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„Gaming Disorder“ WHO erklärt Video- und Online-Spielsucht zur Krankheit

Video- & Online-Spielsucht von WHO zur Krankheit erklärt Quelle: dapd

Im neuen WHO-Katalog der Krankheiten taucht jetzt exzessives Daddeln auf. Damit sollen die Länder besser gerüstet sein, mit exzessivem Video- und Internet-Spielen umzugehen. Experten warnen vor Panik.

Stundenlanges Daddeln am Computer oder Handy: Grund zur Sorge? Oder gar krankhaft? Nur bei einem geringen Teil der Fälle ist das so, meinen Experten. Doch das Problem ist so ernst zu nehmen, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die Online- und Video-Spielsucht offiziell in ihren Katalog der Krankheiten aufgenommen hat.

Damit sollen die Länder quer über den Erdball besser gerüstet sein, mit exzessivem Video- und Internet-Spielen umzugehen, erklärt die WHO. Dass „Gaming Disorder“ künftig als eigene Krankheit gelistet werde, gehe auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurück, aber auch auf „den Bedarf an und die Nachfrage nach Behandlung in vielen Teilen der Welt“, sagt Shekhar Saxena, Direktor der Abteilung für psychische Gesundheit.

Bei Ärzten und Forschern stößt der Schritt der WHO auf Zuspruch und Kritik gleichermaßen. Manche warnen davor, dass die Klassifizierung unnötig beunruhigen und zu blindem Aktivismus führen könne. Andere loben, dass damit Diagnose und Forschung Rückenwind erhalten. Die Einstufung als Krankheit helfe, dass das Problem gesehen und anerkannt werde, sagt etwa Mark Griffiths von der Trent University in Nottingham in Großbritannien, der sich seit rund 30 Jahren mit ungesundem Videospiel-Verhalten beschäftigt. Das stärke auch die Ärzte und die Strategien zur Behandlung.

„Videospielen ist vom psychologischen Standpunkt eine Art Glücksspiel ohne Geld“, erklärt der Experte. Beim Glücksspiel zähle das Geld, bei Video- oder Online-Spielen zählten die Punkte. Wirklich spielsüchtig sind von den Video- und Online-Spielern seiner Schätzung nach nur die wenigsten. Ihr Anteil liege vermutlich deutlich unter einem Prozent. Bei vielen Spielern vermutet er allerdings zugrundeliegende andere gesundheitliche Probleme - Depressionen, manisch-depressive Erkrankungen oder autistische Störungen. Bei WHO-Fachmann Saxena liegt der geschätzte Anteil der krankhaften Spielsucht schon etwas höher: Er geht von zwei bis drei Prozent der Spieler aus. Eltern und Freunde von Dauer-Daddlern sollten immer aufmerksam bleiben. „Halten Sie die Augen offen“, rät er. Wenn das Spielen das Leben beeinträchtige, Lernen, Arbeit, Sozialkontakte litten, „dann müssen Sie auf der Hut sein und vielleicht Hilfe suchen.“

Die neue Einstufung der WHO könne dabei helfen, dass ein Abhängigkeitsproblem eher erkannt werde, meinen Experten. Denn meist handele es sich bei Betroffenen um Teenager oder junge Erwachsene, die nicht von sich aus Hilfe suchten. „Zu uns kommen verzweifelte Eltern, nicht nur, weil ihre Kinder die Schule nicht mehr schaffen, sondern auch, weil sie zusehen müssen, wie die ganze Familienstruktur zerbricht“, berichtet Henrietta Bowden-Jones vom britischen Royal College of Psychiatrists. Therapiert werden könne Spielsucht meist am besten psychotherapeutisch, manchmal auch mit Medikamenten.

Nach Erklärung des Amerikanischen Psychiatrie-Verbands zeigen Studien - vor allem aus Asien -, dass bei Menschen mit Spielzwang das Gehirn beim Online-Spiel so angestoßen werde wie bei Drogensüchtigen, wenn diese die Substanz konsumieren, von der sie abhängig sind. Das Spielen rufe eine neurologische Reaktion hervor, die Gefühle von Vergnügen und Belohnung beeinflusse.

Für die meisten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die gerne und ausdauernd spielen, ist die Aufnahme der „Gaming Disorder“ in den Krankheitenkatalog aber ohne Bedeutung. Beim überwiegenden Teil der Spieler gehe es um Unterhaltung und den Reiz des Neuen, betont Professor Griffiths aus Nottingham. Mit Blick auf Spiel-Wellen wie bei „Pokemon Go“ sagt er: „Es gibt diese kurzen, zwanghaften Ausbrüche, und ja, die Leute spielen viel, aber das ist noch keine Abhängigkeit.“

Eltern sollten sich von der neuen Kategorisierung nicht beunruhigen lassen, bekräftigt Joan Harvey, Sprecherin der britischen Psychologischen Gesellschaft. „Es muss klar sein, dass dies nicht bedeutet, dass jedes Kind, das stundenlang in seinem Zimmer daddelt, abhängig ist“, sagt sie. „Sonst können sich unsere Ärzte ja gar nicht mehr vor Hilferufen retten.“

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