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Nachhaltigkeit Die grüne Illusion

Das Versprechen eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums ist eine Lüge, wenn man beide Begriffe ernst nimmt. Letztlich müssen wir uns entscheiden, wie viel Wachstum wir noch wollen.

Als Naturwissenschaftler ist Aristoteles out. Doch mit einer seiner fast 2300 Jahre alten Einsichten erlebt der Philosoph seit 40 Jahren eine Renaissance: Für alles gibt es eine Grenze. Die gleiche Botschaft verbreitet seit 1972 auch Dennis Meadows mit seinem 1972 erschienenen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“. Die enorme Nachwirkung des Berichts und die gerade in den letzten Jahren anschwellende Flut wachstumsskeptischer Literatur von Meinhard Miegel ("Exit") und Harald Welzer ("Selbst Denken") bis Robert & Edward Sidelsky ("Wie viel ist genug?") sind ein Indiz für den Konflikt zwischen zwei entgegengesetzten Bedürfnissen in den entwickelten Gesellschaften:

Der von den Renditezielen der Kapitaleigner angetriebene und scheinbar unstillbare Wachstumshunger trifft auf das zunehmende Unbehagen vieler Menschen an den externen Folgen des Wirtschaftswachstums. Einen wirkungsvollen Ausdruck fand dieses Unbehagen in dem Begriff der „Nachhaltigkeit“. Er wurde 1987 in dem so genannten Brundtland-Bericht einer Kommission der Vereinten Nationen geboren. Beziehungsweise wiedergeboren. Denn bekanntlich stammt er vom Begründer der Forstwirtschaft Hans Carl von Carlowitz, der 1713 schrieb, "wie eine sothane [solche] Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, daß es eine continuirliche beständige und nachhaltige Nutzung gebe, weil es eine unentbehrliche Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag".

Grüne Gadgets für den Alltag
FairphoneDer niederländische Mobiltelefonhersteller Fairphone hat seine Pre-Order-Kampagne für "faire Handys" gestartet. Quelle: Fairphone.com Quelle: Presse
Solar-AkkuMit Changers können die Nutzer ihren Strom ganz einfach selber machen. Die ersten beiden Geräte des Starter-Kits sind der Solar-Akku „Kalhuofummi“ und das Solarmodul „Maroshi“. Das Solarmodul lässt sich einfach an einem Rucksack anbringen. Die Sonnenenergie wird in Strom umgewandelt und direkt in dem Akku gespeichert. Das kleine Gerät misst auch den Wert der eignen Energieproduktion und die damit verbundenen CO2-Speicherung. Er speichert die Daten und ordnet sie einer User-ID zu. Die Werte lassen sich dann im Changers-Account oder auf Facebook und Twitter hochladen.  Quelle: changers.com Quelle: Screenshot
Solar-Hülle für den KindleElektronische Lesegeräte sind enorm sparsam, aber nach ein paar tausend geblätterten Seiten geht auch dem Kindle von Amazon die Batterie leer. Wer sich den Gang zur Steckdose sparen möchte, kann seinen eigenen grünen Strom für den E-Reader herstellen: Das Solar Lighted Cover des US-Anbieters SolarFocus lädt tagsüber Sonnenstrom in eine eingebaute Batterie, die wiederum nicht nur den Kindle mit Strom versorgt, sondern auch eine eingebaute LED-Leselampe für die Nacht. Quelle: Solarmio.com
Solar-SteckdoseDie Idee, über eine Solarzelle das eigene Smartphone zu laden, haben die Designer KyuhoSong und Boa Oh ganz neu verpackt. Ihre Idee basiert auf einer runden Solarzelle, die unter einem Saugnapf angebracht ist. Mit dem lässt sich das Gerät einfach an ein Fenster anbringen. Die Rückseite des kreisrunden Geräts in den Farben weiß/grün bietet lediglich zwei Löcher, eben wie eine Steckdose. Dort hinein kann man dann auch jeden handelsüblichen Stecker schieben. Die Solarzelle auf der Rückseite versorgt dann den Verbraucher am anderen Ende, vorausgesetzt die Sonne hinter dem Fenster scheint. Im Inneren der Fenster-Steckdose steckt eine Batterie mit 1000 Milliampere Leistung. Genug also, um das Handy mal ein wenig aufzuladen, für größere Stromfresser wie den Laptop reicht das Gerät allerdings nicht. Dazu ist auch die Solarzelle viel zu klein. Dennoch ist das Konzept beeindruckend: Zum einen sieht es wirklich gut aus, zum anderen ist es sehr einfach zu bedienen. Wann die kabellose Solarsteckdose allerdings auf den Markt kommt, ist bisher nicht bekannt, ebenso wie der Preis. Quelle: yankodesign.com Quelle: Presse
Solar-LadegerätNie wieder Akku leer: Mit dem Solar Changer Kit des US-Anbieter Voltaic haben Nutzer elektronischer Geräte immer ihr eigenes Kraftwerk dabei. Das Solarpanel speist einen Akku, der genug Leistung für Laptops, Tablets und Handys bereitstellen kann. Quelle: Voltaic Systems Quelle: Presse
Tado - HeizungsreglerHeizen leicht gemacht: Die App Tado auf dem Smartphone erkennt ohne Zutun ob deren Besitzer als Letzter das Haus verlässt. Daraufhin sendet die App ein Signal an das Heizungsthermostat, worauf die Temperatur nach unten geregelt wird. Macht sich der Tado-Besitzer wieder auf den Weg nach Hause, wärmt sich die Wohnung auf die Wunschtemperatur auf. Auch nachts reagiert die App und reguliert die Temperatur wieder nach unten. Besonders charmant: Tado ist schlau. So lernt die Technik in den ersten Tagen wie schnell sich die Wohnung abkühlt und wie sich die Sonneneinstrahlung auf die Innenraumtemperatur auswirkt. Quelle: tado.com Quelle: Presse
Sunrocket -ThermosflascheDas Sunrocket ist ein tragbarer Heißwasser-Kessel und eine 500 ml fassende Thermosflasche. Mit Hilfe einer Vakuum-Röhre, an der Solar-Panels angebracht sind, wird Sonnenenergie gebündelt. Diese erwärmt das Wasser in der Flasche. Die perfekte Alternative für Camper. Quelle: sunkettle.com Quelle: Screenshot

