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Wirtschaftsprognosen Was ein Sumo-Turnier über Konjunktur verrät

Nicht das Bruttoinlandsprodukt, Jobzahlen oder Exportbilanzen verraten, wohin es mit der Konjunktur geht. Es sind die Werbebanner im Sumo-Ring, meint zumindest ein japanischer Ökonom. Die Statistik gibt ihm Recht.

`Was verrät Sumo-Ringen über Konjunkturprognosen? Quelle: dpa

Als sich die Spitzenliga der Giganten des japanischen Sumoringsports im letzten Monat medienwirksam auf das Finale in Tokio vorbereitete, hat Akiyoshi Takumori wie seit vielen Jahren den Laptop hochgefahren und sein Excel-Programm gestartet. Für den 58-jährigen Ökonomen einer der führenden Vermögensverwalter ist das in Japan bedeutende Ereignis ein zuverlässiger Konjunkturindikator. Dass das in diesem Jahr nicht ganz der Fall ist, sei rein verletzungsbedingt.

Für Takumori ist das archaische Sumoringen auf höchstem nationalem Niveau mehr als Entertainment. Es lasse sich daran ablesen, ob die von Ministerpräsident Shinzo Abe propagierte Seite der japanischen Wirtschaft schon zur Geltung kommt und einen ersehnten den Aufschwung eingeleitet hat. Die Zahl der traditionell kurz vor einer Kampfrunde von Männern mit Pokerface in Kimonos um den Ring getragenen Werbeplakate japanischer Unternehmen lasse überdies Rückschlüsse zu, ob die Führungsetagen dieser Unternehmen optimistisch seien und bereit zu investieren, sagt Takumori.

Die Irrtümer der Crash-Propheten
Der US-Wissenschaftler Lars Peter Hansen - Nobelpreisträger für Wirtschaft in 2013 - warnt derzeit vor einem Crash. "Ein Einbruch um 20 Prozent kann passieren", sagte Hansen. Der Professor an der Universität in Chicago zeigte sich gegenüber der Tageszeitung "Welt" über die Gelassenheit der Investoren angesichts der Risiken erstaunt. Allerdings sei die Vorhersage, wann eine Spekulationsblase platze schwierig. Den Nobelpreis erhielt Hansen für seine Arbeiten zu Risiken und Unsicherheit am Kapitalmarkt. Andere Crash-Propheten lehnten sich deutlich weiter aus dem Fenster. Quelle: dpa
Nouriel Roubini Quelle: REUTERS
Marc Faber Quelle: dpa Picture-Alliance
Alan Greenspan Quelle: REUTERS
Wolfgang Münchau, Archivbild von 2002 Quelle: dpa
Paul Krugman Quelle: REUTERS
Max Otte Quelle: dpa Picture-Alliance

Takumori interessiert sich besonders für den Ausblick an den Aktienmärkten. Das Prinzip „Abenomics” hat hier eine zwiespältige Bilanz hinterlassen: Nach drei rosigen Jahren zu Beginn der Amtszeit von Abe hatte sich der Nikkei 225 mehr als verdoppelt. Das Jahr 2016 begann allerdings mit schweren Verlusten und so schwach wie bislang noch kein anderes.

„Die Werbetafeln verstehe ich wie die Ampeln an den Hauptraßen - immer wiederkehrende ökonomische Indikatoren”, sagte Takumori, der Chefökonom von Sumitomo Mitsui Asset Management Co. in Tokio. Wer sie beobachte, dem signalisierten sie zumindest, ob die Ampeln auf rot oder auf grün stünden.

Takumori benötigt zur zuverlässigen Trenderkennung etwas Statistik. Das Januar-Turnier hat in den 15 Tagen seiner Dauer 1872 Werbebanner zum Vorschein gebracht, das waren 5,4 Prozent weniger als der bisherige Rekordwert beim November-Turnier in Fukuoka, aber trotzdem der zweithöchste Wert aller Zeiten, wie Takumori betont. Er riet dazu, das Minus nicht überzubewerten, denn einige besonders populäre Wrestler nahmen im Januar verletzungsbedingt nicht teil.

