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Einblick

Zurück in die Kälte

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Nie zuvor war alle Welt so unmittelbar

Aber die Verbindung ist da. Sie ist so nah, so unmittelbar, dass unsere Gänsehaut den Gegner berühren könnte. Auch das ist ein Zeichen der Zeit. Nie zuvor war alle Welt so unmittelbar. Nie zuvor konnten wir an jedem Ort und in jedem Moment so viel wissen über die Welt, über die anderen und uns selbst. Aber wir wissen oft fast nichts. Die Regeln einer Aufmerksamkeitsökonomie allumfassender Allgegenwärtigkeit schnurren auf eine simple Strategie zusammen: Wo es zu viele Sichtweisen der Dinge gibt, ist die eigene immer die nächste, muss die eigene Stimme immer die lauteste sein.

Es ist auch ein Zeichen dieser Zeit, dass die gegenwärtige weltpolitische Lage immer mehr Assoziationen zu einem kalten Mehrfrontenkrieg hervorruft. In den USA twittert ein nächster Präsident wie ein Rowdy auf Koks gegen China, Mexiko und die deutsche Kanzlerin. Jahrzehnte der Westbindung, der stabilen Achse zwischen Europa und den USA, stehen plötzlich infrage. Um die Stabilität im Nahen und Mittleren Osten wollen sich nun gemeinsam Russland, Iran und die Türkei kümmern, Letztere zufällig auch Nato-Partner. Und Europa hängt dazwischen wie ein laffer Schluck Wasser in der Kurve einer geopolitischen Achterbahnfahrt. Nächste Station: Brexit.

Die politische Zivilisation auf dem Rückzug? Auch sie hat dem Terror unserer Zeit wenig entgegenzusetzen. Die Lage in Aleppo zeigt: Schon längst ist in den internationalen Beziehungen das Unerhörte alltäglich geworden. Die einstigen Helden bleiben den Kämpfen fern, während die Schwachen in die Feuerzonen rücken. Mal ehrlich: Kämen wir als Fremde neu in diese Welt, würden wir uns von uns selbst beeindrucken lassen?

Über das Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt wird entsetzt diskutiert. Das ist verständlich, aber das reicht nicht. Diskussion heißt: die Dinge aufbrechen, analysieren, gegensätzliche Positionen hin und her spielen. Davon haben wir genug. Es mangelt an Dialog, an dem Versuch, einander zuzuhören, um gemeinsame Positionen zu finden. In den internationalen Beziehungen, in Europa und auch in Deutschland.

Einen wichtigen Gedanken dazu hat die amerikanische Politologin Judith Shklar vorgedacht: Der Westen müsse sich zunächst einmal für sich selbst vergewissern, was er wolle und wofür er stehe. Eine freie Gesellschaft dieser Tage wäre dann vielleicht nicht geprägt durch das maximale Maß an Freiheit, sondern durch die maximal mögliche Abwesenheit von Unfreiheit. Wenn klar ist, wo und wie diese Grenze verläuft, lässt sie sich auch besser verteidigen.

Radikalen Liberalen fällt dieser Gedanke einer (vorübergehenden) umgekehrten Beweislast in der zivilisatorischen Entwicklungslogik sicherlich schwer. Derzeit aber droht größere Gefahr. Wenn im Angesicht Syriens, der Ukraine oder auch der Türkei Geduld die Uniform des Tages ist, dann läuft die Zeit. Die Zivilisation dreht weiter auf gestern. Und wir sitzen alle im Zug zurück in die Kälte.

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