Während am Wortsinn bei Carlowitz kein Zweifel herrschen kann, verschwindet der Begriff in jüngerer Zeit mit wachsender Geschwindigkeit in einem Nebel der gewollten Verschwommenheit. Wer den Begriff ernst nimmt, kann darunter nur verstehen, dass nur so viel verbraucht werden darf, wie nachwächst. Ein unbegrenztes Wachstum von was auch immer kann also nicht nachhaltig sein.

Die Definition der Brundtland-Kommission wich davon ab, indem sie von einer „nachhaltigen Entwicklung“ sprach, „die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Da ist schon ein gewisser Spielraum für Interpretationen drin.

Das Wunder des grünen Puddings

Die nachhaltigsten Unternehmen
Innenansicht einer Filiale der Drogerie-Kette dm Quelle: AP
Ein Mann lehnt an einer Wand, unter dem Logo von Mercedes Benz Quelle: REUTERS
Palina Rojinski bei der Pressepäsentation zum OTTO Saisonstart 2012 in Hamburg Quelle: Morris Mac Matzen
Ein Audi A1 Quattro in der Produktion Quelle: dpa
Ein Marmeladenglas der Sorte Landliebe Quelle: dpa/dpaweb
Produkte der Bärenmarke Quelle: AP
Ein Mitarbeiterin von Miele montiert eine Waschmaschine Quelle: dpa

Diesen Spielraum erweitern und nutzen seither professionelle Nebelwerfer in Unternehmen, Parteien und unzähligen Interessengruppen ausgiebig. Der Begriff der Nachhaltigkeit wird bewusst entkernt. So lange wurde er durch den Wolf der PR-Abteilungen gedreht und mit dem Adjektiv „grün“ verwurstet, dass kaum etwas vom ursprünglichen Sinn erkennbar bleibt – außer dem diffusen positiven Gefühl, das man dabei hat. Das Ziel der Sprachpanscherei ist, was Harald Welzer „das Wunder des grünen Puddings“ nennt: Die scheinbare Aufhebung des logischen Gegensatzes durch die Verbindung von Nachhaltigkeit und Wachstum. Der grüne Pudding ist einer, den man gleichzeitig essen und behalten kann.

"Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch"
Begleitet von rund 200 Sympathisanten zogen die Grünen vor 30 Jahren in den Bundestag ein. Unter ihnen waren die Abgeordneten Gert Bastian, Petra Kelly, Otto Schily und Marieluise Beck-Oberdorf (von links nach rechts). Der Bundestag war völlig unvorbereitet auf diese neue Art der Politik. Quelle: dpa
Zwei Tage nach dem 5,6-Prozent-Erfolg der Grünen bei der Wahl am 6. März 1983 kamen die 27 Abgeordneten erstmals zu einer Sitzung zusammen. Der Konferenzsaal des Abgeordnetenhauses am Bonner Tulpenfeld war viel zu eng. Auch Basisvertreter und Nachrücker waren dabei, nach zwei Jahren sollten die frisch gewählten Abgeordneten wieder aus dem Parlament hinausrotieren. Quelle: dpa
Trotz Ermahnungen der politisch Etablierten zu ordnungsgemäßer Kleidung dominierten Strickpullis und Zauselhaare. Nur eine weibliche Abgeordnete erschien mit Anzug und Krawatte. Einige brachten Strickzeug mit in den Bundestag, andere erschienen mit Blumentöpfen zur ersten Sitzung. Quelle: dpa
Auch Blumen gießen gehörte in den Anfangsjahren dazu – hier streng beobachtet von Otto Schily (rechts) und der amüsierten SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier. Über den fehlenden Platz für die Neuparlamentarier verhandelten die Grünen-Fraktionsvorständler Petra Kelly und Otto Schily sowie Fraktionsgeschäftsführer Joschka Fischer mit Bundestagspräsident Richard Stücklen. Die alteingesessenen Parteien zeigten sich skeptisch gegenüber den Neulingen. Helmut Kohl hielt die Grünen nur für eine zwischenzeitliche Episode. „Zwei Jahre gebe ich denen, dann gehen sie Mann für Mann zur SPD über“, sagte er. Quelle: dpa
Doch die Grünen blieben. Schon früh setzten die Grünen themenpolitische Akzente, mit der sie die ganze Republik umkrempelten. Sie sprachen sich nicht nur früh gegen Atomkraft und für den Umweltschutz aus, sondern forderten damals schon gleiche Rechte für Homosexuelle, eine multikulturelle Gesellschaft und die Abschaffung der Wehrpflicht ein – alles Themen, die bis heute auf der Agenda stehen. Waltraud Schoppe (Mitte) sorgte mit ihrer ersten Rede gar für Entsetzen. „ Wir fordern Sie alle auf, den alltäglichen Sexismus in diesem Parlament einzustellen.“ Ein Satz, der ob der Sexismus-Debatte auch 30 Jahre später noch aktuell ist. Quelle: dpa
Zu den ersten Abgeordneten zählten auch Petra Kelly (links, mit Blumen) und Marieluise Beck-Oberdorf (rechts). „Auch wenn wir uns antiautoritär gaben, so hatte doch dieser altehrwürdige Plenarsaal etwas Respekt einflößendes“, sagte Beck-Oberdorf in einem Interview mit tageschau.de. Trotzdem habe es das Gefühl gegeben, man sei keine „normale“ Partei. Quelle: dpa
Grünen-Gründungsmitglied Kelly, hier mit dem damaligen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt, gehörte zu den Ikonen der grünen Anfangsjahre. Sie prägte zum Beispiel den Ausdruck der „Anti-Parteien-Partei“ und der „Instandbesetzung des Bundestages“. Sie setzte sich besonders für Frieden und Menschenrechte ein. Noch mehr Beachtung als ihr Tun fand ihr Tod. Ihr Lebensgefährte und Mitstreiter Gert Bastian erschoss sie 1992 im Schlaf – und tötete sich selbst ebenfalls. Quelle: dpa

Einer der geschicktesten und erfolgreichsten Nebelwerfer des „nachhaltigen Wachstums“ ist der Grünen-Prolitiker und Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks: „Intelligent wachsen!“ sei die Lösung, verkündet er in seinem gleichnamigen Buch. Es trägt den Untertitel „Die grüne Revolution“. Ehrlicher wäre: „Die grüne Illusion“.

