Medikamente Warum der Nocebo-Effekt so gefährlich ist

Der Placebo-Effekt hat einen wenig bekannten, bösen Zwilling: das Nocebo-Phänomen. Es kann dafür sorgen, dass Patienten Nebenwirkungen verspüren, die gar nicht da sind.

Diese Mythen ranken sich um unser Hirn
Der Mythos: Süßes hilft gegen Stress Quelle: dpa
Der Mythos: Alkohol tötet Gehirnzellen ab Quelle: dpa
Der Mythos: Wir haben 100 Milliarden Gehirnzellen Quelle: dpa
Der Mythos: Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns Quelle: Fotolia
Der Mythos: Wir haben nur fünf Sinne Quelle: Fotolia
Der Mythos: Mozart-Musik steigert die Intelligenz Quelle: dpa/dpaweb
Der Mythos: Es kommt auf die Größe an Quelle: dpa
Der Mythos: Manche Menschen nutzen überwiegend eine Gehirnseite Quelle: Fotolia
Der Mythos: Wir lernen im Schlaf Quelle: obs
Der Mythos: Drogen verursachen Löcher im Gehirn Quelle: dpa
Der Mythos: Das Gehirn arbeitet wie ein Computer Quelle: AP

Placebos – Medikamente, die gegen Krankheiten helfen, obwohl sie keinen Wirkstoff haben - kennen viele. Das negative Pendant dazu ist hingegen deutlich weniger bekannt: der Nocebo-Effekt.

Bereits in den 1950er Jahren wurden erste Arzneimittelstudien bekannt, bei denen Teilnehmer über Nebenwirkungen klagten, obwohl sie nicht das Medikament sondern das Scheinpräparat bekommen hatten. Für das Phänomen prägte der US-Wissenschaftler Walter Kennedy 1961 den Begriff "Nocebo". Das ist an Placebo, lateinisch für  "ich werde gefallen", angelehnt und heißt: "Ich werde schaden".

So teuer sind manche Medikamente

„Der Nocebo-Effekt wird etwa dadurch ausgelöst, dass Patienten Ängste oder negative Erwartungen an eine Behandlung haben. Sie denken also beispielsweise von vorneherein, das werde ich nicht vertragen“, sagt Prof. Dr. Winfried Häuser vom Zentrum für Schmerzteraphie am Klinikum Saarbrücken. Die Auslöser dafür sind vielfältig. Zum Beispiel können Hinweise auf Nebenwirkungen auf Medikamenten-Beipackzetteln oder die Aufklärungsgespräche von Ärzten Ängste erzeugen, die dann zum Nocebo führen.

Durch Nocebo in Lebensgefahr

Für den Nocebo-Effekt gibt es viele Beispiele. So etwa aus einer Studie der University of Mississippi in Jackson, über die der Psychiater Roy Reeves im US-Psychatrie-Fachmagazin "General Hospital Psychiatry" berichtete. Reeves schildert darin den Fall eines 26-Jährigen, der an einer Antidepressiva-Studie teilnahm und versuchte, sich mit dem Medikament das Leben zu nehmen. Nachdem der Proband eine Überdosis des Studienmedikaments eingenommen hatte, sank sein Blutdruck lebensgefährlich tief, sodass er in der Notaufnahme behandelt werden musste.

Dort stellten die Ärzte dann überrascht fest, dass der Mann zu den Studienteilnehmern mit dem Scheinmedikament gehörte - seine Pillen also überhaupt keinen Wirkstoff enthielten. Als sie dem 26-Jährigen dies mitteilten, ging es ihm schnell wieder besser. Die Phänomene verschwanden und er konnte noch am selben Abend das Krankenhaus wieder verlassen. Der Fall ist ein Extrembeispiel, das eine Gefahrenstufe zeigt, die der Nocebo-Effekt erreichen kann.

