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Inflation Steigen die Preise – oder steigen sie nicht?

Die Deutschen fürchten wegen der Euro-Krise und überbordender Staatsschulden um den Wert ihres Geldes. Dabei sind die Preise noch sehr stabil. Sind die Ängste also überhaupt berechtigt? Wie lange dauert es, bis die Preise steigen – und wen trifft es dann besonders? Zehn Fragen und Antworten zu einem brennenden Thema.

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Noch sind die Preise stabil - die Frage ist, wie lange noch. Quelle: Marcel Stahn

Langsam und leicht gebückt kommt Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), in die Splendens Hall im slowenischen Kranj nahe Ljubljana, wo die Sitzung des EZB-Rates stattfindet. Er haucht ein zurückhaltendes Hallo in die Runde. Seine Gesichtszüge sind wie festgefroren, er verzieht keine Miene. „Darf ich anfangen?“, fragt er schüchtern.

Was war da los mit Super Mario am Donnerstag vergangener Woche? Der sonst so selbstbewusste Italiener müsste eigentlich in Hochstimmung sein. Schließlich hat er ein großes Ziel erreicht und sich gegen Bundesbank-Präsident Jens Weidmann durchgesetzt. Um den Euro zu retten, hat die EZB ein unbegrenztes Anleihenkaufprogramm beschlossen. Draghi kann jetzt so viele Staatstitel überschuldeter Euro-Krisenländer kaufen, wie er will, und so deren Renditen drücken. Spanien und Italien könnten davon profitieren, wenn sie unter den Euro-Rettungsschirm ESM flüchten.

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Doch Draghi ist nicht in Feierlaune. Aus Deutschland schlägt ihm schlechte Stimmung entgegen. Nicht einmal jeder Fünfte vertraut laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa dem Italiener. Der Grund: Die Deutschen fürchten, die Euro-Rettung teuer bezahlen zu müssen. Nicht nur, weil sie die größten Finanziers der Euro-Rettung sind, auch ihre Angst vor Inflation ist besonders groß. Während die Krise für die Deutschen wegen des Wirtschaftsbooms und der niedrigen Arbeitslosigkeit bisher kaum spürbar war, würde sie eine Geldentwertung ins Mark treffen.

Sie sind ohnehin traumatisiert. Die Hyperinflation von 1923 hat massenhaft Ersparnisse vernichtet. Auch wenn nur noch wenige Zeitzeugen leben – die Erfahrung hat sich tief ins Gedächtnis des Landes eingebrannt: In Umfragen geben die Deutschen an, sich vor Inflation genauso zu fürchten wie vor Krankheit, Verbrechen und Krieg. Deshalb bunkern sie Goldmünzen, kaufen Wald und reißen sich um Immobilien. Das Ausland lästert schon über die Inflationsparanoia. Auf den ersten Blick scheint die Furcht tatsächlich übertrieben. Die Preise in Deutschland sind stabil. Erste Schätzungen ergaben für September, dass die Inflationsrate leicht auf 2,0 Prozent gefallen ist.