Was Analysten für 2015 erwarten
Deutsche BankDie Anlagestrategen sind verhalten optimistisch, zumindest was den deutschen Aktienmarkt angeht. Ende 2015 sehen sie den Dax bei 11.500 Punkten. Während die USA mit einem prognostizierten Wachstum von 3,5 Prozent zur Lokomotive werden dürfte, rechnen die Analysten für Deutschland nur mit einem Plus von 0,8 Prozent. Zugewinne könnte es dank des schwachen Euro bei exportorientierten Industrien geben. Ende 2015 sieht die Deutsche Bank den Euro bei 1,15 Dollar. Anleihen werden dagegen nicht mehr so attraktiv sein. Die Renditen bleiben extrem niedrig, Chancen gibt es lediglich bei US-Unternehmensanleihen mit guter Bonität. Auch Schwellenländeranleihen könnten für Risikofreudige interessant werden. Insbesondere Indien wird für die Deutsche Bank zur attraktiven Region. Quelle: REUTERS
Der Vermögensverwalter Allianz Global Investors ist ein Tochterunternehmen der Allianz. Quelle: imago
CommerzbankDie Commerzbank sieht den Dax Ende 2015 bei 10.800 Punkten, ist also nicht ganz so optimistisch wie die Deutsche Bank, was den Leitindex angeht. Einig sind sich beide aber, was mögliche Staatsanleihekäufe der EZB angeht. Mit einem sogenannten Quantitative Easing (QE) rechnen beide Institute in der ersten Jahreshälfte. Anschieben könnten den Dax steigende Unternehmensgewinne dank des schwächeren Euro. Das könnte auch Dividenden begünstigen. Die Bank rechnet für den Dax mit einer Dividendenrendite von knapp über drei Prozent. Besonders hohe Dividendenrenditen erwarten die Analysten bei Medienpapieren wie Freenet und RTL sowie Immobilienkonzernen wie DIC Asset oder TAG. Als negative Einflussfaktoren verweist die Commerzbank nicht nur auf die wahrscheinliche Zinserhöhung der Fed, sondern auch auf niedrigere Wachstumsraten in China. Quelle: dpa
Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba)Was den Dax betrifft ist die Landesbank etwas pessimistischer als die Großbanken. Relativ konservativ rechnet sie mit einer Spanne zwischen 8300 und 10.000 Punkten. Zwar erwarten die Analysten eine leichte Erholung der Weltwirtschaft, einen breiten Aufschwung sehen sie allerdings nicht. Lediglich hinsichtlich der USA scheinen sich alle einig zu sein, auch die Helaba erwartet ein Wachstumsplus von rund drei Prozent für die größte Volkswirtschaft. Für Deutschland erwartet die Landesbank ein Plus von 1,3 Prozent - mehr als die Deutsche Bank. Im Portfolio rät die Helaba zu einer leichten Anhebung der Aktienquote. Anleihen sollten dagegen zugunsten von Immobilien leicht reduziert werden. Quelle: dpa
Julius BärDie Schweizer Privatbank sieht die Devisenmärkte und Wechselkursentwicklungen ebenfalls im Fokus der Entwicklungen des nächsten Jahres. Auch die Schweizer sehen die USA als Wachstumsanführer, während die Euro-Zone mit einem Plus von nur 0,8 Prozent eher ein Bremsklotz ist. Die schwächelnde Nachfrage der Euro-Zone sei vor allem für die Schweiz ein Nachteil, heißt es. Für Investoren dagegen gelte es, Kurs zu halten, liquide zu bleiben und nach Wachstumsthemen Ausschau zu halten, so die Analysten. Mögliche Bereiche für Wachstumsthemen sind laut den Privatbankern E-Autos, digitale Technologien, Energieinfrastruktur und Bildung. Quelle: REUTERS
FidelityDie Fondsgesellschaft gibt sich optimistisch, auch für Deutschland. "Wenn die geopolitischen Risiken in den Hintergrund treten und die Notenbanken die Wirtschaft weiter unterstützen, hat Deutschland beste Voraussetzungen, um 2015 an den moderaten Aufwärtstrend anzuknüpfen", schreibt Fondsmanager Christian von Engelbrechten. Auch Fidelity sieht Impulse seitens des Euro für die exportorientierten Unternehmen. Eigentliche Stütze der Konjunktur sei aber der heimische Konsum - der Verbraucher, der konsumiert statt spart, treibt die Wirtschaft an. Durch die steigenden Gewinne sieht Fidelity auch am Aktienmarkt gute Chancen und rechnet mit einer Dividendenrendite von im Schnitt drei Prozent. Quelle: REUTERS
DZ BankAktuell sei das Gewinnwachstum der Dax-Unternehmen noch zu hoch geschätzt, sagen die Analysten der DZ Bank. Die Rahmenbedingungen für Aktien bleiben dennoch dank expansiven EZB-Maßnahmen und einem Mangel an Anlagealternativen positiv. Trotzdem erwarten die DZ Banker keine großen Kurssprünge, der Leitindex habe kaum noch Potenzial. Bis zum Jahresende 2015 rechnet die Bank nicht mit einem Anstieg über 9500 Punkte - und auch schwankungsanfälliger könnte der Index werden. Konservativen Anlegern raten die Experten daher zu "Dividendenaristokraten". Risikofreudigere Investoren könnten dagegen im ersten Quartal Chancen bei den Zyklikern haben. Quelle: REUTERS

