Strom aus Batteriespeichern: Allianz kauft sich ins Geschäft mit flexibler Stromvermarktung ein
Allianz hat einen Anteil am Batteriespeicher-Start-up Entrix erworben.
Foto: Getty Images, imago-imagesErneuerbare Energien wie Wind und Sonnenstrom boomen: In den ersten fünf Monaten 2024 betrug ihr Anteil an der deutschen Bruttostromerzeugung erstmals 58,4 Prozent. Tendenz weiter steigend: für 2030 rechnen Experten mit rund 80 Prozent Erneuerbaren im deutschen Strommix.
Doch der Boom hat einen Nachteil: Die produzierte und am Markt verfügbare Menge Strom schwankt immer stärker. Lieferten früher Kohle- und Atom-Kraftwerke gleichmäßig rund um die Uhr Strom, so gibt es heute Spitzen bei Sturmtiefs im Norden oder im Sommer im Süden. Für Netzbetreiber und Stromversorger ist das ein Problem, weil die Nachfrage , weil die Nachfrage nur geringfügig flexibel ist. Sie passt also immer weniger auf das Angebot. nur geringfügig flexibel ist. Sie passt also immer weniger auf das Angebot.
Die Lösung dafür ist vielschichtig – und auf jeden Fall teuer. Die Leistung der Wind- und PV-Kraftwerke muss stärker ausgebaut werden, als der durchschnittliche Stromverbrauch das nötig machte; damit der Strom auch dann noch reicht, wenn das Wetter gerade nicht so mitspielt. Experten nennen das „Überbauen“.
Auch die Stromnetze müssen ausgebaut werden, um den Windstrom aus dem Norden in den Süden zur Industrie zu bringen und, auf lokaler Ebene in den Verteilnetzen, von den Sonnenkraftwerken in die Haushalte. Allein der Netzausbau kostete Hochrechnungen zufolge von 2022 bis 2023 insgesamt rund 42 Milliarden Euro. Die Kosten mindern könnten flexible Abnehmer – etwa Industriebetriebe, die ihren Strombedarf zum Teil anpassen können. Und natürlich Speicher.
Zu wenig Batteriespeicher
Speicher sind an sich nichts Neues; schon seit über 100 Jahren nutzen die Stromversorger zum Beispiel Pumpspeicherseen. Doch deren Kapazität und Leistung reichen bei weitem nicht aus für eine Stromwirtschaft, die immer mehr von schwankenden Erneuerbaren geprägt ist. Batterien könnten eine Lösung sein, zumindest für den kurzfristigen Speicherbedarf zwischen etwa einer Minute und drei bis vier Stunden. Für längere Angebotslücken – etwa über den Winter – braucht es dann molekulare Speicherformen wie Wassersoff.
Noch gibt es in Deutschland kaum nennenswerte Batteriespeicher. Nur 10,2 Gigawatt Batterien sind in Deutschland derzeit installiert; das entspricht ungefähr einem Neuntel der Leistung aller Solarmodule; die Technik war bisher teuer. Doch das ändert sich. Nach einem kurzen Preisanstieg 2022 und 2023 fallen die Batteriepreise wieder. 2037 wird es laut Studien etwa 30 Gigawatt (GW) Batterie-Leistung geben.
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Experten erwarten Boom bei Batteriespeichern
„Die Hardware, also die Batterien, zu bauen, reicht aber nicht aus, sie ist nur eine nötige Bedingung für eine bessere, flexible Nutzung des schwankenden Stroms aus Erneuerbaren“, sagt Entrix-CEO Steffen Schülzchen. Sein Start-up vermarktet Strom aus Batteriespeichern. „Man muss den dort gespeicherten Strom auch zur richtigen Zeit wieder heraus nehmen und vermarkten, damit das System optimal profitiert.“
„Das System“, das sind in diesem Zusammenhang zwei Akteure: einerseits die Netzbetreiber, die das Stromnetz stabil halten müssen. Bisher machen sie das etwa durch mechanische Speicher, wie die Schwungräder in Generatoren, und durch Pumpspeicherseen. Weil aber immer mehr Generatoren mit ihren Kohle- und Kernkraftwerken vom Netz gehen, muss Ersatz her. Zugleich steigt die Volatilität des Stromangebots durch die vermehrt einspeisenden Erneuerbaren, was den Regulierungsbedarf ebenfalls erhöht.
Zum anderen sind es die deutschen Verbraucher, die im weltweiten Vergleich sehr hohe Strompreise bezahlen müssen. „Könnte man mehr Strom aus erneuerbaren Quellen, der heute noch oft zu negativen Preisen an der Leipziger Strombörse gehandelt wird, zwischenspeichern, ließen sich damit zum Beispiel Preisspitzen abfangen und kurzfristig hohe Nachfrage bedienen“, sagt Entrix-CEO Schülzchen.
Sein Unternehmen will nun genau diese Lücke schließen: Entrix ist darauf spezialisiert, den in Batterien zwischengespeicherten Strom zu vermarkten. Dafür entwickelt das Unternehmen spezielle Algorithmen, die mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) den Strom aus Batterien immer dann an den Markt bringen, wenn dort die Nachfrage gerade besonders hoch ist.
Allianz kauft sich ein
Entrix vermarktet bisher vor allem Großspeicher, bietet seine Dienste inzwischen jedoch auch für Privathäuser an. Gerade dort werden Batterien bisher oft als erstes gefüllt, wenn genügend Strom dafür da ist. Besonders im Sommer sind das dann häufig die Vormittagsstunden.
Zur Mittagszeit, wenn die PV-Anlagen im Land viel leisten und der Strompreis an der Strombörse rapide fällt, sind die meisten Batterien dann schon voll; die Erzeuger müssen in das Überangebot und fallende Preise hinein ihren Strom verkaufen.
Entrix-Kunden sind aber auch die Netzbetreiber selbst, die Entrix zum Beispiel mit Regelleistung versorgt. Diese Leistung wird von den Netzbetreibern bei Bedarf eingespeist, um Angebot und Nachfrage im Stromnetz im Gleichgewicht zu halten. Sie kann aus flexiblen, schnellen Kraftwerken, Pumpspeicherseen oder auch Batterien kommen.
In dieser Woche erfuhr die WirtschaftsWoche, dass der Versicherungskonzern Allianz im Juli rund fünf Prozent der Entrix Anteile erworben hat. Über den genauen Wert der Investition machen die beiden Unternehmen keine Angaben.
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