Was den Deutschen Angst macht
Platz 19: Zerbrechen der PartnerschaftAuf dem letzten Platz des Rankings landet die Sorge vor einem Zerbrechen der Beziehung, und das trotz unvermindert hoher Scheidungsquoten in Deutschland. Mit 20 Prozent der Bundesbürger, die sich hiervor fürchten, hat diese Angst aber im Vergleich zu 2012 zugenommen: Im letzten Jahr waren es vier Prozentpunkte weniger. Etwas mehr Männer (21 Prozent) als Frauen (20 Prozent) haben Angst davor, den Partner zu verlieren. Quelle: dpa
Platz 18: StraftatenVor Gewalt und Unrecht fürchten sich 24 Prozent der Deutschen. Die Angst vor Straftaten hat im Vergleich zu 2012 um zwei Prozentpunkte zugenommen. Quelle: dpa
Platz 17: Vereinsamung im AlterDie Herausforderungen einer alternden Gesellschaft bereiten den Deutschen Kopfzerbrechen. Viele haben Angst davor, im Alter zu vereinsamen. 31 Prozent der Befragten äußerten diese Sorge - zwei Prozentpunkte mehr, als 2012. Männer gaben diese Angst mit 29 Prozent etwas seltener an als Frauen (33 Prozent). Quelle: dpa
Platz 16: Krieg mit deutscher BeteiligungDie Sorge vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung rutscht mit 32 Prozent in den untersten Bereich der Ängste-Skala. Gegenüber dem Vorjahr nahm diese Sorge aber um drei Prozentpunkte zu. Quelle: dpa
Platz 15: Drogensucht der eigenen Kinder35 Prozent der Deutschen fürchten sich davor, dass ihre Kinder drogenabhängig werden könnten. Diese Angst hat im Vorjahresvergleich mit einem Prozentpunkt leicht zugenommen. Frauen (37 Prozent) sorgen sich hier mehr als Männer (33 Prozent) um das Wohlergehen des Nachwuchses. Quelle: dpa
Platz 13/14: ArbeitslosigkeitDas Schreckensgespenst Arbeitslosigkeit hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugelegt. Mit 36 Prozent der Deutschen ist die Furcht vor der eigenen Arbeitslosigkeit um vier Prozentpunkte gestiegen. Noch 2012 war diese Sorge gegenüber 2011 um vier Prozentpunkte zurückgegangen und damit auf den niedrigsten Wert der Studie gesunken – nur 1994 war die Sorge schon einmal so gering. Die Angst vor Arbeitslosigkeit in Deutschland allgemein landet auf dem 13. Platz und kommt auf 39 Prozent - unverändert gegenüber 2012. Quelle: dpa
Platz 12: Sinkender Lebensstandard im AlterZum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig - viele Deutsche haben Angst davor, später einmal finanziell unter Druck zu geraten. 40 Prozent der Bundesbürger - genauso viele wie im vorigen Jahr - fürchten sich vor einem sinkenden Lebensstandard im Alter. Quelle: dpa

Durchschnitt stimmt

Doch wie lange geht das gut? Unermüdlich wiederholt Draghi, die stabilen Preise seien nicht in Gefahr. Für den Durchschnitt der Euro-Zone mag er recht behalten. Einige Staaten werden künftig voraussichtlich unter dem Zielwert von zwei Prozent liegen, andere aber zum Teil deutlich darüber: Zu denen wird Deutschland zählen. Das nimmt Draghi in Kauf. Solange der Durchschnitt stimmt, wird er nicht durch höhere Zinsen gegen die Inflation hierzulande vorgehen. Damit würde er die Preise in anderen Ländern weiter drücken und dort eine Deflation auslösen.

Die Deutschen sind gekniffen: Ihr Geldvermögen ist auf fast fünf Billionen Euro gewachsen. Schon leicht erhöhte Inflationsraten können sie bei niedrigen Zinsen schmerzen: Bei einer Inflationsrate von vier Prozent besitzt ein Vermögen nach zehn Jahren Nullverzinsung nur noch 68 Prozent seiner Kaufkraft. Kommt es so – oder noch schlimmer?

Sind die Deutschen zu ängstlich?

Wie viele Arbeitsstunden ein Kotelett kostet
Das Institut für Wirtschaft Köln kam in seiner Studie zu dem Ergebnis, dass Löhne und Preise proportional gestiegen seien. 2011 bekam ein Arbeitnehmer für die geleistete Arbeitsstunde netto 45 Prozent mehr Lohn als vor 20 Jahren. Die Warenpreise seien im selben Zeitraum um 43 Prozent geklettert. Arbeitnehmer müssen dementsprechend für einen identischen Warenkorb heute genauso lange arbeiten wie zu Beginn der 1990er Jahre. Quelle: dpa/dpaweb
Anders verhält es sich für ostdeutsche Arbeitnehmer. Bei ihnen sei die Kaufkraft in den vergangenen zwei Jahrzehnten um 21 Prozent gestiegen, sagte ein Institutssprecher. Seit der Wiedervereinigung hätten sich die Entgelte in Ostdeutschland fast verdoppelt, die Preise für Waren und Dienste seien um knapp 70 Prozent gestiegen - und damit weniger stark. Die Löhne und Gehälter seien im Osten aber immer noch deutlich niedriger als im Westen. Quelle: dpa/dpaweb
Lebensmittel hat der teils als „Teuro“ verschriene Euro laut der Studie nicht teurer gemacht. Eine Flasche Kölsch erfordere damals wie heute den Gegenwert von drei Arbeitsminuten an der Werkbank oder im Büro. Quelle: dpa/dpaweb
Je nach Konsumverhalten seien Produkte auch günstiger geworden: Für ein Schweinekotelett reichten pro Kilo Fleisch statt 36 Minuten bereits 30 Minuten Arbeit. Quelle: dpa/dpaweb
Auch Alltagsgüter wie Kleidung seien durch einen vergleichsweise geringeren Preisanstieg schneller verdient als im Jahr 1991. "Für einen Herrenanzug beträgt die Arbeitszeitersparnis immerhin mehr als fünf Stunden, für Damenpumps eindreiviertel Stunden", betonte das IW. Quelle: dpa/dpaweb
Auch viele Elektronikprodukte sind erschwinglicher geworden. "Der Arbeitszeiteinsatz für einen Fernseher ist von über 76 auf nur noch 30 Stunden gesunken - obwohl man für den selben Preis heute ein Flachbildgerät mit Full-HD-Auflösung bekommt." Quelle: dpa/dpaweb
Allein mit dem Benzinpreis konnten die Löhne und Gehälter nicht mithalten, wie das IW einräumt: Für eine Tankfüllung musste 2011 fast zwei Stunden länger gearbeitet werden als zwanzig Jahre zuvor. Quelle: dapd