Und hier beginnt laut Takumori die Analogie zu den Aktienmärkten. Der breite japanische Topix Index ist nämlich auch vor allem wegen externer Faktoren in diesem Jahr bereits neun Prozent gefallen, in erster Linie von dem schwächelnden Wachstum in China und den einbrechenden Rohöl- und Rohstoffnotierungen. Anders ausgedrückt: Der Topix musste eine Verletzungspause einlegen.

„Die Zahlen sollten eigentlich gut ausfallen, aber wegen abnormer Bedingungen sehen sie lediglich schlecht aus”, sagte Takumori zu der Zahl der Werbebanner im Januar. Mit vollen Händen seien die Werbegelder zwar nicht ausgegeben worden, gab er zu, aber die Unternehmen hätten sicher weniger gebucht, wenn die Gewinne nicht gut ausgefallen wären. Trotzdem sei er enttäuscht von den schwächeren Zahlen: „Ich hatte eigentlich im Januar mit einem neuen Rekord gerechnet. Das ist schon verwirrend. Ich glaube, ich hatte einfach kein Glück”, sagte Takumori.

Er beobachtet diesen Indikator seit 1990 und entdeckte dabei schnell eine Korrelation mit dem japanischen Bruttoinlandsprodukt. So war die Zahl der Werbetafeln im Januar 2012 überraschend eingebrochen. Es folgte ein negatives BIP im nächsten Quartal. Das Bannerzählen beim Sumoringen gibt dem Chefökonomen nach eigener Einschätzung einen zweimonatigen Vorsprung auf die Werbestatistiken, die das staatliche Statistikamt vorlegt.

Jedes dieser Werbebanner kostet den Auftraggeber 62.000 Yen (475 Euro), und die Unternehmen haben die Möglichkeit, auch nur für einen bestimmten Tag im Laufe des Turniers zu buchen, wie aus Informationen des Veranstalters hervor geht. Und es bucht tatsächlich die gesamte japanische Wirtschaft, von Supermarktbetreiber Lawson bis zum Hersteller von getrockneten Rindfleisch Suzusho.

Alle Wettkämpfe werden live vom staatlichen Fernsehen NHK übertragen. Marktforscher Video Research hat im Großraum Tokio ermittelt, dass etwa ein Viertel aller Haushalte im Januar eingeschaltet hatten.

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