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Einwanderung Warum viele Türken weniger integriert sind als andere Gruppen

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Aussiedler wirtschaftlich besser gestellt als Gastarbeiter

Der Ökonom Thomas Straubhaar, seit den 1990er Jahren in der Einwanderungsdiskussion in den Medien präsent, hält vor allem den Vergleich der Türkischstämmigen mit den aus Osteuropa eingewanderten deutschstämmigen Aussiedlern für erkenntnisbringend. Die seien zwar nicht ganz so erfolgreich wie die Deutschen ohne Migrationshintergrund, aber deutlich erfolgreicher als diejenigen mit türkischer Herkunft. Im Schnitt erreichen Aussiedler ein um 13 Prozent höheres Einkommen als Familien mit türkischer Herkunft. Deren Armutsrisiko sei um 10 Prozent höher. Kurz: „Aussiedler schaffen es deutlich öfter als Türken in Deutschland wirtschaftlich erfolgreich Fuß zu fassen.“

Was Flüchtlinge dürfen

Warum schaffen es eher die Aussiedler? Warum sind Türken und Türkischstämmige oft wenig erfolgreich? Für Straubhaar ist die Antwort klar: Die ersten waren sofort deutsche Staatsbürger, die Türken nicht. Sie würden, so Straubhaar „wie Gäste behandelt“. Und darum dürften sich die Einheimischen „nicht wundern, wenn sie sich auch wie Gäste verhalten.“

Doch erklärt diese Behauptung tatsächlich, was sie erklären will? Oder schiebt sie nicht in fragwürdiger Weise die Schuld für den mangelnden ökonomischen Erfolg der Eingewanderten auf die Einheimischen? Schließlich könnte man – ebenso unbelegt – behaupten: Wer sich wie ein Fremder benimmt, darf sich nicht wundern, wenn er wie ein Gast behandelt wird.

Straubhaar unterschätzt wohl den Realismus der einheimischen Deutschen. Die Erwartung, dass alle „Gastarbeiter“ wieder in ihre alte Heimat zurückkehren, wurde in Deutschland schon vor über 30 Jahren aufgegeben. Dass Deutschland de facto ein Einwanderungsland sei und aus Gastarbeitern Mitbürger würden, war schon in den 1970er Jahren in den Zeitungen zu lesen. Schon 1973 konnte Theo Sommer in der „Zeit“ schreiben, dass es eine Lebenslüge sei, dies zu leugnen. Spätestens seit den 1980ern war es weitgehend Allgemeingut.

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    Indem Straubhaar den Misserfolg türkischer Zuwanderer auf die fehlende Staatsbürgerschaft schiebt, führt er die Debatte um die doppelte Staatsangehörigkeit in den späten 1990er fort. Auch damals erklärten viele die Verleihung der Staatsbürgerschaft, einen bürokratischen Akt, zum Schlüsselinstrument der Integration.

    Sie offenbarten damit ihren Glauben an die „Utopie der Regeln“ (David Graeber), also an die erzieherische Allmacht und Allzuständigkeit des Staates in sozioökonomischen Fragen. Aus diesem Glauben ist eine Migrationsforschung erwachsen, die sich als Politikberatung versteht und allein schon deswegen jede Erklärung für ein Scheitern der Integration beim deutschen Staat finden zu können glaubt.

    Straubhaar ignoriert in seiner Erklärung der schwachen wirtschaftlichen Performanz türkischer Einwanderer bewusst, dass das neue Staatsbürgerschaftsrecht die Hürden zur Einbürgerung extrem gesenkt hat. Für in Deutschland geborene Kinder von Einwanderern gibt es sie praktisch nicht mehr – es sei denn, sie bestehen auf der Staatsbürgerschaft des Herkunftslands ihrer Vorfahren.

    Straubhaar ignoriert außerdem – wie das Gros der deutschen Migrationsforscher und Ökonomen -, dass auch in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Frankreich, die schnellere Erlangung der Staatsangehörigkeit keinen erkennbaren Einfluss auf den ökonomischen Integrationserfolg der Einwanderer hatte. Die meisten Jugendlichen, die 2005 in den Banlieues randalierten, waren französische Bürger.

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