Bundesbank-Chef Jens Weidmann will kein Rebell mehr sein

Erneut verteidigt Bundesbank-Chef Jens Weidmann in einem Interview die expansive Geldpolitik der EZB, nimmt nach außen mehr und mehr die Linie der Zentralbank ein. Was bezweckt er damit?

Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank Quelle: dpa

Bundesbank-Chef Jens Weidmann entfernt sich derzeit immer mehr von seiner alten Rolle als eine Art Rebell im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB). Er war der Vorderste der geldpolitischen Falken und kämpfte teilweise öffentlichkeitswirksam gegen die immer expansiver werdende Geldpolitik der EZB an. Doch seit ein paar Monaten ist damit Schluss. Weidmann trägt jede geldpolitische Entscheidung mit, auch die letzte Zinssenkung im Juni wurde vom Bundesbank-Chef abgenickt.

Auch zuletzt festigte Weidmann den Eindruck. Im Interview mit dem Fernsehsender Phoenix bekräftigte der Ökonom erneut, dass eine derart expansive Geldpolitik zurzeit gerechtfertigt ist. "Das war ein sehr tiefer konjunktureller Einbruch, und insofern ist es auch gerechtfertigt, dass die Geldpolitik im Moment expansiv ausgerichtet ist", erklärte Weidmann. Selbst im Hinblick auf die Kritik der deutschen Sparer an den Mini-Zinsen stellt Weidmann klar, solche negativen Realzinsen habe es auch früher, zu D-Mark-Zeiten, schon gegeben. Außerdem: "Die Bürger sind ja nicht nur Sparer", rechtfertigt Weidmann. Wir seien ja auch Immobilienbesitzer und profitierten von den aktuellen Zinsen.

Das sind die drei Leitzinssätze der EZB

Auf Draghis Linie

Auch EZB-Präsident Mario Draghi hat schon oft versucht, die Klagen der deutschen Sparer so ins rechte Licht zu rücken.

So dürfte Draghi es auch positiv bewerten, dass der Bundesbank-Chef im Interview erneut auf die Rolle der Politik verweist. "Es kommt jetzt auf die Politik an, die Wirtschaften (der Eurozone, Anm. d. Red.) wieder wettbewerbsfähiger zu machen", so Weidmann. Auch Draghi verweist regelmäßig darauf, dass die EZB lediglich ein Helfer und Retter in der Not ist, die Krise aber allein nicht lösen kann.

"EZB hat völliges Neuland betreten"
"Eher symbolische Maßnahmen""Für sich betrachtet sind die Zinssenkungen und der negative Einlagezins eher symbolische Maßnahmen: Sie werden weder die Kreditvergabe in den Krisenländern maßgeblich verbessern noch das Deflationsrisiko deutlich mindern", kommentierte DIW-Chef Marcel Fratzscher die EZB-Entscheidung. "Ich interpretiere sie aber als Startsignal und Anfang einer neuen EZB-Strategie einer stärkeren geldpolitischen Expansion. Als erste Schritte in einer Reihe von weiteren Maßnahmen in den kommenden Monaten sind sie bedeutungsvoll. Die EZB-Maßnahmen bergen große Risiken: Sie könnten die Blasenbildung und das riskante Verhalten von Banken noch verstärken. Allerdings wäre es noch riskanter und eine deutlich schlechtere Option, wenn die EZB nichts täte." Quelle: dpa
"Genau das falsche Rezept""Der Schritt der EZB markiert eine neue Eskalationsstufe. Damit wird das Niedrigzinsniveau weiter verfestigt, zulasten der Vorsorgesparer in Deutschland. Ihre Sparanstrengungen werden durch die EZB untergraben", kritisiert Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). "Deshalb sind wir in Sorge. Ökonomisch ist die Maßnahme genau das falsche Rezept. Denn die niedrigen Zinsen lösen kaum noch Wachstumsimpulse aus. Viel wichtiger wäre die Fortsetzung der Strukturreformen zur Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik des billigen Geldes wird zum Irrweg." Quelle: AP
"Zinspulver fast verschossen""Geldgeneral Draghi hat sein Zinspulver nun (fast) verschossen. Aktionäre und Immobilienbesitzer dürfen jubeln, Kontensparer und Versicherungssparer dürfen kapitulieren", sagt Ingo Theismann von der Vermögensverwaltung Consulting Team. "Erstmals müssen Banken Strafzinsen für ihre Einlagen zahlen, damit sollen über höhere Kreditvergaben Konjunktur und Inflation herbeigezaubert werden. Doch was sagte dazu bereits Ex-Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller vor 47 Jahren: 'Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber.' Wir können nur hoffen, dass diese riskante Wette der EZB auch aufgeht."
"Erhebliche Risiken""Ich sehe erhebliche Risiken durch die Niedrigzinspolitik und die vergleichsweise üppige Geldversorgung durch die EZB", sorgt sich Michael Fuchs, stellvertretender Fraktionschef der Unionsparteien im Bundestag. "Der Druck der Märkte auf Reformen und Einsparungen gerade in den EU-Krisenländern schwindet. Darüber hinaus gefährden Niedrigzinsen in der gesamten EU die Bereitschaft zum Sparen und zur Altersvorsorge in der Bevölkerung." Quelle: dapd
„Der Handlungsspielraum der EZB ist mehr homöopathisch“Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält die Wirkung weiterer Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) für sehr begrenzt. „Der Handlungsspielraum der EZB ist mehr homöopathisch“, sagte das Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung dem Südwestrundfunk. Ein Leitzins, der noch näher bei null liege, und ein Strafzins für Geschäftsbanken, die überschüssiges Geld bei der EZB parken wollten, stellten als Konjunkturimpulse keine schweren „Geschütze“ dar. Um die Wirtschaft im Euroraum zu beleben, sollten die Politiker darüber nachdenken, wie man die Investitionsanreize stärken kann, sagte Bofinger: „Dass also mehr Kreditmittel auf den Märkten von Investoren aufgenommen werden, und dann steigen auch die Zinsen wieder.“ Eine Hauptkritik aus Deutschland an der Politik des billigen Geldes ist, dass das niedrige Zinsniveau die Sparer belaste. Quelle: dapd
"Völliges Neuland""Die EZB hat völliges Neuland betreten, in ihrer Mission, die Wirtschaft in der Euro-Zone zu unterstützen", konstatiert Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba. "Wird das die Wirtschaft anschieben? Wahrscheinlich nicht, aber es zeigt zumindest die Entschlossenheit der EZB und ihre Handlungsmöglichkeiten." Quelle: PR
"Ein ganz gefährlicher Weg, den die EZB da einschlägt."Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon (im Bild links neben dem Co-Chef der Deutschen Bank Jürgen Fitschen) wettert gegen die EZB-Ankündigungen, die Geldschleusen weiter zu öffnen. „Statt der erhofften Impulse für die Wirtschaft in den Krisenländern werden durch die erneute Zinssenkung die Sparer in ganz Europa weiter verunsichert und Vermögenswerte zerstört“, sagte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon. Die Maßnahmen machten die Finanzmärkte auch nicht stabiler - „im Gegenteil, das überreichliche Geld quillt schon jetzt aus allen Ritzen und sucht sich immer riskantere Anlagemöglichkeiten“. Schon am Morgen vor der EZB-Entscheidung äußerte Fahrenschon im ARD-Morgenmagazin seine Sorgen darüber aus, dass viele Menschen, die mit Versicherungen für ihr Alter vorgesorgt hätten, jetzt ungefragt zur Kasse gebeten würden: „Das ist ein ganz gefährlicher Weg, den die EZB da einschlägt.“ Allein in Deutschland würden Sparer, die fürs Alter vorsorgen, 15 Milliarden Euro verlieren: „Das sind vom Baby bis zum Großvater 200 Euro pro Kopf. Und das ungefragt. Und das Geld fehlt. Es ist weg.“ Quelle: dpa

