und die USA sind sich ähnlicher als man denkt.

Zählt man zur Mittelschicht alle Menschen, die zwischen 67 und 200 Prozent des Medianeinkommens verdienen, umfasst diese in Deutschland noch 61 Prozent der Bevölkerung. In den USA sind es 50 Prozent, also noch ein gutes Stück weniger. Als Medianeinkommen wird das Bruttoeinkommen bezeichnet, das die Bevölkerung in zwei genau gleich große Hälften teilt.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre jedoch weist erstaunliche Parallelen auf. Seit Anfang der Achtzigerjahre ist die Mittelschicht in den USA um neun Prozentpunkte geschrumpft, in Deutschland waren es acht Punkte.

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Die Mittelschicht schrumpft damit in Deutschland genauso schnell wie in den USA. Zwar verraten diese Zahlen wenig über die sozialen Verhältnisse, dafür umso mehr über die Dynamik der Einkommen.

Trotz Wachstums muss der Staat in Deutschland also immer mehr umverteilen, um die Ungleichheit im Land im Zaum zu halten.

Die Mehrheit der Bevölkerung verliert an Einkommen

Sogar die Einkommen innerhalb der Klassen entwickeln sich in Deutschland und den USA erstaunlich gleichförmig. Von den Achtzigerjahren bis zur Jahrtausendwende stieg das Medianeinkommen auf beiden Seiten des Atlantiks kontinuierlich an, danach drehte sich die Entwicklung um. Zwischen 2000 und 2014 sank das reale Medianeinkommen in den USA um vier Prozent, in Deutschland schrumpfte es nach Jahrzehnten des Wachstums um ein Prozent (bis 2013). Diese Zahlen lassen bereits vermuten, was an anderer Stelle belegt wird: Während die Einkommen immer weiter auseinandergehen, gewinnt eine kleine Gruppe massiv hinzu, die Mehrheit der Bevölkerung aber verliert real an Einkommen. 

Das belegt der Vergleich der Einkommensanteile der verschiedenen Schichten. So verfügte die Mittelschicht in den USA 1980 noch über 60 Prozent aller Einkommen, 2014 waren es nur noch 43 Prozent. Der Einkommensanteil der Mitte sank damit deutlich schneller als der Bevölkerungsanteil. In Deutschland sieht es ähnlich aus: Während der Bevölkerungsanteil der Mitte seit 1983 um fünf Prozentpunkte sank, verringerte sich der Einkommensanteil um neun Punkte.

Zuwanderer landen zunächst in den unteren Einkommensschichten

Besonders betroffen vom Schrumpfen der Mittelschicht sind in Deutschland wie in den USA Zuwanderer. So sank der Anteil der Weißen in der Mittelschicht in den USA zwar im Vergleich zu allen anderen Ethnien am deutlichsten, sie wanderten jedoch vor allem in die obere Einkommensschicht ab. In der unteren Schicht wuchs hingegen der Anteil der Latinos am schnellsten.

Marcel Fratzscher über das Schrumpfen der Mittelschicht

In Deutschland wird die Ethnizität zwar nicht in Umfragen erhoben, Rückschlüsse lässt aber die Auswertung nach Geburtsort zu. So ist der Anteil der Angehörigen der Mittelschicht unter denjenigen am stärksten geschrumpft, die nicht in Deutschland geboren wurden. Ihr Anteil lag 2013 um 15 Prozentpunkte unter dem Wert von 1983, die Mitte schrumpfte hier doppelt so schnell wie in der Gesamtbevölkerung.

Dass sich auch bei diesem Kriterium die Entwicklungen in Deutschland und die USA so stark ähneln, überrascht vor allem deshalb, weil es im Untersuchungszeitraum in den USA eine deutlich stärkere Zuwanderung gegeben hat. Neue Zuwanderer gruppieren sich zunächst stets in den unteren Einkommensschichten ein, können dann aber aufsteigen. In Deutschland hingegen scheint es sich um echte, individuelle Abstiegsprozesse zu handeln.

Unterschiede in der Oberschicht

Trotz aller Parallelen gibt es aber auch Unterschiede – die wohl die wahrgenommene Ungleichheit am stärksten beeinflussen. So ähnlich sich in Deutschland und den USA im Prinzip die Entwicklungen in der Mitte und am unteren Ende sein mögen, so verschieden sind sie in der Oberschicht.

Das zeigt sich vor allem am Vermögen, aus dem viele der Gutverdienenden ja auch ihre regelmäßigen Einkünfte generieren. So summierte sich das durchschnittliche Vermögen der Einkommensstarken in Deutschland 2012 immerhin  auf das 3,2-fache derjenigen in der Einkommensmitte. In den USA verfügten sie hingegen über das 6,6-fache des Vermögens der Mitte.

Dieses Verhältnis setzt sich im direkten Vergleich der Oberschicht fort: Amerikanische Topverdiener verfügen im Durchschnitt über ein mehr als doppelt so großes Vermögen wie die Mitglieder der deutschen Einkommenselite.

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