Wie entsteht Inflation - und warum ist sie schädlich?

Inflation entsteht, wenn zu viel Geld im Umlauf ist. Schon der Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman wusste, dass „Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist“. Ein Übermaß an Geld erhöht zunächst die Kaufkraft und die Nachfrage der Konsumenten. Die Unternehmen weiten daraufhin ihre Produktion aus. Sobald ihre Kapazitäten ausgelastet sind, erhöhen sie ihre Preise. Wegen der gestiegenen Nachfrage können sie die teureren Güter absetzen.

Die Verbraucher erkennen, dass sie für ihr Geld auf ihrem Gehaltszettel immer weniger kaufen können. Ihr Vertrauen in die Stabilität der Währung bröckelt, ihre Inflationserwartungen steigen. Die Gewerkschaften setzen kräftige Lohnerhöhungen durch, denn den Unternehmen geht es ja prächtig. Die gestiegenen Lohnkosten geben die Betriebe weiter, indem sie erneut die Preise erhöhen. Da nicht alle Preise gleichzeitig und gleich stark steigen, verzerrt die Inflation das Preisgefüge. Das erschwert das Investitionskalkül der Unternehmen. Es kommt zu Fehlinvestitionen, die das langfristige Wachstum bremsen.

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Weil die Unternehmer wegen der Geldentwertung den realen Ertrag von Investitionsprojekten über längere Zeiträume kaum noch kalkulieren können, stecken sie ihr Geld lieber in Immobilien und Gold. Die Preise für Vermögensgüter beginnen ebenfalls zu steigen.

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Woher rührt die Angst vor Inflation?

Die EZB druckt zu viel Geld. Seit Beginn der Währungsunion ist die Geldmenge M3, zu der unter anderem täglich verfügbare Bankeinlagen und Bankforderungen mit Laufzeiten bis zu zwei Jahren zählen, deutlich stärker gestiegen als die Wertschöpfung: Das Bruttoinlandsprodukt der Euro-Zone wuchs im Schnitt jährlich um 1,4 Prozent, dagegen legte M3 um 6,2 Prozent zu. Solch ein Auseinanderklaffen von Geld und Gütermenge hat historisch fast immer zu Geldentwertung geführt.

Noch bedrohlicher ist die Entwicklung des Basisgelds, also der Summe aus Bargeld und Bankeinlagen bei der EZB: Es hat sich seit 2008 auf 1,8 Billionen Euro verdoppelt. Seit Beginn der Schuldenkrise pumpt die Zentralbank unvorstellbar viel Geld ins System: Sie vergibt unbegrenzt Kredite an Geschäftsbanken und hat so Forderungen von 1,5 Billionen Euro angehäuft. Zusätzlich haben die Währungshüter Anleihen im Wert von mehr als 280 Milliarden Euro aufgekauft.

Und das könnte nach den jüngsten Beschlüssen der EZB zur Euro-Rettung erst der Anfang sein. Michael Schubert, Analyst bei der Commerzbank, rechnet damit, dass die EZB noch mal mindestens so viele Anleihen kauft wie bisher. Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei Degussa-Goldhandel, erwartet sogar, dass sie an die Billionengrenze stößt. Die Zentralbanken würden dann auch Anleihen von Privatleuten kaufen. „Die Anleger werden das Geld vor allem für Immobilien ausgeben – und die Vermögenspreisinflation anheizen.“

Wo bleibt die Inflation?

