Facebook, TikTok und Co.: Ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche wäre falsch

Australien sperrt Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren seit vergangenem Jahr aus den sozialen Netzwerken aus. Und auch Deutschlands Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) denkt über ein solches Verbot nach. Doch wenn wir nachwachsende Generationen wirklich vor dem Müll, der Flut an Desinformation und den Hirnzellen vernichtenden Inhalten in Facebook, Instagram und TikTok schützen wollen, ist das der falsche Weg. Denn es hindert sie daran, frühzeitig ein natürliches Immunsystem dagegen aufzubauen.
So wie wir Kinder im Kindergarten Krankheitserregern aussetzen, sie zeitig aufs Fahrrad setzen, müssen wir das mit den sozialen Netzwerken tun. Denn per Künstlicher Intelligenz produzierte, täuschend echt wirkende Fake-Inhalte dürften in den nächsten Jahren die Timelines regelrecht fluten. Da ist es wichtig, dass wir auch als Gesellschaft eine gute Immunität wenigstens in Teilen entwickeln.
Insbesondere angesichts einer politisch zunehmend gespaltenen Welt, in der feindlich gesinnte Regime die Netzwerke nutzen, um die öffentliche Meinung zu lenken, ist eine möglichst breite und gesunde Skepsis gegenüber den Inhalten für die Demokratie überlebenswichtig. Gerade ältere Menschen, die nie eine Chance hatten, ein solches Immunsystem gegen Desinformation in den Netzwerken aufzubauen, erscheinen heute mitunter besonders vulnerabel.
So hatte schon 2019 eine Untersuchung der US-Universitäten Princeton und NYU ergeben, dass amerikanische Facebook-Nutzer über 65 fast siebenmal häufiger Artikel von Fake-News-Seiten teilen als solche im Alter von 18 bis 29. Die Autoren schrieben zur Erklärung des Phänomens: „Es ist möglich, dass eine ganze Gruppe von Amerikanern, die jetzt in den 60ern und darüber hinaus ist, nicht über das notwendige Maß an digitaler Medienkompetenz verfügt, um die Vertrauenswürdigkeit von Online-Nachrichten zuverlässig zu beurteilen.“
Medienkompetenz in Schule lehren
Natürlich sollten wir die Kinder in dieses Informations- und Desinformationschaos nicht einfach hineinwerfen. Das muss begleitet werden, und da kommt Bildungsministerin Prien wieder ins Spiel. Ein Verbot wäre für sie zwar einfacher. Aber wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche bei ihren ersten Schritten in den sozialen Netzwerken zu begleiten, ihnen in den Schulen jene Medienkompetenz zu lehren, eine Strategie an die Hand zu geben, wie sie der Suchtwirkung der Netzwerke widerstehen können. Denn Alter schützt vor dieser Sucht jedenfalls nicht, das zeigen all die erwachsenen Menschen, die ihre Blicke nicht mehr von ihrem Handy lassen können, selbst wenn sie gemeinsam mit anderen in einer Bar oder im Restaurant sitzen.
Und natürlich müssen, wenn wir Kinder den sozialen Netzwerken aussetzen, bessere Schutzmechanismen gegen Mobbing her. Dazu muss die Regulierung die sozialen Netzwerke am Ende zwingen. Und im Zweifel harte Strafen gegen sie verhängen.
Beachten wir das alles, darf man zumindest hoffen, dass die Situation mit der Desinformation in unserer Gesellschaft irgendwann wieder besser wird.
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