In diesem Buch finden sich die notwendigen Zaubersprüche, die das Wunder wahr machen sollen: Statt Grenzen des Wachstums verspricht Fücks  das „Wachsen der Grenzen“ oder „Wachsen mit der Natur“. Grenzen seien schließlich „beweglich“. Von neuen, noch gar nicht existierenden „hocheffizienten Technologien“ ist da viel die Rede und vor allem von der „Entkoppelung“ des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum.

Man fragt sich, was denn da wachsen soll, wenn es keine zusätzlichen Ressourcen verbraucht. Das Gesetz von der Erhaltung der Masse - aus Masse kann nicht mehr Masse werden – lernt jeder Schüler in der ersten Stunde des Chemieunterrichts.

Aus dem Widerspruch, kommt man nur raus, wenn man entweder von „qualitativem Wachstum“ schwadroniert, was Glück oder Lebensfreude oder was auch immer sein kann, nur eben kein Wirtschaftswachstum, das sich an der Produktion von Waren und Dienstleistungen bemisst. Oder dadurch, dass man die Wunschvorstellung von einem „nachhaltigen“, „grünen“ oder „vom Ressourcenverbrauch entkoppelten“ Wirtschaftswachstum durch begleitendes Hokuspokus nährt.

Effizienzgewinne sind nicht nachhaltig

Das sind die grünsten Marken der Welt
Platz 20: L'Oreal Die Markenberatung Interbrand erstellt jedes Jahr ein großes Ranking zu den wertvollsten Marken der Welt. Diese 100 Marken bewertet das Unternehmen in seiner Studie anhand der Wahrnehmung ihrer "grünen" Aktivitäten durch die Konsumenten sowie ihre tatsächliche "grüne" Unternehmensführung. 2013 sind die Autobauer insgesamt überproportional vertreten. Unter den Top Ten der "Best Global Green Brands 2013" kommt die Hälfte der Marken aus dieser Branche. Auf Platz 20 von 50 landet der französische Kosmetikhersteller L'Oreal. Das Unternehmen ist der Top-Aufsteiger im Ranking und wird in der Studie besonders für seine Innovationen und die Mitarbeiterführung gelobt. Quelle: REUTERS
Platz 19: Coca ColaInterbrands Best Global Green Brands Studie 2013 untersucht und bewertet den Gap, also die Lücke, die zwischen tatsächlicher nachhaltiger Unternehmensführung und der Verbraucherwahrnehmung entsteht. Bei einigen Marken gibt es eine starke Diskrepanz zwischen Performance und Wahrnehmung. Bei Coca Cola beträgt diese Lücke minus 13.65. Das bedeutet, dass das Unternehmen deutlich weniger nachhaltig und grün arbeitet, als von den Konsumenten angenommen. Quelle: dapd
Platz 18: SiemensDeutschland ist mit sieben im Ranking vertretenen Marken, neben den USA, eines der erfolgreichsten Länder der diesjährigen Top 50 Best Global Green Brands. Doch es zeigt sich, dass die deutschen Marken noch viel Potential ungenutzt lassen. Fast alle deutschen Marken weisen einen positiven Gap auf, was darauf schließen lässt, dass sie weitaus nachhaltiger arbeiten, als es vom Konsumenten wahrgenommen wird. Bei Siemens beträgt die Lücke zum Beispiel 11,37. Dabei ist Siemens ein sehr nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen. Im Nachhaltigkeitsindex 2012 von Dow Jones erreichte der Konzern 92 von 100 Punkten. Nur den Kunden scheint das Unternehmen das noch nicht vermittelt zu haben. Quelle: dpa
Platz 17: MercedesDie Hälfte der diesjährigen Top Ten sind Automobilmarken. Unter den Top 20 befinden sich insgesamt drei deutsche Automarken: Mercedes-Benz hat es auf Platz 17 geschafft, wobei auch hier die Lücke zwischen tatsächlichem Verhalten und Wahrnehmung zu Ungusten des Unternehmens ausfällt. Ein Gap-Score von 8,13 zeigt, dass auch MErcedes nicht deutlich genug kommuniziert, wie nachhaltig das Unternehmen arbeitet. Quelle: REUTERS
Platz 16: SamsungSamsung hat laut Ranking große Fortschritte in puncto Nachhaltigkeit und Verbraucherwahrnehmung gemacht: Das Unternehmen hat binnen eines Jahres seine Treibhausgas-Emissionen um 40 Prozent reduziert und die Zahl seiner umweltfreundlichen Produkte um ein Vielfaches erhöht. Dazu gehören unter anderem ein Laptop, der mit Solarenergie betrieben wird oder energiesparendere Weißware. Quelle: REUTERS
Platz 15: AdidasAdidas, Nike (Rang 31), H&M (Rang 42) und ZARA (Rang 48) sind die stärksten Bekleidungsmarken der vorliegenden Studie. Bekleidungsmarken und ihre Zulieferer stehen, vor allem durch die sozialen Medien, unter strenger Beobachtung durch die Verbraucher. Mehr als je zuvor werden diese Marken für die Arbeitsqualität und die Sicherheit in ihren Fabriken verantwortlich gemacht. adidas beispielsweise unterzieht seine gesamte Versorgungskette regelmäßig strengen Prüfungen. Das bescherte der Marke eine Verbesserung im Ranking von sieben Plätzen. Quelle: dpa
Platz 14: NestléÜber ihren Neueinstieg in das Ranking 2013 können sich Nestlé (Rang 14), Kia (Rang 37), ZARA (Rang 48) und Colgate (Rang 50) freuen. Aber auch der Nahrungsmittelkonzern Nestlé muss an seiner Kommunikation arbeiten: Auch hier zeigt der Wert von + 5,74 an, dass das Unternehmen grüner ist, als die Kunden ahnen. Quelle: REUTERS