Wovor die Sparer am meisten Angst haben
Die Krise in Europa ängstigt die Anleger. Eine Umfrage unter Privatanlegern* im Auftrag der britischen Vermögensverwaltung Schroders zeigt, dass viele die Euro-Krise als größte Gefahr für ihr Vermögen sehen. Auch steigende Steuern, Inflation und Turbulenzen an den Märkten verunsichern die Menschen. Was sehen Sie als größte Gefahr für ihr Vermögen?Euro-Krise: 43 Prozent Steigende Steuern: 25 Prozent Marktunsicherheit: 28 Prozent Niedrigzinsumfeld: 15 Prozent Höhere Inflation: 27 Prozent Je nach Land fallen die Ergebnisse aber durchaus unterschiedlich aus. Ausgerechnet in den Ländern, die am stärksten dastehen, haben die Menschen die größte Angst - in Deutschland und Österreich. *Umfrage unter rund 1.300 Privatanlegern in zwölf europäischen Ländern (Deutschland, Österreich, Schweden, Schweiz, Spanien, Niederlande, Belgien, Italien, Frankreich, Portugal, Israel und Großbritannien), durchgeführt von YouGov. Das Anlagevermögen der befragten Personen liegt bei 60.000 Euro (ohne Wohnimmobilien).  Der Umfragezeitraum war April-Mai 2012. Quelle: dapd
FrankreichDie Grande Nation kommt in der Schuldenkrise ordentlich ins Straucheln. Vor allem die französischen Banken geraten zunehmend in Schieflage. Auf der europäischen Bühne hingegen zeigt Frankreich weiterhin Stärke. Der neue Staatspräsident Francois Hollande bietet bei den Verhandlungen in der Euro-Krise Deutschland die Stirn. Dennoch bleibt die Sorge um die Euro-Krise bei Frankreichs Privatanlegern groß. Auch steigende Steuern sind für die Franzosen ein Graus. Euro-Krise: 43 ProzentSteigende Steuern: 41 Prozent Marktunsicherheit: 23 Prozent Niedrigzinsumfeld: 16 Prozent Höhere Inflation: 21 Prozent Quelle: Reuters
SpanienViele Analysten befürchten, dass Spanien das zweite Griechenland wird. Der Unterschied jedoch ist, dass eine Rettung Spaniens schwer zu stemmen wäre. Im Land selbst ist die Sorge um den Euro jedoch nicht die größte. Vielmehr fürchten sich die Spanier vor steigenden Steuern. Das ist kein Wunder. Schließlich muss der Staat Geld von den Bürgern holen, um seine Schulden abzubauen muss. Euro-Krise: 39 Prozent Steigende Steuern: 47 ProzentMarktunsicherheit: 37 Prozent Niedrigzinsumfeld: 23 Prozent Höhere Inflation: 25 Prozent Quelle: Reuters
DeutschlandDie deutschen Privatanleger geht es bislang gut. Sie haben mehr auf der hohen Kante als alle anderen in Europa. Man könnte auch sagen: Sie haben viel zu verlieren. Die größten Sorgen machen sich die Deutschen um den Euro und die Inflation. Euro-Krise: 48 ProzentSteigende Steuern: 21 Prozent Marktunsicherheit: 21 Prozent Niedrigzinsumfeld: 27 Prozent Höhere Inflation: 37 Prozent Quelle: dpa
ÖsterreichNoch mehr Angst vor der Euro-Krise als die Deutschen haben die Österreicher. Mehr als die Hälfte der Befragten sorgt sich um den Euro. Inflation ist dagegen in unserem Nachbarland etwas weniger gefürchtet. Euro-Krise: 56 ProzentSteigende Steuern: 32 Prozent Marktunsicherheit: 25 Prozent Niedrigzinsumfeld: 29 Prozent Höhere Inflation: 33 Prozent Quelle: dpa
ItalienÄhnlich wie die Spanier fürchten die Italiener vor allem höher Steuern. Dass daran kein Weg vorbei führt, ist beinahe sicher, wenn man die Staatsverschuldung des südeuropäischen Euro-Staats sieht. Im letzten Jahr betrug der Schuldenberg 120 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts. Anders als in Spanien kommt in Italien noch die Furcht vor Inflation hinzu. Euro-Krise: 44 Prozent Steigende Steuern: 63 ProzentMarktunsicherheit: 41 Prozent Niedrigzinsumfeld: 24 Prozent Höhere Inflation: 38 Prozent Quelle: dpa
SchwedenDas skandinavische Land ist gar nicht Mitglied der Euro-Zone. Trotzdem haben die Menschen Angst vor der Euro-Krise. Abgesehen davon lebt der schwedische Sparer offenbar ziemlich sorglos. Steigende Inflation oder niedrige Zinsen bereiten den Menschen kaum Angst. Euro-Krise: 48 ProzentSteigende Steuern: 17 Prozent Marktunsicherheit: 28 Prozent Niedrigzinsumfeld: 10 Prozent Höhere Inflation: 11 Prozent Quelle: dpa

Warum steigen die Preise derzeit nicht?

