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50 Jahre Apollo-Programm Deutsche Wertarbeit am Zoll vorbei zum Mond

Astronaut Buzz Aldrin trägt den Laserreflektor bei seinem Mondspaziergang in seiner rechten Hand und bringt ihn zu seinem Einsatzort. Quelle: NASA

Bei der ersten Mondlandung hatte die Crew von Apollo 11 ein Gerät aus Deutschland mit an Bord, das heute noch funktioniert. Einer der Ingenieure erinnert sich.

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Das Erkennungszeichen war ein buntes Einstecktuch in der Sakkotasche, der Treffpunkt das Flugfeld des Flughafens in New York. Der Mann im schwarzen Anzug, der gerade gelandet war, trug einen Koffer in der Hand und erkannte schnell den Amerikaner, der am Flughafenbus auf ihn wartete. Ein Handzeichen, ein Blick, schnell tauschte der Koffer den Besitzer.

Was wie die Szene aus einem Spionagefilm klingt, ist Weltraumgeschichte: Der Passagier im schwarzen Anzug war kein Geheimagent, sondern ein Mitarbeiter von Heraeus, einem Technologiekonzern aus Hanau. Und der Mann am Bus kam nicht im Auftrag der CIA, sondern der Nasa, der US-Raumfahrtbehörde. Im Koffer waren keine brisanten Papiere, sondern 125 Prismen aus Quarzglas, bestimmt für die erste bemannte Mondlandung.

Dass die beiden Männer die Prismen am Zoll vorbeischmuggelten, sollte nicht Geld sparen sondern Zeit, erinnert sich Peter Hitzschke, der damals als Ingenieur bei Heraeus arbeitete und von Kollegen von der geheimen Übergabe erfuhr. „Der Amerikaner flog direkt nach Florida”, erzählt Hitzschke, „in einem anderen Flugzeug, das auf dem Rollfeld wartete.” Vier oder fünf Tage Wartezeit sparte das der Nasa, die so schnell wie möglich zum Mond wollte – bevor Russland dort landete.

So begann für die Prismen aus Deutschland eine abenteuerliche Reise, die sie bis auf den Mond bringen sollte, wo sie heute noch ihren Dienst tun. Ingenieure bauten aus ihnen einen so genannten Retroreflektor – einen High-Tech-Spiegel, den die Apollo-Astronauten im Mondsand postierten.

Leuchten Forscher den Retroreflektor mit einem starken Laser von der Erde aus an, empfangen sie noch heute das reflektierte Licht. Weil die Lichtgeschwindigkeit konstant ist, können sie auf wenige Zentimeter genau berechnen, wie weit der Mond von der Erde aus entfernt ist: Im Durchschnitt 384.000 Kilometer. 2,5 Sekunden braucht das Laserlicht für diese Strecke hin und zurück.

Als Peter Hitzschke am Abend des 20. Juli 1969 mit seiner Familie vor dem Fernseher saß und gespannt die Landung von Apollo 11 verfolgt, ahnte er noch nicht, dass die Prismen mit an Bord der Mondfähre waren, die er in Hanau mit entwickelt hatte. „Wir wussten, dass die Prismen an die Nasa gingen, aber wir wussten nicht, wofür”, erinnert er sich. Gebannt verfolgte der 31-Jährige die krisseligen Bilder aus dem All. „Dass es schon halb drei morgens war, spürten wir nicht, so begeistert waren wir”, erzählt er.

Ingenieur Peter Hitzschke (vorne rechts) 1966 mit seinen Kollegen vom Heraeus-Team, das für Nasas Apollo-Mission arbeitete. Quelle: Heraeus

Die Idee für den Mondreflektor hatte der amerikanische Forscher James Faller von der Princeton University schon Ende der 50er Jahre entwickelt. Nasa-Manager wählten seine Idee als eines von drei Experimenten aus, die die Astronauten der Apollo-11-Mission mitnehmen sollten. Das Gerät, das am Ende entstand, sieht erst einmal nicht kompliziert aus: ein quadratisches Metallgestell, die Seiten 46 Zentimeter lang, mit hundert runden Einbuchtungen, in denen Glas zu sehen ist.

Im Glas liegt die Besonderheit: Damit es das Laserlicht wieder genau zur Erde reflektiert, muss es hochrein sein. Kleinste Verunreinigungen würden dazu führen, dass das Licht ins All gestreut würde. Heraeus in Hanau war einer der wenigen Anbieter, die solche Prismen herstellen konnten. Über eine Tochterfirma in den USA nahm die Nasa Kontakt auf – und vergab den Auftrag nach Hanau.

In einer Werkhalle in Hanau war Hitzschke einer der Mitarbeiter, die den Spezialauftrag umsetzten. Als Werkstoff verwendeten sie Quarzglas – ein hochreines Material, das den extremen Temperaturen und der Strahlung auf dem Mond standhält. „Quarzglas ist nicht leicht zu verarbeiten”, erklärt Hitzschke. Er und seine Kollegen mussten es auf weit über 1000 Grad Celsius erhitzen, um daraus Prismen zu formen.

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