Editorial: Wird auch 2024 ein verlorenes Jahr?
Deutschland muss aufpassen, dass es nicht ein zweites Italien wird, nur mit schlechterem Essen und schlechterem Wetter. Darum dreht sich im Kern die Debatte um unser Wirtschaftswachstum: Wann kommt es endlich zurück, und wenn ja, wie viel?
Nun ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal überraschend geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt sank von April bis Juni um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Wieder ein Alarmsignal, es wird kein Sommer der Zuversicht.
Viele Ökonomen dämpfen bei der Hoffnungsfrage ohnehin seit geraumer Zeit die Erwartung, zu fragil ist die weltpolitische Lage, zu verunsichert sind die Konsumenten, zu misstrauisch die Investoren. Selbst die Bundesregierung spricht von nur einem halben Prozent Potenzialwachstum. An eine Wirtschaftswunderheilung glaubt mittlerweile niemand mehr.
Vor allem der Konsum bereitet Sorgen, der elementar ist für das Wachstum: Das Handelsblatt Research Institute hat vor einigen Tagen alarmierende Zahlen zusammengetragen: Demnach war der reale Konsum im ersten Quartal dieses Jahres auf dem Niveau von Anfang 2018. Die Verbraucher sind verunsichert, sparen überdurchschnittlich viel. Die Sparquote lag in dem Zeitraum bei 14,9 Prozent, im Mittel liegt sie bei 10 bis 11 Prozent.
Hohe Kaufkraftverluste, Reallöhne so hoch wie 2018
Alle spüren, dass sie weniger für ihr Geld bekommen: Das allgemeine Preisniveau ist um rund 20 Prozent höher als Anfang 2020, bevor die Pandemie ausbrach. 2023 waren die Reallöhne so hoch wie 2015, sie stiegen zwar in diesem Jahr, aber im ersten Quartal 2024 waren sie noch hoch wie im Vergleichsquartal 2018. Verlorene Jahr also für die Konsumenten.
Nun hat die Ampel ein neues Wachstumspaket vorgelegt, das noch mal ein halbes Prozent aufs Wachstum draufpacken will. Doch bis sich das Paket entfaltet, dauert es, und wenn die Wachstumsschwäche wirklich so chronisch ist, ist auch das Paket als Stimulus zu klein gedacht. Für 2024 jedenfalls muss man vorsichtig bleiben. Mit Blick auf das Gesamtjahr scheint nur eines sicher: die Null vor dem Komma.
Und auch hier mehren sich die Fragezeichen hinter der Erholung: So ist der wichtige Einkaufsmanagerindex PMI – der Stimmen zu Umsätzen, Beschäftigung und Preisen sammelt – unter die wichtigste Marke von 50 gefallen, erstmals sank er nach vier Monaten. Anders gesagt: Die Belebung im Frühjahr ist im Sommer vorerst zum Erliegen gekommen. Auch der wichtige Ifo-Index ist zuletzt gesunken.
Das Jahr fühlt sich an wie die zweite Januarwoche
Das alles ist zu wenig für ein Land, dessen Bevölkerung seine Ansprüche nicht gerade senkt, die nicht gerade „in die Hände spuckt“, wie es in dem 1980er-Schlager hieß.
Das erste halbe Jahr fühlte sich an wie eine zweite Januarwoche: Man schaut, sortiert sich, plant, aber entscheidet wenig. Die Vorsicht vieler Unternehmen ist verständlich: viel Streit in der Regierung, zu viele unklare Signale. Die (vermeintliche) Einigung auf einen Haushalt samt Wachstumspaket war wichtig, wird aber überlagert von anderen Themen: dem Zollstreit mit China und dem Wahlkampf in den USA, der schon jetzt historisch ist: Innerhalb einer Woche gab es ein Attentat – und den Verzicht auf eine Kandidatur eines US-Präsidenten, zwei spektakuläre Volten also.
Bei „Warten auf Godot“ passiert mehr
Abzuschalten in diesem Sommer dürfte also schwierig sein, wenn man ein Unternehmen führt: Man ist ungern auf Reisen, wenn man nicht weiß, wo die Reise für die eigene Firma hingeht.
Nicht nur die deutsche Wirtschaft steckte im ersten Halbjahr fest, auch die Debatte hat sich verkeilt. Was kann und muss jetzt noch getan werden? Wollen wir nur noch über die Schuldenbremse streiten? Oder gemeinsam auf den Aufschwung warten wie Kinder auf den Nikolaus? Da wage ich mal die Prognose: Bei „Warten auf Godot“ passiert mehr.
Die Ampel verweist immer noch auf 16 Jahre Merkel-Stillstand und drei Jahre Krieg und Inflation – alles richtig. Aber das kann nicht ewig als Erklärung herhalten, dass man sich von einem verlorenen Jahr zum nächsten hangelt. Es wäre fatal, wenn wir das Jahr schon jetzt im Kopf abhaken. Die Ampel sollte nach der Sommerpause wirtschaftspolitisch ihren Kompass neu justieren, schärfen, noch einen neuen Anlauf nehmen – und ein Ziel ganz oben auf die Agenda setzen: mehr Wettbewerbsfähigkeit für unser Land. Da hat sie nicht alles ausgereizt. Hauptsache, kein Italien.
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