Die umsatzstärksten Medikamente der Welt
Platz 10: MabTheraDer Wirkstoff nennt sich Rituximab. Das Medikament wird für die Behandlung von Lymphomen eingesetzt. In der EU vertreibt Roche es unter dem Handelsnamen MabThera, in den USA heißt es Rituxan. 2013 brachte es rund 6,26 Milliarden Dollar ein. Das waren 5,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Bild: Roche Pharma AGDatenquelle: IMS Health Quelle: Presse
Platz 9: CymbaltaDer Wirkstoff dieses Medikaments heißt Duloxetin. Dabei handelt es sich um ein Mittel, das bei Depressionen und Angststörungen eingesetzt wird. Vermarktet wird es von Eli Lilly; der Firma spülte es im Jahr 2013 6,46 Milliarden Dollar in die Kassen - eine Steigerung um 13,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bild: Lilly Deutschland GmbH Quelle: Presse
Platz 8: RemicadeRemicade ist der Handelsname von Infliximab. Dabei handelt es sich um einen Antikörper, der das Immunsystem vielfach beeinflusst. Eingesetzt wird das Medikament vor allem gegen Rheuma-Erkrankungen. In Deutschland wird es von MSD vertrieben. 2013 erzielte es einen Umsatz von rund 7,68 Milliarden Dollar - 7,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Bild: MSD Sharp & Dohme GmbH Quelle: Presse
Platz 7: AbilifyOtsuka Pharmaceuticals vertreibt das Arzneimittel Aripiprazol unter dem Namen Abilify. Es wird zur Behandlung von Schizophrenie eingesetzt. Mit 7,83 Milliarden Dollar in 2013 landet es auf Rang sieben. Das entspricht einem um 14,6 Prozent höherer Umsatz als noch im Vorjahr. Foto: "Abilify bottle" by Eric Gingras, via Wikipedia Quelle: Creative Commons
Platz 6: NexiumDas Magenmittel von AstraZeneca mit dem Wirkstoff Esomeprazol  liegt im Mittelfeld bei den Top-Ten-Präparaten. Der Umsatz 2013 lag bei 7,86 Milliarden Dollar - ein Plus von 7,0 Prozent. Bild: AstraZeneca Quelle: Presse
Platz 5: Lantus Lantus wird von Sanofi-Aventis hergestellt. Es enthält "Insulin glargin" und wird zur Behandlung von Diabetes eingesetzt. Mit einem Zuwachs von 23,3 Prozent legte es die stärkste Steigerung innerhalb der Top Ten hin. Umsatz 2013: 7,94 Milliarden Dollar. Quelle: dpa
Platz 4: Enbrel7,95 Milliarden Dollar Umsatz (plus 8,7 Prozent) machte dieses Medikament von Pfizer. Der Wirkstoff Etanercept wird zur Behandlung von Rheuma und der entzündlichen Hautkrankheit Psoriasis eingesetzt. Quelle: AP
Platz 3: CrestorAls Cholesterinsenker aus der Gruppe der Statine machte AstraZenecas Medikament Crestor im Jahr 2013 einen Umsatz von 8,15 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Plus von 1,5 Prozent. Der Wirkstoff heißt Rosuvastatin. Quelle: Presse
Platz 2: SeretideGlaxoSmithKline machte mit der Arznei Salmeterol unter dem Namen Seretide 2013 9,21 Milliarden Dollar Umsatz - ein Zuwachs von 4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Es erweitert die Bronchien und wird zur Behandlung von Asthma eingesetzt. Quelle: REUTERS
Platz 1: HumiraDer Wirkstoff Adalimumab wird von AbbVie als "Humira" vertrieben. Dabei handelt es sich um einen sogenannten TNF-Blocker, der etwa zur Behandlung von rheumatoider Arthritis oder Morbus Crohn eingesetzt wird. Es gilt als eines der teuersten Medikamente in Deutschland. 2013 brachte es weltweit 9,85 Milliarden Dollar ein. Das entspricht einem Plus von 18,5 Prozent. Quelle: AP


Neben direkten Folgen kann der Nocebo-Effekt auch anderweitig ein Risiko für die Behandlung sein. „Eine Folge kann sein, dass eine sinnvolle medikamentöse Therapie wegen Nebenwirkungen, die nicht durch das Medikament sondern die Ängste des Patienten hervorgerufen werden, abgesetzt wird“, erklärt Häuser.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%