Fußgänger: Darum springt die Ampel so schnell auf Rot
Ein rotes Ampelmännchen.
Foto: FotoliaJeden Morgen gehe ich zu Fuß zur Arbeit. Jeden Morgen laufe ich deutlich schneller als das übliche Schritttempo von 3,6 Kilometern pro Stunde. Jeden Morgen stehe ich an der gleichen, hochfrequentierten Straßenkreuzung. Und jeden Morgen stelle ich mir die gleiche Frage: Schaffe ich es heute während der Grünphase, die Straße zu überqueren? Meine persönliche Statistik macht mir wenig Mut. In 100 Prozent der Fälle lautet die Antwort: Nein. Etwa fünf bis sechs Meter vor dem Bürgersteig springt die Lichtanlage um.
Doch jetzt stellt sich heraus: Das ist Absicht. Viele der 68.000 Ampeln in Deutschland sind extra so programmiert, dass sie umspringen, während der Fußgänger sich noch mitten auf der Straße befindet. "Die Richtlinien für Lichtsignalanlagen besagen, dass der durchschnittliche Fußgänger während der Grünphase mindestens die Hälfte der Strecke geschafft haben muss", sagt Christian Book von der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen in Hamburg.
Ablenkungen am Steuer sind eine unterschätzte Gefahr. Immer wieder kracht es auf deutschen Straßen, weil Autofahrer nicht bei der Sache sind. Dabei ist Telefonieren am Steuer nicht die einzige - und auch nicht die häufigste Art der Ablenkung im Straßenverkehr. Eine aktuelle Umfrage des Kfz-Direktversicherers DA Direkt hat Autofahrer nach den größten Störfaktoren gefragt und festgestellt: Auch vermeintlich harmlose Dinge können die Aufmerksamkeit beträchtlich beeinflussen. Worauf Sie beim Autofahren unbedingt verzichten sollten.
Foto: dpaPlatz 10: Rauchen am Steuer
Fenster auf, Glimmstängel an - Entspannung pur? Laut Umfrage geben 18 Prozent der Befragten an, dass Rauchen sie vom Autofahren ablenkt.
Foto: gmsPlatz 9: Richten des Sitzes oder der Spiegel
Der Sitz zu weit hinten, der Spiegel verdreht und die Außenspiegel zeigen alles, nur nicht die Straße: Wer sich sein Auto mit mehreren Personen teilt, kennt diese Situation. Im Idealfall fällt einem vor dem Start auf, dass Sitz und Spiegel nicht dort sind, wo sie für ein gutes Fahrgefühl sein sollten. 21 Prozent der befragten deutschen Autofahrer richten ihren Platz jedoch erst nach und nach richtig ein - und können sich dadurch schlechter auf den Straßenverkehr konzentrieren.
Foto: CLARK/obsPlatz 8: Haustiere
Autofahrten sind für die meisten Tiere eine Tortur, vor allem im Sommer. Es ist heiß, stickig, eng und laut - kein Wunder, dass viele Vierbeiner nach kurzer Zeit anfangen zu jaulen und zu jammern. 21 Prozent der Fahrer geben an, dass sie sich von Haustieren im Fahrzeug besonders gestört fühlen. Beim Autofahren sind Tiere gleich eine doppelte Gefahrenquelle: Sie lenken nicht nur vom Straßenverkehr ab, sondern können bei einem Unfall durch ihr Gewicht auch zu einer richtigen Gefahr werden. Schon bei einem Aufprall mit 50 km/h wird ein ungesicherter Hund zu einem regelrechten Geschoss mit einer Durchschlagskraft von 600 Kilo.
Foto: CLARK/obsPlatz 7: Kinder als Beifahrer
Nicht alle Kinder sitzen so ruhig und vorbildlich im Fahrzeug wie die Geschwister auf dem Foto. Knapp ein Fünftel der Kinder sind nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen nicht einmal vernünftig angeschnallt - und toben mitunter sogar im Auto herum. Das nervt, finden 23 Prozent der befragten Autofahrer und sehen in ihrem Nachwuchs eine der Hauptursachen, weshalb sie sich nicht auf den Straßenverkehr konzentrieren können.
