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Ökonom Thomas Straubhaar „Es ist dumm, auf Zölle mit Zöllen zu reagieren“

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"Die WTO ist ein Auslaufmodell"

Manche sagen, gerade Deutschland müsse sich nun ohnehin in Demut üben. Schließlich sei unser Exportüberschuss für viele Probleme mitverantwortlich. Stimmt das?

Ich glaube eher, dass wir in Deutschland gerade die Quittung dafür bekommen, wie wir in den Verhandlungen zum transatlantischen Abkommen TTIP agiert haben. Wir waren skeptisch gegenüber TTIP, weil wir uns um Standards, Kultur und das typisch Europäische gesorgt haben. Donald Trump macht genau dasselbe, nur mit einer anderen Begründung: Er will das Amerikanische  verteidigen, was immer das heißt und wie diffus heutzutage derartige Nationalismen auch sein mögen. Mit Strafzöllen hat er ein Instrument dafür gefunden. Unser Erschrecken über Trump ist deshalb scheinheilig.

Nicht nur Zölle könnten eine Rolle spielen. Die Briten drohen neuerdings damit, die EU im Steuerwettbewerb zu unterbieten. Hätte Deutschland da eine Chance?
Ein Ratenrennen um immer noch günstigere Standortbedingungen ist keine nachhaltig erfolgreiche Strategie. Sollte Großbritannien das tatsächlich versuchen, sehe ich darin sogar eine Chance für Deutschland. Aus empirischen Studien wissen wir, dass Steuern für Ansiedlungsentscheidungen relativ unbedeutend sind. Andere Faktoren sind viel wichtiger für die Standortwahl, wie ein gut funktionierender Rechtsstaat mit geringer Bürokratie, Planbarkeit, eine attraktive Infrastruktur oder die Verfügbarkeit an gut gebildeten Arbeitskräften. Darauf sollte die Politik setzen.

Von der WTO hört man zu all dem wenig. Die hat bereits in den vergangenen Jahren an Einfluss verloren. Ist die Welthandelsorganisation jetzt ganz am Ende?

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    Ja, das ist schon relativ lange meine These. Die WTO war ein Kind Amerikas der Nachkriegszeit. Aber lange schon war sie ein Auslaufmodell, spätestens als „emerging markets“ und China, Südostasien, Brasilien, Indien und Russland immer wichtiger wurden und immer mehr Einfluss auf die Gestaltung der Wirtschaftsordnung einforderten. Hoffentlich wird sie noch Bestand haben, aber höchst wahrscheinlich wird das nur in den Bereichen Güterhandel und Dienstleistungshandel der Fall sein. Sie wird sich aber nicht weiterentwickeln. Die Bereiche Digitalisierung, Mobilität von Arbeit und Globalisierung von Kapital- und Finanzmärkten – dafür ist die Organisation nicht weit genug entwickelt.

    Brauchen wir dann eine andere Organisation, die das regelt? Oder brauchen wir eine neue Instanz?

    Wenn wir im Paradies leben würden, könnten wir den gesamten Handel von Gütern, Dienstleistungen und die Wanderung von Menschen und Kapital international koordinieren und Regeln für grenzüberschreitende Transaktionen standardisieren. Aber im Zeitalter des Brexit, des Donald Trump und anderer neonationaler Entwicklungen in Europa und den Nachbarregionen sind wir weiter denn je von weltweit gültigen Regeln entfernt.

    Herr Straubhaar, vielen Dank für das Interview.

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