Investitionen in Deutschland: „Jedes Jahr entgehen uns bis zu 146 Milliarden Euro, weil wir Papier in Ordner packen“
WirtschaftsWoche: Die Lust auf Investitionen in Deutschland ist ziemlich mau. So zeigt der „Mittelstandsradar“ der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), dass 15 Prozent der befragten deutschen Mittelständler ihr Investitionsbudget im Vergleich zu 2024 kürzen wollen. Setzt man Investitionen ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, lag die Quote zuletzt bei 0,3 Prozent – wie schwer wiegt so eine niedrige Investitionstätigkeit?
Timo Wollmershäuser: Das ist schon sehr niedrig, auch im historischen Vergleich. In den 90er Jahren hatten wir immer Quoten zwischen sechs und acht Prozent, weil man viel in neue Maschinen und Werkshallen investiert hat. In den letzten 30 Jahren ging der Trend nach unten, was auch mit dem Strukturwandel in der Industrie zu tun hat. Früher hatten wir eine kapitalintensive Produktion von Industriewaren mit Maschinen in großen Hallen. Heute wird diese Produktion zunehmend ausgelagert. Stattdessen gewinnt wissensbasiertes Kapital, also Investitionen in Forschung und Informationstechnologien, an Bedeutung.
Darüber hinaus ist es nicht ungewöhnlich, dass Investitionen in wirtschaftlichen Schwächephasen zurückgehen. Aber die niedrige Quote bedeutet, dass der Kapitalstock nur noch wenig zunimmt. Damit reagieren die Unternehmen auch auf den demografischen Wandel, denn ein wachsender Kapitalstock muss mit Arbeitskräften bedient werden. Zwar kann der Fachkräftemangel in Teilen durch Investitionen in Automatisierung kompensiert werden, alternativ kann aber eben auch woanders produziert werden.
An der Befragung der LBBW haben gerade einmal 225 Unternehmer teilgenommen. Wie stark ist die Aussagekraft dieser Befragung überhaupt?
Mit 225 Befragten kann man grundsätzlich eine repräsentative Studie machen. Zumal die Ergebnisse nicht überraschend sind. Sie werden in vielen anderen Untersuchungen bestätigt. Zum Beispiel, was bei den Investitionshemmnissen ganz oben steht: Bürokratie.
Die Bundesregierung will Melde- und Berichtspflichten stark verschlanken. Von welchen geplanten Maßnahmen versprechen sich Unternehmen wirklich was?
Konkret ist noch nicht so viel durchgedrungen. Aber die neue Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, 25 Prozent der Bürokratiekosten bis zum Ende des Jahrzehnts zu senken. Das wäre schon eine echte Erleichterung. Eine ifo-Studie hat die Bürokratiekosten mal beziffert: Jedes Jahr entgehen uns bis zu 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung, weil wir Papier in Ordner packen und an Behörden verschicken. Wenn man diese Kosten um 25 Prozent reduziert, könnte das Bruttoinlandsprodukt um knapp 37 Milliarden Euro steigen. Auf vier Jahre verteilt wäre das ein Wachstumsplus von 0,2 Prozent pro Jahr.
Auch die Energiepreise machen Deutschland im internationalen Vergleich unattraktiv. Jetzt will die neue Regierung die Stromsteuer und Netzentgelte senken. Für energieintensive Unternehmen sollen zusätzliche Entlastungen kommen. Reicht das?
Nein. Das sind ja Gelder, die einen Zweck erfüllen. Der Ausbau und Betrieb unseres Stromnetzes muss finanziert werden. Wenn wir die Unternehmen hier entlasten, kommen neue Belastungen, etwa durch höhere Steuern und Schulden, an anderer Stelle auf die Gesellschaft insgesamt zu. Und damit indirekt auch auf die Unternehmen. Es ist also nur eine Entlastung für die wenigen Unternehmen, die wirklich energieintensiv sind. Die Kosten tragen alle.
Was wäre denn dann ein gutes Mittel, um Strom günstiger zu machen?
Man müsste die Stromproduktion und -versorgung insgesamt effizienter gestalten. Wir produzieren Strom an Orten, wo er nicht gebraucht wird, und schaffen es nicht, ihn relativ schnell und günstig dorthin zu bringen, wo er gebraucht wird. Dafür müsste man unter anderem zügig in den Ausbau des Stromnetzes investieren. Das bereits verabschiedete Infrastrukturpaket trägt hierzu hoffentlich bei.
Man sieht aber gerade auch an Umfragen wie von der LBBW, wie trotz der Versprechen im Koalitionsvertrag und der 500 Milliarden für Infrastruktur die Investitionslust nicht wieder anspringt. Was fehlt?
Die neue Bundesregierung ist erst seit Dienstag im Amt. Man muss der Politik ein bisschen Zeit geben. Die Befragung der LBBW fand Mitte März statt, als vieles noch unklar war, was die neue Regierung betrifft. Die Ergebnisse spiegeln meines Erachtens eher die wirtschaftspolitische Hängepartie der vergangenen Jahre wider. Ich glaube schon, dass man die Investitionslust wieder steigern kann. Der Standort Deutschland ist schließlich nicht durch die Bank weg schlecht.
Mit degressiven Abschreibungen sollen Unternehmen für die kommenden drei Jahre steuerliche Entlastungen auf Ausrüstungsinvestitionen erhalten. Im Anschluss soll die Körperschaftssteuer in fünf Schritten gesenkt werden – ist das deutlich genug?
Das ist ein wichtiger Teil. Studien belegen: Wenn Unternehmen schneller einen großen Teil der Investitionen abschreiben können, investieren sie mehr. Eine ganze Reihe an Maßnahmen im Koalitionsvertrag hat das Zeug dazu, Investitionen in Deutschland wieder anzureizen – vorausgesetzt, sie werden jetzt umgesetzt.
Bei der Kanzlerwahl am Dienstag kamen da Zweifel auf.
Das war ein Schockmoment. Die Koalition, die noch gar nicht angefangen hat zu arbeiten, ist sich schon bei der Wahl ihres Kanzlers uneinig. Man hat es an den Börsen gesehen: Das Bisschen Hoffnung, das aufgekeimt war, ist gebröckelt. Sollte das so weitergehen, werden die Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag auch nicht umgesetzt. Dann kommt keine Investitionslust auf.
Angenommen, die Regierung würde wirklich alles in ihrer Macht Stehende tun, um Investitionen attraktiver zu machen – welchen Effekt hätte das auf das Wirtschaftswachstum?
Die Bundesregierung hat das Ziel ausgerufen, das durchschnittliche Wachstum bis zum Ende des Jahrzehnts auf ein Prozent zu heben. Das ist ein sehr ambitioniertes und meines Erachtens unrealistisches Ziel. Denn wir schätzen unser derzeitiges Potentialwachstum auf maximal 0,5 Prozent. Wenn eine Reihe von Maßnahmen zügig umgesetzt werden, könnten wir es vielleicht auf 0,8 Prozent heben.
Zusätzlich zur Investitionsförderung muss das Produktivitätswachstum gesteigert werden. Neben dem Bürokratieabbau muss es vor allem bei der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz vorangehen. Deutschland ist zwar nicht schlecht bei der Entwicklung neuer Technologien, zum Beispiel gemessen an den Patenten. Marktfähig werden sie aber häufig erst in den USA, weil die Regulierung in Deutschland aus Sorge vor negativen Nebenwirkungen im Wege steht.
Lesen Sie auch: Die deutsche Konjunktur in Zahlen