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Bildung und Forschung Von China lernen, heißt siegen lernen

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Fragt man deutsche Bildungsforscher nach diesen Erfolgen, so erhält man postwendend das vermeintlich dahinterstehende Schreckensszenario präsentiert: In China werde doch bloß gepaukt, eigenes Denken nicht gefördert, dazu der knallharte Drill – wir wollen doch keine testfixierten Lernmaschinen, oder? Andreas Schleicher, deutscher OECD-Direktor mit jeder Menge China-Erfahrung, geht mit solchen Einwänden hart ins Gericht: „Das sind längst überholte Klischees – meist von Leuten, die selbst nie in China waren.“ Dort habe sich in den vergangenen Jahren ein Sinneswandel vollzogen, den Deutschland in einem halben Jahrhundert Bildungsmisere nicht geschafft habe.

Den Einwand, die Pisa-Studie beziehe sich nur auf die Provinz Shanghai, lässt er nicht gelten: „Mit ihrem hohen Anteil an Wanderarbeitern ist das eine der heterogensten Provinzen im ganzen Land.“ Erste Ergebnisse aus 15 weiteren Provinzen, die zurzeit von der OECD untersucht werden, bestätigen diesen Trend. „Selbst in der ärmsten Region ist die Lesekompetenz höher als im deutschen Durchschnitt.“

Unterschiedliche Werte

Schleicher findet deshalb eine ganze Reihe an Punkten, von denen Deutschland durchaus schon heute vom chinesischen Bildungssystem lernen könne: „Im Gegensatz zu deutschen Schulen wird hier auf die konsequente Weiterbildung von Lehrern gesetzt.“ In China sind die Lehrer verpflichtet, untereinander Unterrichtsstunden zu bewerten und Verbesserungen vorzuschlagen, ihre deutschen Kollegen hingegen können nach dem zweiten Staatsexamen in großen Teilen nach eigener Gutdünken unterrichten.

Auch die Tatsache, dass das Phänomen der Schulabbrecher in China quasi unbekannt ist, sollte zum Nachdenken anregen. „In Chinas Schulen wird die Verantwortung füreinander gelehrt, das ist der auf Talentförderung fokussierten deutschen Erziehung fremd“, sagt OECD-Experte Schleicher, der dies unter anderem auf gemeinsame Verpflichtungen von Schülern und Lehrer, wie die Pflege des Klassenzimmers, zurückführt. Auch der Erfolg von Schulen und Lehrern werde in China anders definiert. Während hierzulande der arrivierte Studienrat am Gymnasium über das höchste soziale Prestige verfügt, wird in China nur als guter Lehrer anerkannt, wem es gelingt, in als schwierig geltenden Klassen zu bestehen. Auch den Stolz einer Schule macht in China nicht die elitäre Ausgrenzung aus, vielmehr gilt es dort als Versagen der Lehrerschaft, wenn Schüler schlecht abschneiden.

Es bleibt letztlich eine sehr marktwirtschaftliche Idee, die den nachahmenswerten Kern des chinesischen Bildungserfolges ausmacht: bessere Leistungsanreize für alle Beteiligten. Dazu gehören Schüler, denen vermittelt wird, dass Bildung der beste Weg zum Erfolg im Leben ist; Eltern, die sich der Verantwortung für ihre Kinder stellen; Lehrer, für die sich das Lösen schwieriger Fälle lohnt; aber auch Politiker, die in der Lage sind, didaktische Konzepte und politische Ideologien dort zu trennen, wo Letztere nicht der moralischen Orientierung dienen, sondern nur die Zukunftschancen der nächsten Generation gefährden.  

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