Foto: dpa/dpawebPlatz 6: Körperpflege
Last-Minute-Schminken vor dem Kundenbesuch oder noch schnell die letzten Härchen vor dem Schwimmbad-Besuch entfernen: 23 Prozent der Fahrer geben an, dass Körperpflege sie vom Straßenverkehr ablenkt.
Foto: CLARK/obsPlatz 6: Essen und Trinken
In der Hektik des Berufsalltags bleibt oft keine Zeit für ein gemütliches Mittagessen in der Kantine. 30 Prozent der Autofahrer holen versäumte Mahlzeiten im Fahrzeug nach. Der hastige Genuss ist nicht nur schlecht für die Gesundheit, sondern fördert auch Unfälle, warnen die Experten. Selbst wenn dabei kein größerer Schaden entsteht, ist der Ärger oft groß. "Neben der Gefahr für Leib und Leben können Unfälle, die durch Ablenkung entstehen, sogar zum kompletten Verlust des Versicherungsschutzes führen", sagt Norbert Wulff, Vorstand des Kfz-Direktversicherers DA Direkt.
Foto: dpaPlatz 5: Navigation und andere Technik
Eine tolle Sache, so ein Navi. Es bringt den Fahrer von A nach B. Doch wer sich allein auf die Stimme aus dem Gerät verlässt, neigt dazu, die eigene Aufmerksamkeit schleifen zu lassen. Immerhin 40 Prozent der Befragten geben an, dass Navigationssysteme und andere Technik im Fahrzeug wie etwa das Radio und die Klimaanlage, sie vom Fahren ablenken.
Foto: dpaPlatz 3: SMS, Nachrichten, E-Mails schreiben
Wer beim Fahren schnell noch eine SMS tippt, erhöht sein Unfallrisiko auf das 23-fache, haben Forscher aus den USA herausgefunden. Sie warnen: allein eine Blickabwendung von nur fünf Sekunden bei Tempo 50 führt zu einem Blindflug von beinahe 70 Metern. Auch wer beim Schreiben immer wieder kurz auf die Straße schaut, könne leicht etwas übersehen. In der Umfrage der DA Direkt geben 46 Prozent der Befragten an, dass SMS, Nachrichten und E-Mails schreiben ihre Aufmerksamkeit vermindern.
Foto: dpaPlatz 2: Telefonieren am Steuer
Es ist gefährlich, verboten und kostet 40 Euro Strafe. Trotzdem können Autofahrer das Telefonieren während der Fahrt nicht lassen. Wie die Umfrage zeigt, lenkt Telefonieren vor allem Menschen ab, die nicht so oft hinter dem Steuer sitzen. Bei Autofahrern, die seltener als einmal pro Woche fahren, fühlten sich 60 Prozent der Befragten abgelenkt. Bei denjenigen, die fünf- bis sechsmal die Woche mit dem Auto unterwegs sind, waren es lediglich 40 Prozent.
Foto: CLARK/obsPlatz 1: Herunterfallende Gegenstände
Mit 53 Prozent überraschend auf dem ersten Platz: Herunterfallende Gegenstände. Über die Hälfte der Befragten neigt dazu, dem Impuls nachzugeben und während der Fahrt nach dem verlorenen Gegenstand zu suchen. „Trotz zahlreicher Aufklärungskampagnen zeigt die Umfrage, dass sich Deutsche im Auto noch immer leicht ablenken lassen", sagt Norbert Wulff, Vorstand des Kfz-Direktversicherers DA Direkt. Das bleibt nicht ohne Folgen. Bei der Befragung gibt fast die Hälfte (47 Prozent) der Befragten zu, durch Ablenkungen schon einmal in eine brenzlige Situation gekommen zu sein.
