Werner knallhart: Foto-Rückblicke: Immer irgendwie im falschen Moment
Um unsere Psyche vor Ballast aus der Vergangenheit zu verschonen, verklären wir in unserem Gedächtnis das, was einmal war, und erinnern uns vornehmlich an Schönes. Diese psychologische Halbbildung haben doch irgendwie alle verinnerlicht.
Was, wenn wir dann dank schnöder Auswertungen durch irgendeinen Algorithmus kombiniert mit KI und Marketing und was weiß ich noch alles mit dem konfrontiert werden, was wir längst mental schöngefärbt ad acta gelegt haben?
Da kann einem etwa eine trockene statistische Auswertung ganz schön die Laune versauen. Zum Beispiel, wenn wir am Ende des Jahres denken: Ach, 2022 habe ich eigentlich ganz gut Sport gemacht. Und dann reibt einem die Smartwatch unter die Nase: Sporteinheiten pro Monat durchschnittlich: 3,4. Wenn uns dann wieder einfällt: Gut, im Sommer war sehr wenig und im Osterurlaub auch und im Winter tue ich mich eh immer schwer.
Eine solche Auswertung kann da ja noch recht heilsam sein. Hier dient die Statistik der Selbstoptimierung (wenn wir die denn wollen und wenn wir dieses Schlagwort noch ertragen können in Zeiten, in denen die meisten ganz andere Probleme haben, als noch mehr aus dem satten Leben rauszuholen).
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Wie ist es aber mit digitalen Auswertungen wie den Foto-Rückblicken? Ich hatte diese in meinem iPhone voreingestellte Funktion jahrelang nicht abgestellt. Keine Ahnung, nach welchen Kriterien Apple die Auswahl der Fotos trifft, aber Screenshots von Rechnungen kommen darin nie vor. Mein Handy erkennt schon ganz genau, was Urlaub, ein Wochenende mit der Familie und ein Ausflug in den Freizeitpark war.
Und ja, das waren ja auch alles tolle Momente, die ich nicht missen möchte, aber – wie geht es Ihnen dabei? – ich möchte nicht in jedem unvorhersehbaren Moment aus heiterem Himmel an beliebige Stationen in meinem Leben erinnert werden.
Erinnert werden ist nicht sich erinnern
Das mag zu einem daran liegen, dass ich „erinnert werde“. Passivkonstruktion. Manchmal öffne ich die Foto-App und suche Fotos nach Orten auf der Welt, weil sich dahinter etwa Urlaubsreisen verbergen. Ich sehe Costa Rica und die Anzahl der Fotos und hole mir die Erinnerungen dann selber wieder ins Bewusstsein.
Bei der automatischen Fotorückschau aber erinnere ich mich eben nicht selber, sondern werde drauf gestoßen. Und ich kann mich nicht davon freimachen, dahinter immer auch einen Appell von Apple mitschwingen zu sehen: „Nimm dir jetzt und hier eine Auszeit und lass dein Leben auf dich wirken“. Eine gut gemeinte Anmaßung irgendwelcher Coder in Cupertino, die das Marketing sicherlich vor Glück im Dreieck springen lässt, weil Technik auf diese Weise maximal emotional aufgeladen wird.
Aber es sind nunmal meine Fotos, meine Erinnerungen. Und nicht jede Erinnerung passt in jeden Moment des Alltags. Liebe amerikanische Techfirmen, ich weiß, ihr liebt es, mit kleinen Features auf unser Leben einzuwirken. Aber fummelt mir nicht in meinem Innersten herum!
Eine Freundin hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass sie in Tränen ausgebrochen ist, als sie mitten in der härtesten Phase des Liebeskummers obendrein auch noch völlig unvorbereitet eine Fotocollage der schönsten Momente mit ihrem Ex vorgespielt bekam.
Ein Freund erzählt, dass er die Fotos seiner verstorbenen Mutter am liebsten in ruhigen Momenten auf langen Zugreisen aufruft, aber nicht vorgesetzt bekommen möchte, wenn er gedanklich beim Job ist.
Solange die KI nicht erahnen kann, welche Personen oder Orte man gegenwärtig beim besten Willen nicht aufs Display gespielt haben will, ist das Smartphone in unseren Händen eine emotionale Zeitbombe. Zumindest für alle, die mit ihrer Vergangenheit nicht perfekt im Reinen sind. Und wer ist das schon?
Aber selbst wenn: Erinnerungen sind dann besonders schön, wenn wir sie im genau richtigen Moment in uns wirken lassen können. Und nicht, wenn das Widget auf dem Sperrbildschirm gerade einen der schönsten Momente der vergangenen Jahre hoch wühlt, wenn man gerade das Taxi per App bezahlen will. So wird das Wertvollste im Leben verramscht.
Dazu kommt aktuell noch etwas anderes:
Rückblicke sind derzeit Sprünge in eine vergangene Welt
Ich finde, mit ein bisschen Abstand zur Pandemie und mitten im Kriegs- und Krisengefühl wirken die Erinnerungen an die unbedarfte Zeit davor wie eine gedankliche Zeitreise in eine Epoche, die nie wieder kommt. Viele werden sich die Urlaube nach Thailand und Südafrika nicht mehr leisten können, die sie in ihrem Smartphone verewigt haben. Die Erkenntnis, dass die Zeit von „immer weiter aufwärts“ vorbei ist, kann ganz schön wehtun.
Was ich damit sagen will: Die Idee mit den Foto-Rückblicken ist gut. Aber die ausgefeilte Technik, die dahintersteht, konzentriert sich auf die Zusammenstellung der Fotos nach Zeitpunkt (vor genau einem Jahr, Weihnachten der vergangenen Jahre etc.), Personen und Orten.
Von unserer Gemütslage weiß die KI allerdings wenig. Selbst wenn in die Fotorückschau einberechnet würde, welche Musik wir gerade hören (Partymixe oder Melancholisches), welche Websites wir gerade so lesen (Sport oder Horrormeldungen aus dem Krieg) oder wo wir uns gerade befinden (Im Café neben dem Kino oder im Wartezimmer der Onkologie) – es bleibt das Gefühl von „erinnert werden“.
Aus dem gleichen Grund klicke ich auch die dieser Tage wieder aufploppende Jahresstatistik von Spotify weg. Weil es mir jetzt nicht gefällt zu sehen, dass ich wegen einer aufgedrehten Urlaubsparty im Frühjahr am häufigsten einen Song gehört habe, der jetzt kurz vor Weihnachten einfach ein unpassender Witz wäre.
Ach, ich weiß auch nicht. Vielleicht ist es einfach meine Stimmung nach einem traurigen Jahr. Aber ich schalte die Fotorückblicke in meinem iPhone jetzt ab. Es ändert ja nichts: Die alten Zeiten kommen nicht wieder.
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