Israel: Ein Einmarsch in Gaza wäre ein blutiger Albtraum

Außenministerin Annalena Baerbock war am Freitag in Tel Aviv – im Auge des Sturms: Noch am Morgen liefen die letzten Vorbereitungen der Israel Defence Forces (IDF) für eine Bodenoffensive im nördlichen Gazastreifen, in dem auch Gaza-Stadt liegt. Die israelische Armee hat über eine Million Palästinenserinnen und Palästinenser aufgerufen, unter größter Eile in den Süden zu flüchten. Die Hamas schwört Widerstand. Seit Tagen fliegt die israelische Luftwaffe bereits verheerende Bombenangriffe. Rücken jetzt die IDF-Truppen in den Gazastreifen ein, wird das Blutvergießen in eine schreckliche neue Phase eintreten.
Das muss allein jedem klar sein, der sich an die bislang letzte israelische Bodenoffensive im Jahr 2014 erinnert. Damals hatte es auf beiden Seiten enorme Opferzahlen gegeben. Militärexpertinnen gehen allein bei einem normalen Angriff auf städtische Gebiete davon aus, dass der Angreifer sechs zu eins überlegen sein muss, um die Oberhand erringen zu können. In Gaza wird das nicht reichen. Große Teile des Gebiets hat die Hamas vermint und mit Sprengfallen gespickt, dazu kommen ausgeklügelte Tunnelsysteme, um die eigenen Kämpfer zu verstecken.
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Sowohl IDF als auch Dschihadisten proben den Partisanen-Kampf bereits seit Jahren. Und das Schreckliche daran: Eine hohe Zahl an zivilen Opfern müssen beide Seiten quasi einpreisen, um überhaupt irgendeinen Erfolg zu haben. Was jetzt zu kommen droht, man kann es nicht anders ausdrücken, wäre Häuserkampf auf Crack, ein blutiger Guerillakrieg, der historisch einmal in einer Reihe mit Afghanistan und Vietnam stehen könnte.
Hoffentlich werden diese Sätze nie wahr. Aber der politische Imperativ für solch eine Katastrophe ist längst gesetzt. Denn Israels Premierminister Benjamin Netanyahu kämpft selbst ums politische Überleben. Um die Schmach des Hamas-Terrorangriffs vom vergangenen Samstag wieder gut zu machen, und um das Versagen seiner eigenen Regierung zu revidieren, braucht Netanyahu einen überwältigenden Erfolg. Außer der Invasion bleibt kaum eine Option übrig, was wiederum genau die Agenda der Hamas gewesen sein dürfte. Terrorismus bleibt die Waffe des Schwachen, um die Stärken des Gegners gegen sich selbst zu wenden.
Dazu verbittet sich der israelische Premier jede Belehrung von außen. Annalena Baerbock musste vor Ort machtlos dabei zusehen, wie sich dieser Albtraum weiter entfaltet.
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