Andrea Nahles "Bitte keine Angst!"

Die Arbeitsministerin Andrea Nahles spricht über Jobs in Zeiten ihrer digitalen Gefährdung, heilsame Smartphone-Abstinenz und Pflegeroboter im eigenen Haus.

Andrea Nahles über Folgen des digitalen Wandels. Quelle: Max Lautenschläger für WirtschaftsWoche

Frau Nahles, auch die Politik unterliegt dem digitalen Wandel. Wie hat sich durch Internet und Smartphone Ihre Arbeit verändert?

Sie ist schneller geworden, viel hektischer. Abwägungen, Reaktionen, Entscheidungen, alles muss heute zügiger gehen. Deshalb bin ich froh, dass ich Politik noch unter analogen Bedingungen gelernt habe, bevor diese Geschwindigkeit auch mich erfasst hat. Ich erinnere mich noch an die Zeiten, in denen ich Einladungen mit der Schreibmaschine geschrieben habe. Immerhin war es eine mit Korrekturfunktion, man konnte sich also das Tipp-Ex sparen.

Bleibt keine Zeit mehr zum Innehalten?

Wenig, manchmal zu wenig. Allerdings habe ich dies lange Zeit gar nicht als Mangel wahrgenommen. Mittlerweile schaffe ich mir Inseln der Ruhe, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Das versuchen wir hier auch im Ministerium. Wir schaufeln abends Zeit frei, um über der Hektik des Tages nicht die Fragen von morgen aus dem Blick zu verlieren.

Zur Person

Hassen Sie Smartphone und Tablet eigentlich manchmal?

Nein. Man wird mit diesen Dingern erwachsen. Zu Beginn können wir nicht davon lassen und übertreiben es, wie beim Fernsehen. Manche bleiben dann Junkies. Ich habe mittlerweile kein Problem mehr damit, die Geräte am Wochenende oder im Urlaub wegzulegen. Aber es gab Phasen, da wäre dies nicht möglich gewesen, ohne dass ich mich unwohl gefühlt hätte. Allerdings habe ich nur ein einziges Mal in meinem Leben ein Handy wirklich von Herzen vermisst: als ich in jungen Jahren in der schwedischen Pampa einen schweren Autounfall hatte.

Dafür haben Sie heute aber eine Direktleitung zur Familie in der Eifel.

Ja, skypen mit meiner Tochter gehört fest zu meinem Leben. Das muntert mich auf, macht mich manchmal aber auch wehmütig, denn es führt mir vor Augen, dass ich nicht zu Hause bin, sondern weit weg.

Was bedeutet diese neue Dominanz der Technik? Muss man heute digital fit sein?

In täglich zunehmendem Maße, ja.

Und was wird aus denen, die sich nicht qualifizieren wollen oder können?

Strukturwandel hat es immer gegeben. Deutschland war in der Vergangenheit stark darin, so viele wie irgend möglich mitzunehmen im Wandel. Bildung und Qualifizierung sind der Schlüssel – von der Schule über die Ausbildung und über das Arbeitsleben hinweg.

In der Debatte über diesen Umbruch gibt es zwei Lager. Das der Untergangspropheten und jenes der Optimisten, die sagen: Wandel brachte immer Wohlstand und neue Arbeit. Wozu neigen Sie?

Wir stecken mitten in einer Evolution, die sich gerade ungeheuer beschleunigt. Wir werden mehr Selbstständige haben, mehr automatisierte Produktion, mehr Crowdworker. Arbeit und Leben verändern sich. Die entscheidenden Fragen sind doch: Wird es gute Arbeit sein, wird es soziale Sicherheit geben, Chancengerechtigkeit und Aufstiegsmöglichkeiten? Werden wir in Wohlstand und Frieden leben, in einer weltoffenen und toleranten Gesellschaft? Ich habe nicht vor, als Arbeitsministerin nur die Entwicklung abzuwarten, mit dem Krankenwagen hinterherzufahren und die Verletzten aufzu- lesen. Die Zukunft ist offen, lasst uns die Ärmel hochkrempeln und sie gestalten!

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