Pöbeleien im Flugzeug Klassenkampf über den Wolken

Das Vorhandensein einer ersten Klasse verdreht Fluggästen den Kopf. Es kommt häufiger zu Trunkenheit und Pöbeleien. Forscher vermuten, dass das Hervortreten von sozialer Ungleichheit die Ursache dafür ist.

Die Business Class im Airbus A350-900: Laut US-Forschern ist das Vorhandensein einer ersten Klasse der Hauptgrund für Pöbeleien über den Wolken. Quelle: REUTERS

Über den Wolken muss die Freiheit grenzenlos sein, sang Liedermacher Reinhard Mey einst. Das dachten sich Anfang dieses Jahres auch zwölf Briten, die von London nach Bratislava flogen, um einen Junggesellenabschied dort zu feiern.

Die Hälfte von ihnen – darunter der designierte Ehegatte – war dabei so trunken, dass sie ihre Manieren vergaßen. Sie beschimpften und bedrohten Fluggäste, ignorierten Weisungen des Flugpersonals und tobten im Flieger herum.

Die Folge für die Herren zwischen 25 und 28 Jahren: Ein ungeplanter Zwischenstopp in Berlin-Schönefeld, Ausstieg, Empfang durch die Bundespolizei und – wegen Verstoßes gegen das Luftsicherheitsgesetz – Geldstrafen von bis zu 25.000 Euro. Ein teures Vergnügen.

Passagiere provozieren Zwischenlandung
Schon zum dritten Mal binnen kurzer Zeit zwangen streitende Passagiere eine Maschine zur Zwischenlandung: Weil ein Passagier seinen Sitz zurück klappte, rastete eine dahinter sitzende 32-Jährige aus, schrie und fluchte und ließ sich nicht mehr beruhigen. Sie verlangte von der Crew, dass der Delta-Flug 2370 von New York nach Palm Beach in Florida landen solle. Eine ganz ähnliche Situation mussten die Flugbegleiter von United Airlines letzte Woche ertragen... Quelle: AP
Zwei streitende Passagiere haben auf einem United Airlines-Flug von Newark nach Denver für einen unfreiwilligen Zwischenstopp gesorgt. Die Maschine musste ihren Flug in Chicago unterbrechen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AP sorgte ein kleines technisches Gerät für den Streit. Ist das am Sitz befestigt, kann die Lehne nicht heruntergefahren werden. Ein Fluggast hatte ein solches Gerät offenbar an seinem Vordersitz befestigt, die Dame auf dem Platz musste aufrecht sitzen bleiben und beschwerte sich. Da der Fluggast auf seinem Laptop arbeiten wollte, weigerte er sich, das Gerät zu entfernen. Nachdem die Dame daraufhin ein Glas Wasser über ihren Hintermann kippte, sah sich die Crew des Fluges zur Zwischenlandung gezwungen. Welche weiteren Fragen Flugbegleiter schnell auf die Palme bringen. Quelle: AP
Gerade Menschen mit Flugangst machen sich oft viele Gedanken: Warum macht das Flugzeug jetzt dieses Geräusch? Was passiert bei einem Gewitter, warum fliegt der Pilot Schlangenlinien? Bei der Frage: "Wo befindet sich denn der Fallschirm?" nach den Sicherheitseinweisungen mussten sich die Flugbegleiter jedoch das Lachen verkneifen. Quelle: AP
Bei den Billig-Airlines mit all ihren Sonderzuschlägen kann man ja nie wissen. Die Frage "Ist der Flugpreis eigentlich nach Gewicht gestaffelt?" ist deshalb gar nicht mal so aus der Luft gegriffen. Der Reiseführer Marco Polo hat diese und weitere kuriose Fragen, die sich Flugbegleiter während ihrer Arbeit anhören müssen, gesammelt. Quelle: dpa
Na klar, viele Menschen sind nervös oder aufgeregt, wenn sie - vielleicht auch zum ersten Mal - mit einem Flugzeug reisen. Die Frage: "Haben Sie auch kalorienreduziertes Wasser?", lässt sich aber nicht nur mit Flugangst oder Reisefieber entschuldigen. Quelle: dpa
Nicht schlecht gestaunt haben dürften Stewards und Stewardessen über die Frage: "Gibt’s den Kaffee auch in Kännchen?" Dabei weiß doch jeder, dass es Kännchen nur draußen gibt. Quelle: dpa
Klar kommt auch die kulinarische Versorgung der Passagiere über den Wolken nicht zu kurz. Nur dass die obligatorische Frage, ob es nun vegetarisch, Rind oder Hühnchen sein dürfe, mit "Gibt es auch McDonalds-Produkte?" beantwortet wurde, das war neu. Quelle: REUTERS
Nach dem Essen genehmigt sich der ein oder andere gerne ein Zigarettchen. Klar, dass da die Frage kommt: "Wo ist das Raucherzimmer?" Quelle: dpa
Und wer beim Essen oder aus dem Fenster schauen ungestört sein möchte, gibt die lieben Kleinen einfach im Bordkindergarten ab. Oder fragt die Stewardess: "Können Sie mit meinem Kind ein bisschen spielen?" Quelle: dpa
Apropos aus dem Fenster schauen: Der eine oder andere Fluggast hat die Flugbegleiter auch schon gefragt: "Könnten Sie mal kurz das Fenster öffnen?" Quelle: dpa
Einigen ist nicht nur die Luft, sondern auch die Akustik im Flieger zu unangenehm. Wie sonst kommt es zu der Frage: "Würden Sie den Pilot bitten, die Motoren etwas runterzudrehen? Es ist so laut hier." Quelle: dpa
Und manchen Passagieren sind die Saunatücher, die bei Langstreckenflügen zur Erfrischung gereicht werden, einfach nicht genug. So fragte ein Fluggast die verdutzte Stewardess: "Wie komme ich zu den Duschen?” Quelle: Fotolia

