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Ärger in der Brexit-Hochburg „Diese kleine Stadt kann nicht alles schultern“

Boston ist Großbritanniens Brexit-Hochburg Quelle: AP

In der ostenglischen Stadt Boston wächst die Ungeduld, Frust kocht hoch. Hier haben mehr als drei Viertel für den Brexit gestimmt. Sie wollen endlich Vollzug. Von dem jüngsten „No-No-Deal-Gesetz“ hält man hier nichts.

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Boston in Lincolnshire ist eine alte Marktstadt an der englischen Nordseeküste, mit bekannter Pfarrkirche und berühmter Windmühle. Und es ist die Brexit-Hochburg des Vereinigten Königreichs, fast 76 Prozent der Wähler stimmten vor drei Jahren dafür, Europa den Rücken zu kehren. Jetzt stockt die Scheidung von der EU, die Londoner Politik ist gelähmt. Die Brexit-Fans in Boston fühlen sich verraten.

„Es ist ein heilloses Durcheinander“, sagt Mick Phoenix, Lkw-Fahrer in Rente, über den stockenden Gang der Dinge. „Es ist empörend und, um ehrlich zu sein, grenzt es an Verrat. Sie steuern gegen den Willen des Volkes.“ Mit knapper Mehrheit, nicht einmal zu 52 Prozent, stimmten die Wähler im Vereinigten Königreich im Juni 2016 für einen Austritt aus der EU. In Boston war das Bild viel klarer.

„Sie blockieren einfach alles“, protestiert Julia Barber beim Einkauf auf dem Markt der Stadt gegen das Votum des Londoner Parlaments, mit dem die Abgeordneten den Vorstoß von Premierminister Boris Johnson auf einen Austritt ohne Deal in der vergangenen Woche ausgebremst haben. Johnson will das Königreich am 31. Oktober auch ohne klare Regelungen aus der EU führen, und das Parlament hält dem entgegen mit seinem am Freitag verabschiedeten Gesetz gegen einen solchen No-Deal-Brexit. „Wir kriegen nichts auf die Reihe“, sagt Barber, „das ganze Land ist in der Schwebe.“

Großbritannien ist in der Brexit-Frage zutiefst gespalten. In Boston bleibt aber trotz aller offenen Fragen und Widrigkeiten der Rückhalt für den Austritt - und damit auch für ein Ende des automatischen Niederlassungsrechts für EU-Bürger - groß. Das Städtchen in Lincolnshire, rund 200 Kilometer nördlich von London, ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark von Zuwanderung aus Osteuropa geprägt worden. Mit der EU-Osterweiterung kamen Tausende Menschen aus Polen, Litauen und anderen früheren Ostblockstaaten, die sich auf den Kartoffel- und Gemüsefeldern um Boston oder in den Lebensmittelfabriken der Region verdingen. Die Einwohnerzahl wuchs seit 2001 um ein Fünftel auf mittlerweile rund 68.000.

EU-Zuwanderung sorgt in Boston für Unmut

Nicht allen in Boston behagt das. Manche Alteingesessene fühlen sich verunsichert. Die Arbeitslosigkeit liegt zwar unter dem Landesdurchschnitt, aber auch die Löhne sind niedriger. Dafür wird auch das große Angebot an ausländischen Arbeitern verantwortlich gemacht, das den Lohn drücke. Das Bevölkerungswachstum gepaart mit jahrelangem Sparkurs der konservativen Regierung bringt Schulen und Krankenhäuser an die Grenzen, Wohnraum wird knapp.

Die Zuwanderung sei gut für Boston, meint der konservative Stadtrat Nigel Welton. Doch die neuen Mitbürger müssten immer wieder für einheimische Probleme als Sündenbock herhalten. Allerdings seien die Veränderungen wirklich eine Herausforderung, räumt er ein. „Viele Menschen haben zu großen Wandel gesehen, in zu kurzer Zeit“, erklärt der Lokalpolitiker. „Wir sind eine kleine ländliche Stadt und jetzt haben wir die Probleme einer Großstadt.“ Wenn Einheimische keine Jobs bekämen, keine Wohnung oder keinen Termin beim Arzt, sorge das für Unmut.

Bostons Bürgermeister Anton Dani ist der erste Migrant auf diesem Posten in der kleinen Stadt. Quelle: AP

„Diese kleine Stadt kann nicht alles schultern“, stimmt Bürgermeister Anton Dani zu. Die Infrastruktur sei so stark getroffen worden, dass dies das Brexit-Votum beflügelt habe, sagt der gebürtige Marokkaner, der erste Migrant auf dem Bürgermeisterposten.

Nicht für alle Brexit-Befürworter gab jedoch die Zuwanderung den Ausschlag. Simon Brigden etwa, selbst mit einer Polin verheiratet, sieht die EU-Mitbürger als Bereicherung. Doch mit der EU-Bürokratie sei er überhaupt nicht einverstanden, sagt er.

Nicht wegen der Zuwanderung habe er für den Brexit gestimmt, betont Brigden, der in seinem Bauunternehmen auch Polen und Litauer beschäftigt. „Ich will sie nicht loswerden.“ Außerdem würden die EU-Mitbürger schließlich auch ihr Geld in der Region ausgeben, die Schulen und Kirchen besuchen.

Selbst Brexit-Anhänger gestehen ein, dass ein Austritt aus der EU die Probleme nicht unbedingt löst. Dass es vielleicht sogar noch härter wird. Landwirtschaftsorganisationen merken bereits, dass sie nicht mehr so leicht Helfer aus dem EU-Ausland finden, und ohne diese hat der Sektor an Arbeitskräftemangel zu knappern.

Die ersehnte Unabhängigkeit

„Als die Leute ihre Stimme abgegeben haben, war ihnen gar nicht bewusst, was sie tun“, meint der polnische Paketbote Adam Altynksi, der seit 14 Jahren in Großbritannien lebt. „Es wird härtere Zeiten geben. Die Wirtschaft wird in eine viel schwierigere Lage geraten.“

Derzeit steuert das Vereinigte Königreich auf einen EU-Austritt zum 31. Oktober ohne ein Abkommen zu, das den wirtschaftlichen Schock abfedern könnte. Wirtschaftsexperten rechnen damit, dass ein No-Deal-Brexit den Handel mit dem Festland sprengen und Großbritannien in eine Rezession stürzen könnte. Das Pfund, das seit dem Referendum um mehr als 15 Prozent an Wert eingebüßt hat, dürfte weiter fallen. Lebensmittel dürften teurer werden, manche Medikamente knapp.

Auf lange Sicht sei eine unabhängige Handelspolitik aber die kurzfristigen Schmerzen wert, argumentieren viele Brexit-Befürworter. Für andere wiederum spielen die wirtschaftlichen Kosten in ihren Überlegungen keine Rolle, es geht ums Prinzip.

Das Votum für den Brexit sei das Ja zur Unabhängigkeit gewesen, meint der pensionierte IT- und Finanzangestellte Anthony Hanson aus der Nachbarstadt Sleaford. „Es ist unser Land: Wir sollen entscheiden können, wie wir mit anderen Ländern zusammenarbeiten wollen und wie wir unser Land voranbringen wollen.“

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