Derzeit horten die Geschäftsbanken das Geld, das ihnen die EZB zur Verfügung stellt, auf ihren Konten bei der Zentralbank, statt damit Kredite an Unternehmen und Verbraucher zu refinanzieren. Ein Grund ist, dass die Banken jeden Kredit mit Eigenkapital unterlegen müssen. Je höher das Ausfallrisiko, desto mehr Eigenkapital benötigen sie. Neue Vorschriften zur Bankenregulierung (Basel III) verlangen zudem, bereits vergebene Darlehen mit mehr Eigenkapital zu unterlegen.

Doch Eigenkapital ist knapp. Um ihre Kapitalbasis zu stärken, müssten die Banken neue Aktien ausgeben oder Gewinne einbehalten. Das Problem ist nur: Bankaktien finden derzeit schwer Käufer, und die Gewinne der Finanzbranche schrumpfen. Daher bremsen die Banken ihre Kreditvergabe. Das gilt vor allem für die Krisenländer.

Grafik der Veränderungen der Geldmenge in Deutschland

Hinzu kommt, dass die Unternehmen und Bürger in den Peripherieländern wegen hoher Schulden kaum neue Kredite nachfragen. In Deutschland haben die Unternehmen in den vergangenen Jahren üppige Gewinne verbucht. Sie können ihre Investitionen vielfach aus eigenen Mitteln finanzieren. Solange die Kreditvergabe niedrig bleibe, sei Inflation daher kein Thema, beruhigen Ökonomen. „Das Preisniveau steigt nicht zwingend, wenn sich die Geldmenge erhöht“, sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt für Europa bei Goldman Sachs.

Keine Notenbank der Welt habe so viele Anleihen gekauft wie die japanische, dennoch gebe es dort keine Inflation.

Auch Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats, erwartet keine Inflation: „Inflation ist keine Schweinegrippe, die von einem Tag auf den nächsten eine Volkswirtschaft befällt.“ Damit die Betriebe die Preise erhöhen, müsse die Kaufkraft der Verbraucher steigen. „Das erfordert höhere Löhne – die aber sind bei der hohen Arbeitslosigkeit in vielen europäischen Ländern nicht in Sicht“, urteilt Bofinger. In Deutschland allerdings sieht es anders aus – die jüngsten Tarifabschlüsse brachten Arbeitnehmern auch real mehr Geld.

Grafik Veränderung Lebenserhaltungskosten

Ist die Inflationsangst berechtigt?

Spätestens wenn die Konjunktur anzieht, werden die Banken wieder mehr Kredite vergeben und so zusätzliches Geld in Umlauf bringen. Dann wird sich zeigen, ob die EZB ihnen das Zentralbankgeld, das die Banken für die Kreditvergabe benötigen, rechtzeitig entzieht, um Inflation zu verhindern. Zweifel sind angebracht. Die EZB ist in der Krise nahe an die Politik gerückt und zum Finanzier der Staatshaushalte geworden. Der politische Druck auf die Euro-Hüter, die Zinsen niedrig zu halten, um den Staaten den Schuldendienst zu erleichtern, wird steigen.

Für Deutschland sind die Zinsen schon jetzt zu niedrig. Hinzu kommt die vergleichsweise geringe Arbeitslosigkeit hierzulande, die es den Gewerkschaften erleichtert, höhere Löhne durchzusetzen. Deshalb erwartet Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ-Bank, dass die Inflationsrate auf mindestens drei Prozent steigt. Der Geldtheoretiker Manfred Neumann von der Universität Bonn ist deutlich pessimistischer: „Es wird eine schleichende Inflation geben mit Raten von bis zu sechs Prozent“, sagt der Doktorvater von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann.

„Es gibt historisch nur einen mit heute vergleichbaren Zeitraum, und das sind die Siebzigerjahre. Die Inflationsrate lag damals bei sechs Prozent. Höher hätte sie auch nicht sein dürfen, sonst hätte die Bevölkerung rebelliert“, sagt der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser. Degussa-Chefvolkswirt Thorsten Polleit ist pessimistischer: „Ich fürchte, dass es sogar zweistellige Preissteigerungen gibt.“

Kommt die Deflation?