Zum Beispiel durch den Hinweis darauf, dass heute eine Windkraftanlage viel weniger Rohstoffe, Energie und Herstellungsaufwand kostet verglichen mit einem vor zehn Jahren. Wenn man immer so weiter mache, nähern sich die Einsparungen, so das alchemistische Versprechen, irgendwann einer absoluten Effizienz an. Zugleich versprechen sich Wirtschaftspolitiker aller Parteien von solch einer „grünen“ Wirtschaftsstrategie Arbeitsplätze, Wettbewerbsvorteile, neue Märkte – kurz: Wirtschaftswachstum. Nicht nur bei den Grünen, sondern auch in allen anderen Parteien schwärmt man also von einem solchen „green new deal“ oder „grünem Wachstum“ oder einer „green economy“.

Aldi führt Vegetarier-Siegel ein
Der Discounter Aldi Süd führt das vom Deutschen Vegetarierbund vergebene V-Label zur Kennzeichnung fleischloser Produkte ein. In einem ersten Schritt würden Produkte vom vegetarischen Würstchen über fleischlosen Aufschnitt bis zum gelatinefreien Fruchtgummi mit dem Label angeboten. Weitere Produkte würden in den kommenden Monaten folgen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Das V-Label solle Vegetariern und Veganern den Einkauf erleichtern, hieß es. Die Produkte würden dabei entsprechend ihrer Zutaten in vier Gruppen eingeteilt: vegetarisch, ohne Milch, ohne Ei und vegan, also ohne jegliche tierische Zutaten. Aldi ist nicht der einzige Discounter, der die Vegetarier als Kundengruppe entdeckt. Konkurrent Penny testet seit Mitte April mit der Marke „Vegafit“ erstmals Produkte für Vegetarier. Und auch andere Branchen sind auf den Label-Zug aufgesprungen... Quelle: obs
Im April 2014 hatte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) angekündigt, in den kommenden Wochen einen Runden Tisch der deutschen Textilwirtschaft einzuberufen: "Wir bereiten gerade ein Textilsiegel vor, das für nachhaltig produzierte Kleidung stehen und noch in diesem Jahr eingeführt werden soll", sagte er der „Welt am Sonntag“. Deutschland wolle damit in Europa Vorreiter sein. Seine Kollegen in Frankreich und den Niederlanden hätten schon signalisiert, dass sie mitmachen wollten. Der Minister verlangt eine Selbstverpflichtung der Branche: „Wir brauchen soziale Standards, was Arbeitsschutz und Mindestlöhne betrifft. Aber auch ökologische Standards, etwa für Gerbereien, die mit aggressiven Chemikalien arbeiten.“ Er erwarte von der Textilbranche, dass sie für die gesamte Produktionskette vom Baumwollfeld bis zum Bügel die vereinbarten Standards garantiere. „Wenn das nicht auf freiwilliger Basis funktioniert, werden wir einen gesetzlichen Rahmen vorgeben“, sagte er. Allerdings halten nicht alle Siegel, was sie versprechen. Wofür die verschiedenen Biosiegel stehen. Quelle: dpa