In Boulevardblättchen liest man immer wieder von solchen Fällen: Fluggäste, die die Tür aufreißen wollen, rauchen, die Mitglieder der Crew angreifen, volltrunken sind. US-amerikanische Forscher haben sich das Phänomen der pöbelnden Fluggäste auf Basis von mehr als einer Million Flüge einer nicht genannten Airline genauer angeschaut und ihre Analyse in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) veröffentlicht.

Katherine DeCelles von der University of Toronto und Michael Norton von der Harvard Business School haben anhand der Daten herausgearbeitet, welche Faktoren renitentes Verhalten in der Luft befördern. Ihr Ergebnis: Vor allem soziale Ungleichheit.

Die häufigsten Zwischenfälle im Flugzeug

In Flugzeugen, in denen es eine erste Klasse gibt, kommt es bei 1,58 von 1000 Flügen zu Zwischenfällen – in Fliegern ohne erste Klasse liegt die Quote lediglich bei 0,14 pro 1000. Der Effekt der Klassentrennung legt die Nerven der Fluggäste demnach genauso blank wie eine neunstündige Verspätung des Flugs.

Ebenfalls interessant: Je deutlicher die soziale Ungleichheit vorgeführt wird, desto intensiver tritt der Effekt zutage. So benehmen sich Passagiere doppelt so oft daneben, wenn sie auf den Weg zu ihren günstigen Economy-Plätzen an den privilegierten Fluggästen vorbei müssen.

