Tauchsieder

Der gendergerechte Lohn - was für ein Unsinn!

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Kategorie des Unsinns

Kein Wunder also, dass Ökonomen den „gerechten Lohn“ als „Kategorie des Unsinns“ (Friedrich August von Hayek) empfinden: Er entzieht sich seiner definitorischen Festlegung. Und das nicht nur, weil sich der Preis für den Lohn weder allein auf den Wert der Arbeit festlegen lässt („Arbeitswerttheorie“) noch allein aus der schwankenden Nachfrage nach Erzeugnissen oder Dienstleistungen ergibt („Grenznutzentheorie“). Sondern auch, weil der Markt nicht Tüchtige, Fleißigen oder Begabte prämiert, sondern Vermarktbare, sprich: Erfolgreiche.

Insofern deutet sich, sachlogisch gesprochen, mit dem Entgelttransparenzgesetz eine Rückwärtsbewegung in der Diskussion um den „gerechten Lohn“ an: Eine Antwort auf die Frage wird nicht mehr entlang von sozialen Kriterien gesucht („guter Lohn für gute Arbeit“), sondern entlang von ethischen – mit dem Unterschied, dass heute nicht mehr „jedem das Seine“, versprochen wird, sondern „jedem das Gleiche“. Das ist auch insofern merkwürdig, weil die Sozialdemokratie mit dem Mindestlohn ihr wichtigstes Gerechtigkeitsziel der vergangenen Jahre bereits erreicht hat – und weil Fraktionschefin Andrea Nahles bei jeder Gelegenheit betont, dass davon vor allem Frauen profitieren: 70 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnbereich sind weiblich.

Eben deshalb ist das Gesetz auch politisch überflüssig - weil es die dümmliche Nicht-Frauenpolitik von Kristina Schröder („Danke - emanzipiert sind wir selber!“) mit den Mitteln maternalistischer Helikopterpolitik fortsetzt. Wirksam beheben ließe sich die „Gender-Pay-Gap“ sehr schnell, wenn die große Koalition zur Abwechslung mal wirklich was riskieren und neu machen - wenn sie sich auf eine „maskuline Familienpolitik“ mit einem talkshowfesten Mann an der Spitze des Ministeriums entschließen würde.

In diesen Städten verdienen Männer am besten

Von diesem Mann wollen wir dann wöchentlich hören, was Sache ist: Dass Frauen in Bordellen und Pornofilmen nicht Frauen sind, sondern zu Sexobjekten erniedrigt werden. Dass sie von ihren Ehemännern und Partnern geschlagen, bedroht und klein gehalten werden. Dass in männerdominierten Büros die Schlechte-Witze-Schwarte kracht. Dass Frauen machtbasierten Übergriffen und Anzüglichkeiten ausgesetzt sind, weil sie in asymmetrischen Arbeitsverhältnissen stehen, in denen die Vertragsgleichheit zwischen Arbeitgebern und ArbeitnehmerInnen nur sehr bedingt gilt. Dass Jungs in Spielzeugläden noch immer kreative Angebote im Dutzend entgegen strahlen, während Mädchen von klein auf darauf abgerichtet werden, ein sorgendes, behütendes, waschendes, kämmendes, pinkes Püppchen- und Prinzessinnen-Wesen zu entwickeln. Und vor allem: Dass sich Männer für nichts, was sich in ihrem Familien- und Privatleben ereignet, rechtfertigen müssen - und Frauen für alles. 

Während auf die Benachteiligung von Menschen wegen ihrer religiösen, sexuellen oder politischen Vorlieben im öffentlichen Raum mittlerweile äußerst sensibel reagiert wird, nehmen wir die Benachteiligung von Menschen wegen ihres Frauseins schulterzuckend hin: Ganz egal, ob kein Kind, eines oder viele, ob früher, später oder gar nicht, ob Um-jeden-Preis-zurück-in-den-Beruf oder Ich-will-mein-Mutterglück-genießen: Allein Frauen werden nach ihren Beweggründen gefragt, nicht Männer. Allein Frauen werden gefragt, ob sie eine Familie gründen wollen, nicht Männer. Allein Frauen müssen Kind und Karriere miteinander vereinbaren, nicht Männer. Allein Frauen müssen in Unternehmen „werden“ wie Männer - oder sich mit weniger Gehalt abfinden.

In diesen Städten verdienen Frauen am besten

Der neue Familienminister darf natürlich auch Folgendes sagen: Wer weder Informatik oder Mathematik noch Maschinenbau studieren will, darf sich im Verlauf des Berufslebens nicht wundern, schlechter zu verdienen als die männlichen Kollegen. Ein junger Ingenieur streicht bei SAP oder BMW nun mal in der Regel mehr ein als eine Romanistin in der, sagen wir: Pressestelle eines Reiseanbieters.

Vor allem aber hat der Familienminister eine symbolische Aufgabe: Er verkörpert das Prinzip „Männerpolitik“, die zum Ziel hat, die Herren der Schöpfung zu befreien aus der Eindimensionalität ihres Berufslebens, um sie endlich fit zu machen für mehr familiäre Teilhabe und multidisziplinäre Herausforderungen wie zum Beispiel die simultane Beherrschung von Firmen- Kita-, Einkaufs-, Vereins- und Haushaltsalltag.

Wenn Frauen und Männer bei ihrer Lebensplanung gleichermaßen selbstbestimmt sind, also frei genug, sich aus ihren kulturellen Mustern zu lösen, wäre das nicht zuletzt auch für die Sozialpolitik ein Gewinn: Sie könnte sich nicht mehr ins Kleid des genderpolitischen Unsinns hüllen, ohne böse aufzufallen. 

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