EU-Bio-Siegel und Deutsches Bio-SiegelMehr als 60.000 Produkte sind mit dem deutschen Biosiegel gekennzeichnet. Damit ist es nicht nur weit verbreitet, sondern auch sehr bekannt. Etwa 90 Prozent der Verbraucher kennen das Siegel, das 2001 eingeführt wurde. Für dieses sowie das EU-Bio-Siegel gelten die gleichen Richtlinien. Die EU-Richtlinien sind "Kann-Vorgaben", an die sich in der Regel allerdings auch gehalten wird. So dürfen nur fünf Prozent der Zutaten in den ausgezeichneten Produkten aus konventionellem Anbau stammen. Gentechnisch veränderte Organismen sind verboten, allerdings dürfen Zusatzstoffe, die entsprechend hergestellt wurden, weiter verwendet werden. Pestizide sind verboten, chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger allerdings erlaubt. Das Tierfutter in Mast- und Milchbetrieben sollte ökologisch erzeugt sein, allerdings dürfen die Betriebe Futtermittelzukaufen - sofern sie es dokumentieren. Die Tiere müssen so oft wie möglich Auslauf im Freien haben. Außerdem werden die Landwirte aufgefordert, kranke Tiere "bevorzugt" mit pflanzlichen oder homöopathischen Arzneimitteln zu behandeln. Eine nachhaltige Erzeugung - wie etwa darauf zu achten möglichst wenig Wasser zu verbrauchen - wird mit dem Siegel nicht kontrolliert. Die Überwachung des Systems funktioniert weitestgehend. Produkte mit dem Bio-Siegel entsprechen einem Bio-Mindeststandard. Quelle: Presse
AlnaturaDie Eigenmarke vertreibt Produkte aus kontrolliert ökologischem Anbau im Einzelhandel sowie eigenen Bio-Supermärkten. Das Label baut ebenfalls auf der EU-Öko-Verordnung auf, geht allerdings zum Teil sogar noch darüber hinaus. So müssen zum Beispiel alle Zutaten aus ökologischem Anbau stammen. Außerdem lässt Alnatura seine Produkte zusätzlich auf Rückstände von Pestiziden und Schwermetallen untersuchen. Zusätzlich hat das Unternehmen eine Milchpreis-Initiative gestartet. Damit garantiert Alnatura seinen Bio-Landwirten einen festen Milchpreis von fast zehn Cent mehr pro Liter als konventionelle Milchbauern bekommen. Quelle: Presse
Bioland1971 gegründet, ist Bioland mit mehr als 5400 Bauern der größte Anbauverband Deutschlands. Das Konzept basiert auf organisch-biologischer Landwirtschaft ohne Kunstdünger und Pestizide. Biosaatgut und die naturheilkundliche Behandlung von kranken Tieren sind vorgeschrieben. Insgesamt sind die Verbandsrichtlinien deutlich strenger als die der EU, da diese nicht auf weichen "Kann-Regelungen" beruhen. So dürfen die Bioland-Betriebe beispielsweise nicht parallel konventionellen Anbau betreiben. Außerdem schreibt der Verband für jede Tierart spezifische Haltungsbedingungen mit einer garantierten Auslaufzeit im Freien vor. Quelle: Presse
DemeterDie Demeter-Landwirte beziehen sich auf das von Rudolf Steiner entwickelte „biologisch-dynamische Prinzip“ und sehen ihren Hof als ganzheitlichen Organismus. Nur streng kontrollierte Vertragspartner dürfen ihre Produkte mit dem Siegel kennzeichnen. Verzichtet wird auf synthetische Dünger, chemischen Pflanzenschutz und künstliche Zusatzstoffe in der Weiterverarbeitung. Demeter-Betriebe müssen komplett auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt sein. Quelle: Presse
NaturlandMit mehr als 55 000 Bauern ist Naturland global ausgerichtet. In Deutschland sind 2200 Bauern Mitglied. Der Verband vergibt sein Siegel auch für Ökoaquakulturen, Textilien, Imkerprodukte und Brauerzeugnisse. Die Kontrollen werden durch externe, staatlich zugelassene Stellen durchgeführt wie das Institut für Marktökologie (Imo) mit Sitz in der Schweiz und Niederlassungen in mehr als 70 Ländern. Quelle: Presse

