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Kapitalismus in der Kritik Wachstums-Debatte braucht neue Richtung

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Wachstumsförderung garantiert das Wachstum nicht

Zu dieser generellen Investitionsunlust kommt im Fall Deutschlands der Faktor des demografischen Wandels hinzu. Henning Vöpel gibt hier nüchtern zu: „Der demografische Wandel führt Deutschland in eine Postwachstumsphase“. Es ist daher eher gefordert, politisch auf die Entwicklung in die Postwachstumswirtschaft zu reagieren, als verzweifelt zu versuchen, politisch auf die Wachstumsrate Einfluss zu nehmen.  „Die Politik muss beginnen, die Sozialversicherungssysteme zukunftssicher zu machen, etwa durch nachhaltige Renten- und Familienpolitik“, fordert Vöpel. Zwar kann die öffentliche Hand Wachstum fördern, etwa durch „Maßnahmen zur Erhöhung der Partizipationsquoten am Arbeitsmarkt und öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Forschung“ wie Vöpel ergänzt, aber eine Garantie für Wachstum ist das auch nicht.

Blickt man empirisch auf das Wirtschaftswachstum, dann spricht viel für die wahrscheinliche Unausweichlichkeit der Postwachstumswirtschaft. Henning Vöpel berücksichtigt dies. Das macht ihn als Wachstumsbefürworter gleichsam auch zum Wachstumsrealisten. Der Wachstumsrealismus ist generell auch keine Wachstumskritik. Wachstumsrealismus bedeutet vor allem empirisch nüchtern mit dem Wachstum umzugehen.

Dieser Realismus würde auch der Gerechtigkeitsdiskussion gut tun, die mit der Debatte um das Wachstum verbunden ist.

Das Wirtschaftswachstum kommt nicht mehr bei allen gleichermaßen an

Konjunktur



„Wohlstand für alle“ durch Wirtschaftswachstum, so wie Ludwig Erhard es formulierte, ist das Ziel der „sozialen Marktwirtschaft“. Doch das Wirtschaftswachstum erzeugt schon seit einiger Zeit nicht mehr Wohlstand für alle. Die Reallöhne steigen durch mehr Wachstum noch nicht automatisch stärker an und wenn die Reallöhne stärker steigen, wie gerade im ersten Quartal 2014 um 1,3 Prozent, dann steigen die Löhne unterschiedlich stark. Die soziale Ungleichheit wächst in Deutschland generell rasant an, wie unterschiedliche Studien der Bundesregierung und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zeigen. Wirtschaftswachstum schafft also auch nicht mehr die soziale Gerechtigkeit, die es gemäß der Idee der sozialen Marktwirtschaft aber soll. Denn vom Wirtschaftswachstum sollen alle vergleichbar profitieren und nicht einige sehr viel mehr als andere. So braucht es auch eine neue Debatte darüber, wie man diese Gerechtigkeitslücke schließen muss.

Wachstumsrealismus als der dritte Weg

Die Debatte um das Wirtschaftswachstum darf nicht normativ verklärt werden. Es braucht eine empirische Nüchternheit. Das kann der dritte Weg in der Debatte sein.

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