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Geistesblitze der Ökonomie (IX) Ricardos Argument gegen Staatsschulden

David Ricardo hielt nichts von Schulden. Seine "Ricardianische Äquivalenz" ist bis heute ein Argument gegen Konjunkturpakete: Bürger erkennen in schulden-finanzierten Wohltaten die Steuern von morgen – und konsumieren daher nicht mehr.

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Laut schallt David Ricardos Stimme durch das Parlament: Das Übel der Schulden müsse abgebaut werden, proklamiert er. Kein Opfer sei dafür zu groß, und er sei bereit, notfalls eigenes Land zu verkaufen, um seinen Beitrag zu leisten. "Hört, hört!", rufen Abgeordnete spöttisch.

David Ricardo will, dass der Staat seine Schulden abbaut – und zwar auf einen Schlag. Der englische Ökonom ist kaum drei Monate Abgeordneter, als er seine Pläne 1819 dem Parlament in London vorstellt. Mit einer Vermögensteuer will er das Geld eintreiben und innerhalb von wenigen Jahren den durch den Krieg gegen Napoleon angehäuften Schuldenberg abtragen. Denn die Schuldenlast treibe die Lebensmittelpreise und zermürbe die Wirtschaft.

Die Schulden von heute, sind die Steuern von morgen

Doch die Abgeordneten sind wenig begeistert. Ricardos Gedanken erscheinen zu radikal. Der Plan, so kritisiert ein Abgeordneter, stamme von einem Mann, "der zwar gut gerechnet und viel gelesen, aber der niemals die Menschen studiert" habe. Ricardo argumentiert anders: Die Schulden von heute seien die Steuern von morgen, für die Bürger mache es keinen Unterschied, ob sie die Schulden mit einem Schlag oder über Jahre durch Steuern abzahlen müssen. Das Vermögen der Steuerzahler ändere sich dadurch nicht. Der Bürger wisse bei steigenden Staatsausgaben, dass er die dafür vom Staat aufgenommenen Schulden irgendwann zurückzahlen müsse. Daher bilde er Rücklagen, um die künftige Steuerschuld zu begleichen beziehungsweise seinen Konsum zu stabilisieren. Das aber gehe zulasten der aktuellen Konsumausgaben.

Dies ist der Kern der sogenannten "Ricardianischen Äquivalenz", an der sich Ökonomen bis heute abarbeiten – und die auch 200 Jahre später noch ein wichtiges Argument gegen schuldenfinanzierte staatliche Konjunkturprogramme darstellt. Ricardo sieht keinen Nutzen in schuldenfinanzierten Ausgaben, weil sich eine konjunkturanregende Wirkung – wenn überhaupt – nur kurzfristig einstelle. Nach Ricardos Theorie können höhere Staatsausgaben den Konsum nicht steigern. Am Ende trage immer der Konsument die Zinslast für die Kredite des Staates, argumentiert er. Wenn der Staat einen Kredit aufnimmt, zahlt der Bürger die Kreditzinsen über seine Steuern. Im Fall einer einmaligen Vermögensabgabe zur Tilgung der Schulden würde der Bürger für die Abgabe selbst einen Kredit aufnehmen – und müsste genauso Zinsen bezahlen.

Kritiker werfen Realitätsferne vor

Ricardos Theorie basiert auf mehreren Annahmen: Er setzt voraus, dass jeder Haushalt sich zu einem einheitlichen Zinssatz und quasi unbegrenzt Geld leihen kann, und dass die Menschen die Steuerbelastungen voraussehen und überdies rational handeln. Kritiker werfen Ricardo deshalb Realitätsferne vor. John Maynard Keynes, als Verfechter einer antizyklischen Ausgabenpolitik der wirtschaftspolitische Kontrapunkt zu Ricardo, sah in dem 111 Jahre älteren Ökonomen einen Tagträumer: "Ricardo bietet uns die höchste geistige Leistung, unerreichbar für schwächere Geister, eine hypothetische Welt außerhalb der Wirklichkeit anzunehmen, als ob sie die Welt der Wirklichkeit wäre, und dann beständig in ihr zu leben", schreibt Keynes.

Ob die Menschen tatsächlich vorausschauend und rational denken, daran hatte indes auch Ricardo bisweilen Zweifel. Es könne schwierig sein, einen Mann mit einem Vermögen von nur 20 000 Pfund davon zu überzeugen, dass eine Steuer von 50 Pfund in jedem Jahr genauso schwer wiege wie eine einmalige Zahlung von 1000 Pfund, schrieb er. Trotzdem plädierte Ricardo für eine sofortige Rückzahlung von Kriegsschulden – auch aus politischen Gründen: "Wenn die Last des Krieges mit einem Mal und ohne Abschwächung gefühlt werden muss, sollten wir weniger gewillt sein, uns mutwillig in einen teuren Kampf zu begeben."

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