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Feinste Bewegungen ABB entwickelt Roboter für die Medizinbranche

Der Schweizer Energie- und Automatisierungskonzern ABB möchte neue Märkte erobern. In den Healthcare Labs sollen Roboter für Krankenhäuser und Labore entstehen. Quelle: Presse

Der Schweizer Konzern ABB will Roboter in Krankenhäuser und Labore bringen. Damit sollen neue Therapien preiswerter werden. Auch beim Fachkräftemangel sollen die Roboter Abhilfe leisten.

Er kann Gegenstände greifen, sich auf Rollen fortbewegen und feinste Bewegungen präzise durchführen: Yumi, ein Roboter aus einem Torso und zwei Metallarmen, hat in den vergangenen Jahren manche Fabrik und Werkstatt erobert. Sogar als Dirigent ist der Roboter schon aufgetreten: Bei einem Konzert in Pisa hat er für Opernstar Andrea Bocelli die Taktstöcke geschwungen.

Yumi, entwickelt vom Schweizer Energie- und Automatisierungskonzern ABB, ist einer der ersten Roboter einer neuer Generation: Clevere Helfer, die sich leicht für neue Aufgaben trainieren lassen, die mit Kameras und Sensoren ihre Umgebung analysieren und die nicht eingezäunt werden müssen, weil sie mit Sensoren spüren, wann sie Menschen zu nahe kommen. Kollaborative Roboter heißen sie, kurz Cobots.

Nun will ABB mit seinem Cobot und anderen Robotersystemen einen neuen Markt erobern. „Wir möchten kollaborative Roboter im Gesundheitswesen einsetzen“, sagt ABB-Vorstand Sami Atiya, der den Geschäftsbereichs Robotik und Fertigungsautomation leitet. Yumi-Roboter sollen künftig in medizinischen Laboren und Krankenhäusern Aufgaben übernehmen, die bisher per Hand erledigt werden müssen.

Am Texas Medical Center in Houston, dem größten medizinischen Gebäude- und Institutskomplex der Welt, startet ABB diesen Sommer ein Innovationslabor. Quelle: Presse

Die Medizinbranche sei ein „sehr spannender Markt, in dem wir auf Wachstum setzen“, sagt Atiya. Der Konzern erhofft sich darin offenbar auch ein mögliches weiteres Standbein für das Roboter-Geschäft. Das wächst zwar in der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie. Doch in der Automobilindustrie rechnet der Konzern mit Turbulenzen. Die Schwäche der Branche werde sich auch auf die Roboter-Verkäufe auswirken, sagte ABB-Chef Peter Voser der Nachrichtenagentur Reuters.

Nun also Medizin: Weltweit hantieren Fachkräfte in Laboren heute mit Blutproben, Chemikalien und Werkzeugen, um etwa medizinische Laborwerte zu bestimmen, Blut auf Bakterien zu untersuchen oder die Wirkung von Medikamenten zu überprüfen. „Es entstehen ständig neue Therapien“, sagt Atiya, „viele davon sind auf die einzelnen Patienten zugeschnitten. Das erhöht die Komplexität im Labor.“ Auch weil die Lebenserwartung der Menschen steige, nähmen die Kosten im Gesundheitswesen zu.

Die Automatisierung soll nun helfen, Geld zu sparen. Am Texas Medical Center in Houston, dem größten medizinischen Gebäude- und Institutskomplex der Welt, startet ABB diesen Sommer ein Innovationslabor. Dort sollen 20 Mitarbeiter den Yumi-Roboter fit für den Laboreinsatz machen und weitere Automatisierungslösungen für die Medizin entwickeln. Auch von der großen Zahl an Start-ups rund um den Campus will ABB profitieren und Kooperationen anbahnen.

Roboter könnten vor allem Tätigkeiten ersetzen, die auf Wiederholung basieren. Kleinteilige Arbeiten könnten die Maschinen auch übernehmen. Quelle: Presse

Vor allem Tätigkeiten, die stetig wiederholt werden müssen, soll die Maschine künftig ersetzen: Sie sollen Reagenzgläser in Zentrifugen einfügen und wieder herausnehmen, Teströhrchen im Labor von einem Ort zum anderen transportieren oder Proben auf Objektträger auftragen.

Filigrane Aufgaben, denen Atiya seine Roboter gewachsen sieht. „Roboter bewegen sich bis auf den Submillimeter-Bereich genau und arbeiten dadurch in vielen Fällen deutlich präziser als Menschen.“ Möglich machen es Kraftsensoren, die den Druck von Greifern messen und intelligente Kameras, die Objekte räumlich scannen und Distanzen messen.

In der Lebensmittelindustrie etwa greifen dadurch ABB-Roboter schon weiche Bananen oder Kekse und platzieren sie in Verpackungen, ohne sie zu beschädigen. „Wir wollen die Erfahrungen, die wir in anderen Industrien gemacht haben, nun auf die Medizin übertragen“, sagt Atiya.

In Texas sollen die Roboter lernen, verschiedene Reagenzgläser zu greifen, ohne sie zu zerbrechen. Die Greifer sollen die Gläser auch dann finden, wenn sie nicht exakt an einer vorher einprogrammierten Stelle stehen. Die Laboranten sollen dadurch mehr Zeit bekommen, um andere Aufgaben zu erledigen. Schon heute hätten Kliniken Probleme, Fachkräfte und Mitarbeiter für sich wiederholende Aufgaben in Laboren zu finden, sagt Atiya.

In ein bis zwei Jahren will ABB das, was der Konzern in Texas entwickelt hat, weltweit ausrollen und in die Märkte in Europa und Asien tragen. Die Nachfrage für solche Cobots schätzt ABB auf 60.000 Exemplare. „Die Servicerobotik wird einen spürbaren Anteil am Gesamtgeschäft von ABB haben“, sagt Atiya.

Marktbeobachter sehen ebenfalls starkes Wachstum für kollaborative Roboter: Der weltweite Umsatz mit Cobots soll laut den Marktforschern von Market & Markets von 710 Millionen Dollar im Jahr 2018 auf 12 Milliarden Dollar im Jahr 2025 wachsen. Konkurrenten von ABB sind unter anderem Universal Robots aus Dänemark, Kuka aus China und Fanuc aus Japan.

Nun muss Yumi zeigen, ob er im Labor tatsächlich deutlich Arbeit spart – und ob sich genug Krankenhäuser, die häufig mit chronisch klammen Budgets laborieren, für die Investition in die Technik begeistern können.

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