Das ist nicht nur der Beginn einer neuen Männerfreundschaft. Weidmann gibt seine Rolle des Rebells im EZB-Rat mehr und mehr ab. Offenbar will er nicht immer als Gegner gelten. Ist die Position Deutschlands in der EZB dadurch schwächer geworden? Nicht unbedingt. Risiken birgt die Strategie dennoch.

Sicherlich mögen einige jetzt um die Rolle der Bundesrepublik fürchten und sehen vor ihrem geistigen Auge bereits eine Hyperinflation Einzug halten. Grundsätzlich sind die Sorgen auch berechtigt, denn zu viel Einigkeit kann einer Institution wie dem Rat der Notenbank nur schaden. Die Notenbanker sollen sich nicht gegenseitig belobhudeln, sondern miteinander diskutieren und Konflikte ausfechten.

Allerdings hat Weidmanns Verhalten weniger etwas mit Lobhudelei zu tun, als mit feiner Taktik. Es scheint, als baue er darauf, auf diese Weise von Draghi besser gehört zu werden. Im Moment ist schwer vorstellbar, dass Draghi gegen den Willen von Weidmann und der Bundesbank die umstrittenen Anleihekäufe durchdrücken würde. Draghi betont gerne, dass der EZB-Rat seine Entscheidungen zuletzt einstimmig getroffen hat.

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Statt laut vor den Auswirkungen der Niedrigzinsen für Deutschland zu warnen, sorgt Weidmann lieber indirekt dafür, dass die Zinsen nicht weiter gesenkt werden müssen - indem er höhere Löhne fordert. Diese könnten die Inflation anfeuern. Ein derartiges Einmischen in die Lohnpolitik ist ungewohnt für die Bundesbank, viele rätseln seit dem, wie die deutschen Währungshüter dazu kommen, fürchten um die Glaubwürdigkeit der Bundesbank. Ein weiteres Anzeichen für den Kurswechsel Weidmanns?

Letztlich kann die Taktik des Bundesbank-Chefs aufgehen. Er gilt nicht mehr als Antipunkt im EZB-Rat. Prinzipiell könnte er sich damit sogar als möglichen Kandidaten für die Draghi-Nachfolge in etwas mehr als fünf Jahren in Position bringen.

Das ist allerdings noch lange hin und schon bald könnte die neue Kommunikationsstrategie Weidmanns auf ihre erste harte Probe gestellt werden. Denn nach der Ratssitzung der vergangenen Woche liebäugelte EZB-Chef Draghi nur allzu offensichtlich mit der Wiederbelebung des Marktes für Kreditverbriefungen.

Sollte Weidmann auch da einfach so mitziehen, steht die Glaubwürdigkeit der Bundesbank tatsächlich auf dem Spiel. Denn bisher hat sich der Bundesbank-Chef immer deutlich gegen den Kauf von verbrieften Kredite ausgesprochen. Die EZB würde sich damit hochriskante Papiere in ihre Bilanz holen. Kommt es zu dieser Diskussion, muss Weidmann beweisen, dass er seinen Kurs nicht um 180 Grad gedreht hat. Sonst könnte es gefährlich werden.

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