Wo die Preise explodieren
Frau in Supermarkt Quelle: dpa
Brot Quelle: dpa
Eine Frau beißt in Schokolade Quelle: dpa
Kaffeebohnen Quelle: dpa
Drehstromzähler Quelle: dpa
Grillwürstchen Quelle: dpa
Jemand tankt Quelle: dpa

Besteht die Gefahr einer Deflation?

Tatsächlich könnte es in Spanien, Italien oder Griechenland wegen der schlechten Wirtschaftslage und hoher Arbeitslosigkeit eine Deflation geben, also einen Rückgang des Preisniveaus mit gefährlichen Kollateralschäden. Die Löhne würden weiter sinken, das drückt die Nachfrage und die Preise. Schon jetzt sind die Kapazitäten der Unternehmen in diesen Ländern kaum ausgelastet. Dass die Inflationsraten noch recht hoch sind, liegt vor allem an den gestiegenen Mehrwertsteuersätzen und dem hohen Ölpreis.

Grafik Bilanzsummen der Notenbanken im Verhältnis zum BIP

Doch bald werden einmalige Teuerungseffekte durch Steuererhöhungen verpuffen und der Ölpreis aufgrund der sich abkühlenden Weltkonjunktur nachgeben. Analysten der US-Bank Citi schätzen, dass in drei Jahren die Inflationsraten in Spanien und Italien bei 0,7 und 0,2 Prozent liegen. „Es wird in den nächsten Jahren in Spanien und Italien kaum Preissteigerungen geben“, sagt auch Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus.

Die Gefahr einer Deflation in Deutschland ist demgegenüber gering. Zwar sind sich die meisten Experten einig, dass die Inflationsrate 2013 zunächst unter zwei Prozent fallen wird. Doch schon 2014 dürfte sich das Blatt wenden. Selbst wenn die Wirtschaft unerwartet stark abkühlt und der Arbeitsmarkt einbricht, dürften die Preise nicht fallen.

Welche Rolle spielt die Euro-Rettung für das Preisniveau?

Über kräftig steigende Inflationsraten in Deutschland würde sich der Rest der Währungsunion freuen. Deutschland hat durch die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den meisten anderen Euro-Ländern verbessert. Länder wie Griechenland, Portugal oder Spanien versuchen zwar, mit Reformen den Abstand wettzumachen. Doch bis die Programme ihre volle Wirkung entfalten, werden viele Jahre verstreichen. Eine hohe Inflationsrate in Deutschland würde diesen Ländern helfen, weil sie deutsche Produkte verteuert und damit weniger wettbewerbsfähig macht.

Der Internationale Währungsfonds in Washington bereitete im Sommer die Deutschen bereits darauf vor, dass die Inflation auf absehbare Zeit über dem Durchschnitt der Euro-Zone liegen werde. Das sei ein Beitrag, um die Lücke bei der Wettbewerbsfähigkeit zu schließen.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat ebenfalls signalisiert, dass Deutschland für die Rettung des Euro steigende Preise in Kauf nehmen wird. Eine Inflationsrate von zwei bis drei Prozent sei „noch hinnehmbar“.

Greift die EZB ein?

Weltwirtschaftskrise von 1914 bis 1948
Weltkrieg und Hyperinflation vernichten die Vermögen von Millionen Deutschen. Im November 1923 steht ein Dollar bei 4,2 Billionen Mark. Quelle: AKG
Fünfzig Milliarden Reichsmark als Reichsbanknote. Dieser Schein war nur wenige Pennies wert. Quelle: AKG
Spielende Kinder im Jahr 1923. Im Jahr der Hyperinflation war die damalige Reichsmark nichts mehr als Altpapier. Quelle: AKG
Heute erziehen Eltern die Kinder zu gesundem Umgang mit Geld - im Jahre 1923 durften Kinder mit reichlich Geld spielen. Quelle: Interfoto
Börsencrash und Weltwirtschaftskrise lassen die Produktion um fast die Hälfte schrumpfen. Sechs Millionen Deutsche sind arbeitslos. Der Gang zur Suppenküche gehört für die Menschen zum Alltag. Quelle: dpa
Der Börsencrash vom 24. Oktober 1929 breitet sich rasant in der Welt aus. Im Jahre 1933 stellt US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit einer Durchführungsverordnung den privaten Besitz von Gold unter Strafe. Quelle: AP
Auf der Konferenz von Bretton Woods 1944 wird das internationale Währungssystem reformiert: 40 Staaten vereinbaren feste Wechselkurse, der Wert des Dollar wird in Gold festgelegt. 1974 brach der Gold-Dollar-Standard von Bretton Woods zusammen. Quelle: dpa

Kann die EZB eine steigende Inflation verhindern?