Was Flugreisende am meisten nervt
VerspätungenDie Reise-Webseite Trip-Advisor hat mehr als 1200 Reisende gefragt, was sie auf dem Flug in den Urlaub gar nicht mögen. Überraschend: Anders als bei der Bahn scheinen verspätete Flüge für gar nicht so viel Frust zu sorgen. Sie finden sich eher unten in der Liste der Nervtöter. Rund ein Drittel der Gäste (30 Prozent) ärgert sich, wenn die Maschine unpünktlich losfliegt oder landet. Quelle: dpa
Der Kampf um die ArmlehneFür mehr Unmut sorgen da die lieben Nachbarn. 32 Prozent der Befragten fühlen sich gestört, sobald ein Mitreisender versucht, die Armlehne in Beschlag zu nehmen. Quelle: dpa
Nervige SteuernAirline-Steuern und zu teure Tickets finden 33 Prozent der Reisenden gar nicht gut. Schließlich macht die Flugverkehrssteuer, die auf Mittelstreckenflügen 25 Euro beträgt, auch die Flüge von günstigen Airlines teurer. Quelle: dpa
Lange WarteschlangenGeduld mag zwar im Arbeitsalltag eine Tugend sein. Wenn es jedoch in den Urlaub geht, können viele Fluggäste den Trip ans Meer kaum abwarten. Deshalb finden wohl 49 Prozent von ihnen lange Warteschlangen an den Sicherheitsschleusen am Flughafen besonders frustrierend. Quelle: dpa
Zu wenig Platz für die HandtascheEs kann schon Mal verlockend sein, das Handgepäck-Limit der Airline so richtig auszuschöpfen – der Urlaub dauert ja seine Zeit. Blöd nur für die anderen Fluggäste, die ihr Gepäck neben den prall gefüllten Handtaschen und Rucksäcken ihrer Mitreisenden in den Ablagefächern über den Sitzen verstauen müssen. 51 Prozent finden das unmöglich. Quelle: dpa
Die rückende RückenlehneEbenso viele Befragte bringt es auf die Palme, wenn der Nachbar die Rückenlehne seines Flugsitzes mehrmals verstellt. Die eigene Bequemlichkeit geht eben vor. Quelle: DAPD
Die lieben KleinenEine Mehrheit der Fluggäste empfindet Kinder von Mitreisenden als Störenfriede. 52 Prozent fühlen sich von den Kleinen belästigt und können es gar nicht verstehen, wenn die Eltern den Nachwuchs nicht unter Kontrolle haben. Besonders ätzend finden sie, wenn Kinder aus Langeweile gegen den Sitz treten. Dabei sind die Kinder nur Teil des Problems. Ginge es nach den Zahlen der Umfrage, so würden die meisten Fluggäste am liebsten ein Privatflugzeug chartern – 69 Prozent von ihnen fühlen sich in irgendeiner Weise von den Nachbarn gestört. Quelle: REUTERS
Kein Raum für FüßeDas Top-Ärgernis der Flugreisenden ist aber, dass sie ihre Füße nicht ausstrecken können. Denn Sitze, bei denen man die Beine so wie auf dem Bild strecken kann, gehören auch beim Flugzeugbauer Airbus bislang nur zum Zukunftskonzept. 61 Prozent der Fliegenden empfinden es als nervig, wenn zwischen ihnen und dem Nachbarn vor ihnen nicht genug Platz ist. Bei 40 Prozent von ihnen entscheidet die Beinfreiheit sogar über die Wahl der Airline. Quelle: Airbus S.A.S Quelle: dpa
Draufzahlen nicht erwünschtKinder sind zwar nicht unbedingt willkommen, aber zumindest geduldet. Rund 70 Prozent der Reisenden würden nicht für einen kinderfreien Flug einen höheren Preis bezahlen. Quelle: dpa
Der Preis entscheidetUnd: Obwohl es viele Dinge gibt, die Reisende auf einem Flug stören – das Allerschlimmste für die meisten Gäste ist ein leeres Portemonnaie. Bei der Wahl der Airline gaben 57 Prozent der Befragten den Ticketpreis als den entscheidenden Faktor an. Und dafür nehmen sie sogar eine als weniger sicher geltende Airline in Kauf. Für 49 Prozent ist Sicherheit das wichtigste Kriterium. Quelle: dpa

Bei Berührung mit den Fluggästen zweiter Klasse steigt übrigens auch die Pöbel-Quote der Business-Class-Passagiere merklich an, so die Forscher: Sie werden dann zwölf Mal häufiger ausfällig.

Die Forscher haben mehrere Einflussfaktoren untersucht, darunter die Größe der Sitze, die Dauer des Flugs, Verspätungen, den Flugzeugtyp – den deutlichsten Anstieg an renitentem Verhalten schreiben sie aber dem Vorhandensein einer ersten Klasse zu.

„Eine räumliche Gestaltung, die Ungleichheit hervorhebt, löst antisoziales Verhalten in Flugzeugen aus“, heißt es in der Studie. Von einer Ursache-Wirkung-Beziehung wollen die Forscher allerdings nicht sprechen, sie betonen, dass ihr Ergebnis lediglich eine Korrelation aufzeigt. „Wir können andere Einflussfaktoren nicht mit Sicherheit ausschließen“, räumen die Autoren ein.

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