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Karriere in der VWL„Wer mit neuen Ansätzen kommt, hat es schwer“

Wer in der VWL Karriere machen will, muss hochkarätige Publikationen vorweisen. Doch der Markt wird von nur fünf Zeitschriften beherrscht – und ist gerade für deutsche Wissenschaftler schwierig. Der VWL-Nachwuchs sollte sich daher nicht verzetteln, warnt Ökonom Klaus Schmidt.Bert Losse 09.05.2024 - 16:08 Uhr
Foto: WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Schmidt, der Nobelpreisträger James Heckman moniert in der VWL eine „Tyrannei“ von fünf führenden Fachzeitschriften. Kann man als junger Ökonom in Deutschland Karriere machen, ohne in einem „Top Five“-Journal publiziert zu haben?
Klaus Schmidt: Ja, aber es wird schwierig. Veröffentlichungen in den Top-Five-Journals sind für viele Hochschulen ein zentrales Kriterium bei der Personalauswahl und haben ein viel stärkeres Gewicht als Publikationen in anderen Journalen. Wer eine solche Publikation vorzuweisen hat, kann sicher sein, in die Endauswahl zu kommen und nicht durchs Raster zu fallen, wenn die Hochschule aus vielleicht 50 Bewerbungen zehn Kandidaten in die engere Wahl nimmt. Klar: Die Berufungskommissionen sollten nicht nur auf Top-Five-Artikel schauen, aber sie können sich auch nicht davon abkoppeln. Die Publikationsliste ist die Währung der Ökonomen – und ihrer Hochschulen – auf dem globalen Wissenschaftsmarkt.

Vier der fünf führenden Journals kommen aus den USA. Ist da die Chancengleichheit für den akademischen Nachwuchs aus Europa gewahrt?
Die Dominanz der USA ist nicht unproblematisch. Es spielt eine wichtige Rolle, wie gut man vor Ort vernetzt ist, ob man die Herausgeber der Journals kennt und mit deren Umfeld kommunizieren kann. Wer in Harvard forscht, schafft es daher mit seinen Arbeiten erwiesenermaßen leichter ins „Quarterly Journal of Economics“, die Harvard-Hauszeitschrift, als andere. Wer von einer europäischen Provinz-Uni kommt, fällt hingegen schnell durchs Raster. 

Teilen Sie die Kritik mancher Ökonomen, dass sich die führenden VWL-Zeitschriften schwer tun mit Ideen und Methoden abseits des Mainstreams? 
Zum Teil ja. Die Top-Journals verstehen sich zwar als General-Interest-Magazine, die alle Themen abdecken. In der Realität gibt es aber inhaltliche und methodische Schwerpunkte, und wer mit gänzlich neuen Ansätzen kommt, hat es schwer. Viele originelle und bahnbrechende Arbeiten sind daher vorher nicht in einem Top-Five-Journal erschienen. 

Foto: WirtschaftsWoche
Zur Person
Klaus Schmidt ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU München und Mitglied im Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums. 2025 übernimmt er den Vorsitz des Vereins für Socialpolitik, der größten wissenschaftlichen Ökonomenvereinigung im deutschsprachigen Raum.

Die meisten Fachbeiträge sind heutzutage empirische Studien. Spielt es eine Rolle für die Publikationschancen, welche Daten die Wissenschaftler verwenden?
Leider ja. Arbeiten mit angelsächsischen Daten haben bessere Chancen – ein weiterer Wettbewerbsnachteil für Europäer. Das Interesse der amerikanischen Community ist nun mal höher für das, was in ihrem eigenen Land passiert. Muss sich ein amerikanischer Gutachter mit deutschen oder europäischen Datensätzen auseinandersetzen, bekommt er oft ein schlechtes Gefühl, weil er die Datengüte nicht einschätzen kann. Er muss sich dann viel mehr Mühe geben, sich in die Datenstruktur einzuarbeiten. Daher ist es ein gewisses Risiko, mit europäischen Daten zu arbeiten.

Wie fair sind die Gutachter denn prinzipiell?
Es gehört zum guten Ton in unserer Zunft, unentgeltlich und regelmäßig als Referee zur Verfügung zu stehen. Viele Kolleginnen und Kollegen machen das ganz ausgezeichnet und geben den Autoren wertvolle Hinweise und Verbesserungsvorschläge. Allerdings versuchen einige Gutachter bisweilen, den Autoren stark reinzureden und Papiere in eine bestimmte Richtung zu drängen.

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Warum? 
Manchmal verfolgen Gutachter eine eigene Agenda, etwa weil sie selber zu einem bestimmten Thema geforscht haben und in der neuen Arbeit gerne zitiert werden möchten. Gerade jüngere Gutachter wollen bisweilen auch die Herausgeber beeindrucken. Sie fühlen sich geehrt, dass sie nach Ihrer Meinung gefragt werden – und glauben, besonders streng und pingelig gegenüber Autoren auftreten zu müssen. Manchmal wäre mehr Zurückhaltung angebracht, gerade gegenüber dem wissenschaftlichen Nachwuchs.  

Die Zahl der Artikel in den Top-Five-Journals ist in den vergangenen 30 Jahren konstant geblieben. Die Zahl der eingereichten Arbeiten aber hat stark zugenommen. Was ist die Folge dieses Flaschenhalses?
Dass viele gute Papiere mittlerweile abgelehnt werden müssen, weil schlicht der Platz fehlt. Die Annahmequote liegt bei nur fünf bis sechs Prozent – ein aus Sicht der Autoren katastrophaler Wert. Bei vielen Ökonominnen und Ökonomen ist es geradezu zu einer Obsession geworden, in die Top Five reinzukommen. Sie arbeiten im Schnitt deutlich länger an einzelnen Forschungsarbeiten als früher und versuchen teilweise über Jahre, ihre Arbeit zu polieren.

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Und wenn es am Ende nicht klappt?
Dann kommt der große Frust und das Gefühl, die Arbeit sei nichts wert. Die Leute sind dann oft relativ weit im Berufsleben und haben keine einzige Veröffentlichung vorzuweisen – eben weil sie die gesamte Zeit für diese eine Arbeit verwandt haben. Das ist fatal.

Was raten Sie also jungen Wissenschaftlern, die Karriere machen wollen?
Sie sollten nicht alle Eier in einen Korb legen und mehrgleisig fahren. Warum nicht mal ein paar kleinere Papiere schreiben, um Erfahrung zu sammeln?  Und ab einem bestimmten Punkt muss gelten: Cut your losses! 

Was meinen Sie damit?
Wird ein Beitrag für ein Top-Five-Journal auch beim zweiten Versuch abgelehnt, sollte man die Arbeit möglichst zügig an eine Zeitschrift aus der zweiten Reihe geben. Einige Top-Journals haben mittlerweile Tochterzeitschriften gegründet. Neben der „American Economic Review“ etwa gibt es nun zum Beispiel das „American Economic Journal: Microeconomics“. Auch die Econometric Society hat zwei Unterjournals aufgelegt. Die sind nicht so hoch angesehen wie die Mutterblätter. Aber es ist trotzdem gut, dass es diese zusätzlichen Publikationskanäle gibt.

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