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Freytags-Frage

Soll Wissenschaft gesellschaftlich gesteuert werden?

Wie sehr soll und muss Wissenschaft gesellschaftlichen Zwecken dienen? Und wer legt fest, was gut oder schlecht wäre? Die Debatte darüber, was Wissenschaft leisten soll, ist gut – aber die Gefahr von Überforderung groß.

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Wie stark soll sich Wissenschaft gesellschaftlich und politisch einbringen? Quelle: dpa

In der Wissenschaftspolitik findet seit einigen Jahren eine interessante Debatte darüber statt, ob die Wissenschaft sich stärker nach gesellschaftlichen Zielen ausrichten soll. Das Argument lautet, dass man angesichts der enormen Herausforderungen der Zukunft die Forschung sich selbst überlassen sollte, sondern auf diese Herausforderungen hin steuern muss.

Anlass ist der Klimawandel und der deutlich zu groß dimensionierte ökologische Fußabdruck der Menschheit. Deshalb fordern Ökologen wie der Wuppertaler Kollege Uwe Schneidewind eine „transformative Wissenschaft“, die genau dieses Phänomen aktiv angeht. Sie soll dabei von außen irritiert, also vermutlich inspiriert werden, insbesondere von der Zivilgesellschaft. Wie genau die sogenannten Bürgeruniversitäten funktionieren soll, bleibt etwas unklar. Deutlicher wird es, wenn man die inhaltlichen Aussagen aus Wuppertal zur Orientierung hinzuzieht. Denn interessanterweise scheint Herr Schneidewind auch schon zu wissen, dass die Probleme der Menschheit keinesfalls mit mehr Wachstum zu lösen sind; es sei nötig, die Gesellschaft kulturell und institutionell zu ändern und ein neues Bewusstsein zu schaffen.

Grundsätzlich kann man natürlich nichts dagegen haben, dass sich Wissenschaft mit gesellschaftlich und politisch relevanten Fragen befasst – das Prinzip darf gerade nicht „Eleganz vor Relevanz“, wie man es zum Beispiel in manchen Beiträgen der Wirtschaftswissenschaften vorzufinden glaubt. Allerdings ist es gar nicht so leicht, die Relevanz einer Fragestellung im Vorhinein zweifelsfrei zu klären. Es kann durchaus sein, dass ein Beitrag, der in diese Kategorie zu fallen scheint, sich am Ende nicht nur als elegant, sondern auch als überaus relevant herausstellt.

Das heißt etwas abstrakter formuliert, dass Wissenschaft ein offener Prozess ist, der zunächst in einer positiven, theoriegeleiteten und empirischen Analyse versucht, Wirkungszusammenhänge zu verstehen. Dabei sollten die betroffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunächst so wenig wie möglich mit Werturteilen arbeiten; sie sollten sich den Qualitätsmaßstäben einer internationalen Wissenschaftsgemeinschaft aussetzen. Dabei kann es passieren, dass die Forscher einer Disziplin für eine Weile einer Mode folgen, die sich als Irrweg herausstellt – Versuch und Irrtum eben. In der langen Frist hat sich dieser Prozess immer als vernünftig herausgestellt – es setzen sich immer diejenigen Strömungen durch, die die relevanten Fragen bearbeiten. Insofern ist das Verhältnis der Wissenschaft zur Gesellschaft ein fließender Prozess; mal sind die beiden Sphären weiter entfernt voneinander, mal kommen sie sich näher.

Die Erstklassigkeit der deutschen Wissenschaft steht auf dem Spiel

Deswegen ist die Forderung einer Bürgerbeteiligung an der Wissenschaft einigermaßen irritierend für den Wissenschaftler, wenn nicht weltfremd. Welche Bürger sollen beteiligt sein- die guten (von der Postwachstumsfraktion) oder auch die bösen (die Neoliberalen)? Oder sollen in Zukunft die Nichtregierungsorganisation attac und Pegida (ebenfalls eine Bürgerbewegung, nur zur Erinnerung) paritätisch Einfluss darauf nehmen, was an den Universitäten geforscht wird oder wer berufen wird? Das würde vermutlich darauf hinauslaufen, dass Liberale und Ausländer an deutschen Universitäten keine Chancen mehr hätten. Die berufsqualifizierenden Schriften würden wahrscheinlich daraufhin überprüft werden, ob sie dem Dogma der jeweiligen Bürgerbewegung entsprächen. Das hatten wir doch schon mal! Stillstand in der deutschen Wissenschaft und ihre Drittklassigkeit wären vermutlich die Folge.

Hinzu kommt noch, dass die Forderung nach einer Post-Wachstumsgesellschaft ein typisches Phänomen reicher Gesellschaften ist, „die schon alles haben“. Wachstum ist – empirisch betrachtet – auch eher ein von unten erfolgender Prozess; es sind Menschen mit Ambitionen, die Wachstumsprozesse auslösen. In Entwicklungsländern wird man vermutlich über den Begriff Post-Wachstum nur den Kopf schütteln. Die entscheidende Frage ist deshalb auch, wie der Wunsch vieler Menschen, der Armut zu entkommen, mit den ökologischen und klimatischen Notwendigkeiten in Einklang zu bringen ist. Ob ökonomische Anreize stärker wirken als der Wunsch nach einem neuen Bewusstsein, ist allein eine empirische Frage.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Forderung nach gesellschaftlich relevanter und anschlussfähiger Forschung eher durchsichtig. Es sieht mehr danach aus, bestimmte Ergebnisse als gesellschaftlich erwünscht zu präjudizieren und alternative Ergebnisse auf diese Weise auszuschließen. Das hätte mit Wissenschaft dann aber nicht mehr viel zu tun.

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