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Europäische Union Das nächste Sorgenkind heißt Kroatien

In fünf Wochen tritt Kroatien der Europäischen Union bei. Das Land ist ein weiterer ökonomischer Problemfall mit hoher Verschuldung und Rekordarbeitslosigkeit.

Wegbereiter - Robert Mustac führt den kroatischen Ableger des deutschen Gaseunternehmens Messer Quelle: Presse

Robert Mustac ist so etwas wie ein Pionier. In dem Städtchen Zapresic, eine halbe Autostunde von Zagreb entfernt, führt er die Geschäfte der kroatischen Tochter von Messer, dem bekannten Gasehersteller aus Bad Soden. Das Unternehmen ist früh nach Kroatien gekommen. 1992, der Krieg auf dem Balkan tobte noch, kauften die Deutschen einen kroatischen Gasehersteller. „Es war die erste echte ausländische Investition in Kroatien“, erinnert sich Mustac. Heute beschäftigt Messer in Kroatien knapp 250 Mitarbeiter, die Geschäfte gehen nicht schlecht. Von Zapresic aus beliefert Mustac unter anderem den kompletten slowenischen Markt. In diesem Jahr soll der Umsatz mit Gasen wie Stickstoff, Argon und Acetylen um sechs Prozent auf 30 Millionen Euro klettern.

Wissenswertes über Kroatien

Doch solche Erfolgsgeschichten sind eher selten in Kroatien. Der Balkanstaat, der am 1. Juli der EU beitritt, steckt in einer Dauerkrise. Um zwei Prozent ist die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr geschrumpft. Für das laufende Jahr rechnen die meisten Analysten bestenfalls mit einer Stagnation. Frühestens 2014 könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder leicht zulegen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 23 Prozent, die Auslandsverschuldung bei mehr als 100 Prozent vom BIP. Das relativ kräftige Wirtschaftswachstum Mitte des vergangenen Jahrzehnts fußte vor allem auf ausländischen Krediten, oftmals aufgenommen von staatseigenen Unternehmen.

Kroatien punktet mit Fachkräften und Infrastruktur

„Das Gute an Kroatien sind die qualifizierten Fachkräfte und die Infrastruktur“, sagt Mustac. Viel länger wird die Liste mit den Standortvorteilen allerdings nicht. Mit etwa 600 Euro monatlich muss Messer einem Arbeiter in Kroatien doppelt so viel zahlen wie in Rumänien oder Serbien. Auf Baugenehmigungen warten Investoren oft jahrelang; manchmal müssen sie die Beamten schmieren. Die Steuerlast ist hoch. Viele Investoren machen darum einen Bogen um das Land mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern.

Diese Länder wollen in die EU
Türkei Quelle: dapd
Serbien Quelle: REUTERS
Albanien Quelle: REUTERS
Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien: Quelle: REUTERS
Montenegro Quelle: REUTERS
Island Quelle: Reuters
Bosnien-Herzegowina: Quelle: REUTERS

„Sicherlich haben Kroatiens wirtschaftliche Probleme auch mit der Euro-Krise zu tun“, sagt Kevin Körner, Osteuropaexperte der Deutschen Bank in Frankfurt. So ist etwa Italien, traditionell Kroatiens wichtigster Handelspartner, als Abnehmerland fast komplett ausgefallen. Um mehr als zwei Prozent schrumpften Kroatiens Ausfuhren während der ersten neun Monate des vergangenen Jahres. Zu einem nicht unwesentlichen Teil sei die Misere aber auch hausgemacht. „Anders als andere Länder bei ihrem EU-Beitritt wird Kroatien kaum Früchte ernten können, wenn es der EU beitritt“, glaubt Körner.

Denn das neue EU-Mitglied hat tief liegende strukturelle Probleme. Bis auf ein paar Werften verfügt das Land kaum über verarbeitendes Gewerbe. Die Industrie steuert gerade mal 15 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Meggle produziert im Land Butter, Hipp hat eine Fabrik für Babynahrung. Doch in der Breite gibt es so gut wie keine Industrie. Für vier Monate im Jahr leben die Kroaten vom Tourismus, ansonsten von der Landwirtschaft.

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