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Umweltschutzpionier Friedrich Schmidt-Bleek "Digitalisierung führt zu noch mehr Umweltzerstörung"

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Eine Wirtschaft, die Nutzen schafft

„Bio“, „Öko“ und „Grün“ – das sind sehr positiv belegte Begriffe. Sie aber behaupten, dass vieles, was unter diesen Begriffen politisch getan und produziert wird, „grüne Lügen“ seien. Und jetzt formulieren Sie stattdessen „Die 10 Gebote der Ökologie“. Es sind vor allem Gebote des Verzichts. Für Politiker, Unternehmer aber auch konsumierende Bürger ist das nicht gerade eine frohe Botschaft. 

Es geht nicht um den Verzicht, sondern zu fragen, was unser Leben wirklich ausmacht. Aber diese Diskussion findet noch nicht wirklich statt. Es kommt darauf an, wie man das Ziel der Wirtschaft definiert. Wenn man große Banken, große Konzerne und mehr Produkte zum Ziel macht, dann kann man natürlich die Menschen nicht von ökologischen Zielen überzeugen. Das bedeutet übrigens nicht „Wachstum“, sondern ökologischen Selbstmord. Aber wenn man sich endlich klar machte, dass es eigentlich um den Nutzen gehen sollte, den die Menschen vom Wirtschaften haben, sähe das anders aus.

Es geht doch eigentlich nicht um das Auto, die Waschmaschine oder das Paar Schuhe selbst, sondern den Nutzen, den man daraus zieht. Der bedeutet Wohlstand und Wohlbefinden. Dass man ein besseres Leben für sich und seine Nachkommen will, ist nur menschlich. Aber wenn man nach dem Nutzen fragt, zum Beispiel, sich sicher und schnell von A nach B zu bewegen, geht es nicht mehr darum, mehr Autos zu produzieren. Die Kanzlerin schwört übrigens auch in ihrem Eid nicht, den Besitz, sondern „den Nutzen des deutschen Volkes zu mehren“.

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    Es gibt grundsätzlich zwei Wege, die Welt zu verändern. Den politischen von oben über die Mächtigen oder den kulturellen von unten über die Bürger. Welcher ist aussichtsreicher, um die Ressourcenwende, die Sie fordern, herbeizuführen?

    Lebten wir unter Katharina der Großen, würde ich sagen: natürlich der von oben. Aber in einer Informationsgesellschaft kann das gar nicht mehr funktionieren. Der Bundestag muss sich um Gott und die Welt kümmern, um lauter angeblich wichtige Details. Es gibt im Bundestag natürlich sehr kluge Leute, aber die kommen mit grundlegenden, ökologischen Fragen nicht durch. Das wird abgeblockt. Also ich erwarte von denen nichts mehr. Darum kann es keinen anderen Weg geben, als den Menschen in einfachen Worten die Grundlagen unseres ökologischen Systems klar zu machen.

    Das verstehen die Deutschen unter Nachhaltigkeit

    Wenn sie einsehen, dass sie von der Erde zu viel fordern und unsere Lebensgrundlagen Tag für Tag zerstören, werden sie hoffentlich einsehen, dass man das ändern muss. Darum habe ich dieses Buch geschrieben. Die Zusammenhänge sind natürlich wissenschaftlich sehr kompliziert, aber die Grundlagen des Problems sind einfach.

    Eine Ihrer zentralen Thesen ist, dass die Masse an natürlichen Ressourcen, die für ein Produkt bewegt und denaturiert wird, entscheidend ist für die zerstörerische Potenz eines Produkts. Also Sie betonen die Quantität statt Qualität der Stoffe. Das widerspricht der öffentlichen Wahrnehmung. Da regt man sich eher auf, wenn im Bier winzigste Mengen Glyphosat nachweisbar sind.

    Solche Gifte werden eben wahrgenommen als Lebensbedrohung für den Einzelnen – unmittelbar, direkt. Wenn ich jemandem sage: Dein Smartphone ist eine ökologische Sauerei, denkt er sich: Na und, es funktioniert doch, ist billig und schadet mir nicht. Die Leute wissen nicht, welche Ressourcenzerstörung ihre Konsumgüter verursachen. Ich nenne das den Rucksack: Im Schnitt haben Technikprodukte einen Rucksack von 30 zu 1. Für ein Kilogramm Technik werden 30 Kilogramm natürliches Material vernutzt. Ein aktuelles Smartphone hat einen Rucksack von 600 zu 1.

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