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Lohn-Preis-Spirale Diese Gefahr wird völlig unterschätzt

Quelle: dpa

Verdi fordert für die Beschäftigten der Länder fünf Prozent mehr Geld – und verweist explizit auf die steigende Inflation. Das zeigt: Wir dürfen das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale in Deutschland nicht unterschätzen. Ein Kommentar.

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Frank Werneke ist ein Gewerkschaftsfunktionär der ruhigen Art. Als der Verdi-Vorsitzende per Livestream die Lohnforderung für die 845.000 Tarifbeschäftigten der Bundesländer präsentiert, verzieht er keine Miene und selbst die rituellen Attacken auf das Arbeitgeberlager kommen in freundlich-neutralem Tonfall daher. Doch der Inhalt seines Vortrags ist weniger bedächtig.

Verdi und Beamtenbund fordern fünf Prozent mehr Geld für ihre Leute, mindestens 150 Euro für alle. Das Interessante ist die Begründung: Es geht laut Werneke „um die Sicherung der Kaufkraft“. Dabei verweist der Verdi-Boss explizit auf die hohe Inflationsrate von 3,8 Prozent im Juli – der höchste Stand seit 1993. Steigende Energie- und Lebensmittelpreise wirkten sich laut Werneke überproportional auf niedrige Einkommen aus. Daher sei verteilungspolitisch eine überproportionale Stärkung unterer Lohngruppen nötig.

Das zeigt: Die seit Monaten steigende Inflation hat wieder die Tarifpolitik erreicht. In den Vorjahren, als die Teuerungsrate mikroskopisch klein war, mochten sich die Gewerkschaften nur ungern an ihre traditionelle Lohnformel erinnern, wonach sie ihre Forderungen an der Entwicklung von Produktivität und Verbraucherpreisen orientieren. Nun aber rechnen erste Ökonomen damit, dass gegen Jahresende eine Fünf vor dem Komma steht. Das können die Gewerkschaften organisationspolitisch nicht ignorieren.

Auch wenn ein Teil der aktuellen Preissprünge auf temporären Basiseffekten beruht, wächst damit die Gefahr eines Phänomens, das die meisten Experten bislang herunterspielen: einer Lohn-Preis-Spirale. Darunter versteht man einen sich selbst verstärkenden Prozess aus steigenden Löhnen, der Überwälzung der Kosten auf die Produktpreise und einer daraufhin steigenden Inflation, welche die anfänglichen Lohnzuwächse real neutralisiert. Danach geht das Spielchen von vorne los.

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Zwar ist der Öffentliche Dienst gemeinhin kein Auslöser von Lohn-Preis-Spiralen, da öffentliche Güter keinen Marktpreis haben und steigende Kosten eher über Schulden, höhere Steuern oder Personalabbau kompensiert werden. Sehr wohl aber liefert Verdi eine argumentative Steilvorlage für die Kollegen in der Industrie – im kommenden Jahr stehen die großen Tarifrunden der Metall- und Chemiebranche an. „Die Unternehmen müssen sich nach Corona auf eine generell expansivere und konfliktfreudigere Lohnpolitik einstellen“, warnt Hagen Lesch, Tarifexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft. „Die Forderungen der Gewerkschaften werden deutlich steigen – und auch die Bereitschaft, diese durch einen Arbeitskampf durchzusetzen“. Für realistisch hält er im kommenden Jahr „Forderungen von sechs Prozent, vereinzelt auch darüber“.

Vor diesem Hintergrund schauen Gewerkschaften, Arbeitgeber und Ökonomen nun sehr aufmerksam auf den 30. August: An diesem Tag veröffentlicht das Statistische Bundesamt eine erste Schätzung für die Inflationsrate im August.

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