Foto: dpaDie Richtlinien gehen dabei davon aus, dass der durchschnittliche Passant zwischen einem und eineinhalb Meter in einer Sekunde zurücklegt. Das ist umgerechnet eine Geschwindigkeit von 4,3 km/h. "Auch wenn die Ampel schon auf halber Strecke Rot zeigt, kommen die Fußgänger noch sicher über die gesamte Straßenbreite", sagt Book. Nur wissen das die Wenigsten: Sie rennen los oder kehren um. Aber der Durchschnitts-Passant schafft es laut Experte selbst dann noch sicher über die Straße, wenn er in der letzten Sekunde der Grünphase losläuft.
Aber nicht unbedingt Eltern mit Kinderwagen, Gehbehinderte oder Senioren, die langsamer als das statistische Mittelmaß laufen. Sie sind oft noch auf der Straße, wenn die Autofahrer schon Grün haben – und werden so zu Unfallopfern. Zahlen gibt es dazu nicht. Das statistische Bundesamt führt nicht explizit auf, wie viele Passanten in Unfälle an Ampelkreuzungen involviert sind.
Trotzdem gibt es laut Book keinen Grund zur Panik. Die Ampeln seien jeweils so berechnet, dass sie für alle Verkehrsteilnehmer unter normalen Voraussetzungen sicher sind, aber gleichzeitig einen möglichst reibungslosen Verkehrsfluss gewährleisten. "Jede Schaltung ist ein Kompromiss aus vielen Zielkonflikten", sagt Book. An stark belasteten Straßen und zu verkehrsintensiven Zeiten seien die Umlaufzeiten – die Zeit eines gesamten Ablaufes der Schaltung – oft länger. An weniger stark belasteten Stellen und zu verkehrsschwachen Zeiten könne es zu kürzeren Umlaufzeiten kommen. An manchen Orten, zum Beispiel vor Seniorenheimen oder Kindergärten, sind die Grünphasen für Fußgänger oftmals länger. Und wo der Verkehr beispielsweise morgens aus der Stadt hinausfließt, herrschen regelrechte grüne Wellen für Autofahrer.
In Düsseldorf gibt es eine gelbe Zwischenphase
Eine Zwischenphase mit einem gelben Balken soll den Düsseldorfer Fußgängern mehr Sicherheit verleihen. Normalerweise besagt die Straßenverkehrsordnung, dass bei der Fußgängerampel nur ein Wechsel zwischen Rot und Grün erlaubt ist. Seit 1953 hat die Stadt als einzige Kommune in Deutschland eine Sondergenehmigung für die gelbe Übergangsphase. "Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass diese Zwischenphase die Verkehrssicherheit in Düsseldorf nicht erhöht hat", sagt Book. Die Passanten seien genauso verunsichert wie vorher – oder laufen los, obwohl die Zeit nicht mehr ausreicht.
Countdown-Ampeln, die den Fußgängern zeigen, wie viel Zeit ihnen noch zum Überqueren bleibt, erhöhen die Sicherheit auch nicht unbedingt. Die Leute würden blind loslaufen – ohne nach rechts und links zu schauen, und könnten dabei leicht von einem anderen Verkehrsteilnehmer, der noch Grün hat, übersehen werden. "Das Herunterzählen macht nur dort Sinn, wo viele Menschen auf einmal über die Straße laufen", sagt Book. Beispielsweise hinter einem Bahnhof.
Besser geeignet seien in diesen Fällen in die Lichtanlagen integrierte Erfassungssysteme – sie erkennen den Fußgänger und dessen Geschwindigkeit und stimmen darauf die Länge der Grünphase ab. Für einzelne Gruppen gibt es auch Transponder: Erzieherinnen können damit zum Beispiel bei der Lichtanlage eine längere Grünphase beantragen, wenn sie mit einer Gruppe Kindern die Straße überqueren.