Schon der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek wusste, dass Inflation zu verhindern kein „technisches“, sondern ein „politisches“ Problem ist. Die EZB kann jederzeit die unbegrenzte Vergabe billigen Geldes an die Geschäftsbanken stoppen. Sie könnte dafür die Anforderungen an die Sicherheiten anheben, die Institute für Zentralbank-Geld bieten müssen. Doch viele Banken in den Peripheriestaaten werden nur durch die EZB am Leben gehalten. Am Markt würden sie nur schwer an Geld kommen, viele bräuchten staatliche Hilfen. Der politische Druck auf die EZB, teure Bankrettungen zu verhindern, ist hoch.

Zentralbank-Chef Mario Draghi hat aber angekündigt, das Geld wieder einzusammeln, dass er für den Kauf von Anleihen geschöpft hat. Bisher hat er das Versprechen formal eingelöst. Er hat den Banken angeboten, Geld in Höhe der Anleihekäufe bei der EZB in verzinslicher Form für eine Woche anzulegen. Das haben die Institute bisher auch getan. Kommt die Wirtschaft jedoch wieder in Fahrt, müsste er den Banken deutlich mehr zahlen als den derzeitigen Zins von knapp über null.

Sonst würden die Banken mit der Kreditvergabe deutlich mehr Geld verdienen. Experten wie der Geldtheoretiker Manfred Neumann oder Commerzbank-Analyst Michael Schubert gehen davon aus, dass der Zins dann bei vier Prozent liegen müsste. Doch damit würde Draghi das allgemeine Zinsniveau anheben und die Erholung in den Krisenländern belasten. „Es ist fraglich, ob die Währungshüter angesichts des massiven politischen Drucks einen solchen Kurs durchhalten können. Der Ankündigung der EZB, das Geld wieder einzusammeln, ist nicht zu trauen“, sagt Neumann.

Grafik: wahrgenommene und tatsächliche Inflation

Wie aussagekräftig ist die Inflationsstatistik?

Unmittelbar nach der Euro-Einführung spürten viele, dass die offizielle Inflationsstatistik nicht alles sagt. Der Lebensmitteleinkauf, der Restaurantbesuch oder die Rechnung an der Tankstelle wurden deutlich teurer, doch die staatlichen Behörden vermeldeten stabile Preise. Der Grund: Das Statistische Bundesamt errechnet die Inflationsrate jeden Monat aus der Veränderung der Preise Tausender Produkte, darunter auch seltener Anschaffungen wie Computer und Fotoapparate. Für den Bürger ist jedoch entscheidend, wie oft er ein Produkt kauft, weil davon abhängt, wie stark er den Preisanstieg spürt.

Der verstorbene Statistik-Professor Hans Wolfgang Brachinger von der Schweizer Universität Freiburg hat darum vor Jahren das Konzept der „gefühlten Inflation“ entwickelt. Er gewichtete die Preise von häufig gekauften Gütern im Warenkorb stärker als andere Preise – und kam zu dem Ergebnis, dass die gefühlte Inflation nicht selten stärker steigt als die amtlich ermittelte Teuerung. So ist für die meisten Bürger die Miete der dickste Belastungsposten im monatlichen Budget.

Da die Mieten aber nicht zuletzt aufgrund gesetzlicher Bestimmungen nur selten steigen, stabilisieren sie das amtlich gemessene Preisniveau. Zudem spürt der Bürger mögliche Erhöhungen nicht so sehr, da die Miete meist nur einmal im Monat von seinem Konto abgebucht wird. Anders sieht es dagegen bei Brötchen, Butter und Benzin aus. Werden sie teurer, spüren das die Menschen, da sie häufig nach diesen Produkten greifen.

Wer profitiert von Inflation, wer leidet?