Tatsächlich ist das einzig neue und revolutionäre daran nur die grüne oder nachhaltige Worthülse. Denn das Prinzip dahinter ist alt: Effizienzsteigerungen gehören seit jeher zum Kapitalismus dazu. Auch ein Hüttenbetreiber im frühindustriellen England kochte den Stahl dank verbesserter Verfahren mit immer weniger Kohle. Aber das Ergebnis solcher Produktivitätsfortschritte war und ist in der bisherigen Wirtschaftsgeschichte nicht, dass mit weniger Aufwand das gleiche produziert, sondern der Gewinn sofort in Mehrproduktion umgesetzt wird.

Wirklich nachhaltig wären Effizienzsteigerungen aber nur, wenn sie bedeuteten, dass der Verbrauch an nicht nachwachsenden Rohstoffen und Land, sowie die Belastung der Aufnahmefähigkeit der Ökosysteme durch Schadstoffe völlig aufhörte.

Auch wer weniger Öl, Gas, Kohle, Erz oder was auch immer verbraucht, konsumiert endliche Naturressourcen. Er wirtschaftet dadurch vielleicht effizienter als seine Vorgänger, aber nicht wirklich nachhaltig. Irgendwann sind nicht nachwachsende Ressourcen aufgebraucht. Eines Tages wird auch durch Fracking kein Gas oder Öl mehr aus den Tiefen zu pressen sein. Dann ist eine absolute Grenze des Wachstums erreicht – egal ob man es zuvor „grün“ oder „nachhaltig“ nannte.

Das rechte Maß finden

Wirtschaftswachstum ist wie jedes andere Wachstum nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Das rasante Wirtschaftswachstum Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg oder in China seit den 1980er Jahren ist anders zu bewerten als das durch Staatsschulden hochgeprügelte Wachstum der Industriestaaten in den vergangenen 30 Jahren.

Junge Pflanzen, Tiere oder Menschen wachsen natürlich. Doch ebenso natürlich ist, wie Goethe so schön sagt, „dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.“ Ungebremstes, übermäßiges Zellwachstum – Hyperplasie – tut bekanntlich keinem Organismus gut, sondern führt zum Tod, wenn es die Grenzen der Belastbarkeit überschreitet.

Wirtschaftswachstum erscheint derzeit für das Funktionieren der Gesellschaft notwendig, aber das ist kein unabänderliches Naturgesetz, sondern liegt in der menschengemachten Organisation der Wirtschaft und der Staaten begründet. Und die verändert sich, wenn Menschen das wollen. Kein höheres Gesetz verdammt uns zum endlosen Wirtschaftswachstum. Es liegt in unserer Hand. Die Wirtschaft wächst, wenn Menschen es können und wollen – und solange die Natur die Rohstoffe dazu hergibt.

Zu dieser kollektiven Verantwortung gehört auch, dass wir uns nicht aus Bequemlichkeit und Feigheit einreden, wir könnten beides zugleich haben: Unbegrenztes Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit, steigenden materiellen Wohlstand und ein unbeflecktes gutes Gewissen angesichts der Kosten, die wir der Umwelt und unseren Nachkommen aufbürden. Wer das verspricht, lügt.

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Und so stehen wir nach zweieinhalb Jahrtausenden abendländischer Geschichte und zweieinhalb Jahrhundert Industriegeschichte wieder wie die alten Griechen vor der Inschrift des Orakels von Delphi: Nichts im Übermaß! Eine ungeheure Aufgabe, denn nichts fällt dem Menschen schwerer, als das rechte Maß zu finden.

 

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