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Pandemieforscher Leendertz „Was Menschenaffen krank macht, ist auch für uns relevant“

 Fabian Leendertz ucht infizierte Tiere an der Elfenbeinküste mit einer Taaschenlampe Quelle: Pete Müller

Der Seuchenforscher Fabian Leendertz hat in Wuhan nach dem Ursprung von Covid-19 gesucht und fahndet im Regenwald nach gefährlichen Tiererregern. Warum die Risiken für neue Epidemien steigen und was der Experte empfiehlt, um sie zu verhindern.

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WirtschaftsWoche: Herr Leendertz, Sie haben im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation in China die Ursprünge von Covid-19 untersucht. Für wie wahrscheinlich halten Sie, dass das Virus aus einem Labor entwichen ist? 
Fabian Leendertz: Wie wir in unserem Bericht schreiben, kann ein Laborunfall nicht komplett ausgeschlossen werden. Es könnten etwa Mitarbeiter sich infizieren, ohne es zu wissen, und so das Virus mit hinaustragen. Aber: Im Vergleich dazu ist die natürliche Exposition von Menschen zum möglichen Reservoir, den Fledermäusen, oder zu Nutztieren oder Wildtieren in Farmen so extrem viel höher und ungeschützter, dass wir einen Laborunfall als extrem unwahrscheinlich einstufen. Wir brauchen einfach mehr Daten und schnell die Phase zwei der Untersuchung.

Wie oft kommt es vor, dass etwa Fledermäuse das Virus auf den Menschen übertragen und so neue Pandemien entstehen?
Fabian Leendertz: Pandemien mit Ursprung aus die Tierreich sind nichts Neues. Selbst die Masern kommen von Tieren, HIV von Schimpansen. Das ist so, seitdem wir uns als Menschen in größeren Gruppen zusammengeschlossen haben und sesshaft wurden – in der sogenannten neolithischen Transition. Und es wäre überraschend, wenn es aufhören würde mit den Pandemien.

Wieso das?
Wir haben bis in letzten Urwaldwinkel eine hohe Vernetzung erreicht, überall hin Straßen und Flugplätze gebaut. Das ist nützlich – aber auch gefährlich. Wir kommen stärker in Kontakt mit sogenannten Reservoir-Spezies, die Viren beherbergen. Mehr Menschen fangen an, andere Tierarten zu essen: Fledertiere, größere Nagetiere. Das erzeugt eine neue Gefahr, die man nicht richtig abschätzen kann. Wir müssen uns fragen: Wie kann man das Risiko reduzieren, dass wir dauernd solche Pandemien haben? 

Wo würden Sie anfangen?
Das Erste ist das Begreifen: Wir können nur vernünftige Gegenmaßnahmen ergreifen, wenn wir das System annähernd verstanden haben. Darum schauen wir uns in unseren Forschungsprojekten Mensch-Tier-Kontakte in Gegenden mit schlechter Gesundheitsinfrastruktur an. Ich habe zwei Feldlabore in der Elfenbeinküste und im Kongo, mitten im Urwald. Wenn dann ein toter Gorilla da liegt, ist das immer spannend für uns. Wir versuchen herauszufinden: Woran ist er denn gestorben?

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    Warum ist das wichtig?
    Menschenaffen sind unsere nächsten Verwandten, was sie krank macht, ist auch für uns relevant. Sie sind für uns Forscher also so etwas wie natürliche Meerschweinchen. Zumal sie in Gebieten mit zahlreichen Mikroben leben – unten denen vielleicht auch das nächste Killervirus steckt. Also sammeln wir Proben von Kot und Urin und untersuchen sie. Und wenn Tiere sterben, führen wir Autopsien durch – natürlich unter höchstmöglichen Sicherheitsmaßnahmen, in Schutzkleidung. 

    Was können Sie aus den Proben ablesen?
    Wir sequenzieren die Gene von allem, was wir von toten Tieren finden. So haben wir etwa einen ganz neuen Typus von Milzbranderreger gefunden – oder Affenpocken, die auch auf den Menschen übertragbar sind. Mit der Technik können wir auch neue Varianten bekannter Erreger diagnostizieren.

    Könnte man also per DNA-Analyse neue Seuchen unter Tieren aufspüren, bevor sie auf Menschen überspringen?
    Daten sind für uns auf alle Fälle extrem bedeutsam: Welches Tier war das? Wo war das? Hatte das Kontakt zu Menschen? All das wollen wir herausfinden. Die Frage ist: Schafft man das flächendeckend? Das ist sehr schwierig. Nicht in jedem Urwald-Krankenhaus steht ein Sequenziergerät. Wäre SARS-CoV-2 in Afrika auf Menschen übergesprungen, hätten wir das Virus wahrscheinlich das erste Mal diagnostiziert, wenn es in Deutschland angekommen wäre.



    Covid-19 war ein Weckruf an die Weltgemeinschaft, die Strukturen zu verbessern. Wie viel ist seitdem passiert?
    Wir sind besser gerüstet als noch vor zwei Jahren. Aber wir müssen die Medizin-Infrastruktur bis in die Peripherie der tropischen Länder ausbauen. Wir müssen sie technisch ausrüsten und die Mitarbeiter vor Ort ausbilden, damit sie Symptome, die sie noch nie gesehen habe, an die Behörden melden. Wenn wir es nicht schaffen, die Struktur in wirtschaftliche schwachen Regionen zu stärken, werden wir es nie schaffen, eine kleine Epidemie einzudämmen, bevor sie zur Pandemie wird. 

    Wie wahrscheinlich ist es, dass sich so etwas wie die Coronapandemie bald wiederholt?
    Wir sollten nicht denken, dass sich die nächste Seuche genauso manifestiert wie Covid-19. Denken Sie an HIV: Das Virus verbreitet sich unbemerkt – und zieht einen gewaltigen gesellschaftlichen Schaden mit sich. Das ist für mich immer noch eine ganz schlimme Pandemie, die in der öffentlichen Wahrnehmung ins Hintertreffen geraten ist. Dass eine neue Pandemie kommen wird – davon können wir ausgehen.

    Mehr zum Thema: Corona hat massive Schäden verursacht. Und es wird nicht die letzte Pandemie sein. Deshalb entwickeln Forscher nun Instrumente für ein weltweites Frühwarnsystem – um das nächste Killervirus rechtzeitig zu finden.

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