Wo das Geld am schnellsten an Wert verliert
Die Bevölkerung im Jemen fordert, ihren ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh zur Rechenschaft zu ziehen - für die getöteten Bürger während der Jasmin-Revolution. Das Land verzeichnet derweil eine Inflation in Höhe von 17,61 Prozent. Quelle: IWF, Angaben in Prozent, im Vergleich zum Vorjahresmonat Quelle: dpa
Suriname: 17,71 Prozent. In der Hauptstadt Paramaribo protestieren politische Aktivisten gegen die kürzlich beschlossenen Amnestiegesetze. Diese gewähren dem Präsidenten Desi Bouterse Straffreiheit. Er und weitere Politiker werden beschuldigt, 1982 Oppositionelle während der damaligen Diktatur ermordet zu haben. Quelle: REUTERS
Sudan: Der Präsident Omar al-Bashir lässt sich für die Befreiung der Heglig Öl-Felder von Süd-Sudan feiern. Die Inflationsrate liegt bei 18,09 Prozent. Quelle: dpa
China hat der African Union einen Hauptsitz gespendet. Das neue Gebäude befindet sich in der Hauptstadt von Äthiopien, Addis Abeba. Die Inflation liegt hier bei 18,11 Prozent. Quelle: dpa
Im ehemaligen Bürgerkriegsland Sierra Leone liegt die Inflation bei 18,46 Prozent. Quelle: REUTERS
Vietnam: 18,69 Prozent Quelle: REUTERS
Iran: 21,30 Prozent Quelle: dapd

Wer gewinnt und wer verliert bei Inflation?

Inflation nützt Schuldnern und schadet Gläubigern. Denn mit der Geldentwertung schrumpft auch der reale Wert von Forderungen. Der größte Gewinner ist deshalb der Staat. Ist die Inflationsrate höher als der Zins, zu dem er sich Geld geliehen hat, schmelzen seine Schulden auf wunderbare Weise dahin.

Zu den Profiteuren zählen auch die Banken, die selbst kaum eigene Mittel haben, sich aber das Geld bei der EZB zu Minizinsen leihen und teurer weitergeben. „Die Banken unterstützt der Staat. Schließlich sind sie sein größter Financier“, sagt Professor Jörg Guido Hülsmann von der Universität Angers in Frankreich.

Die größten Verlierer sind die Bürger der Mittelschicht. „Die Inflation trifft immer die breite Masse. Sie ist nicht auf die Preissteigerungen vorbereitet“, sagt der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser. „Die professionellen Anleger sind hingegen cleverer und haben ihr Geld frühzeitig in Sicherheit gebracht.“ Die Inflation schwächt die Kaufkraft und frisst das meist niedrig verzinste Ersparte auf.

In Arbeit
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Zu den Inflationsverlierern zählen aber auch die Notenbanken. Inflation ruiniert ihren Ruf, und da sie massenhaft Staatsanleihen gekauft haben, sind sie als große Gläubiger der Staaten selbst betroffen. „Schulden werden durch Inflation vom Staat auf die Notenbanken verlagert. Wenn es so weitergeht, wird die EZB der größte Gläubiger der Staaten sein – genauso wie die Reichsbank in den Dreißigerjahren“, warnt Ökonom Hülsmann.

Droht eine neue Hyperinflation?

Das Zitat ließ aufhorchen: „Furcht vor galoppierender Inflation hilft nicht. Es gibt keine Abstriche an unserer Politik der Geldwertstabilität“, versicherte jüngst Jörg Asmussen, Mitglied im EZB-Direktorium. Allein die Tatsache, dass Asmussen den Begriff „galoppierende Inflation“ benutzte, ist bemerkenswert – in EZB-Kreisen war dies bisher absolut unüblich.

Ökonomen sprechen von galoppierender oder Hyperinflation, wenn die Preise unkontrolliert und explosionsartig nach oben schießen und die Inflationsrate – pro Monat – über 50 Prozent liegt. Den Rekord der jüngeren Vergangenheit hält Simbabwe, das es 2008 auf eine Geldentwertung von 231 Millionen Prozent brachte. Ist so etwas auch bei uns möglich, wenn die Monetisierung von Staatsschulden allzu lange und exzessiv betrieben wird?

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Drohen uns noch mal Zustände wie 1923? Theoretisch ja – doch ist dieses Horrorszenario unrealistisch. Es sei zwar „historisch fast nie gelungen, eine überbordende Staatsverschuldung ohne Inflation in den Griff zu bekommen“, sagt der Berliner Wirtschaftshistoriker Nikolaus Wolf. „Dass sich in Deutschland eine Hyperinflation wie 1923 wiederholt, halte ich aber für höchst unwahrscheinlich. Die Möglichkeiten der Zentralbank, Liquidität vom Markt zu nehmen, sind viel größer und ausgefeilter als früher“. Und sollte die EZB versagen, bleibt Deutschland als letzte Option immer noch die Wiedereinführung der D-Mark.

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