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Unerfüllter Kinderwunsch Neue Methoden helfen bei der Familienplanung

Jedes sechste Paar ist ungewollt kinderlos. Neue Angebote und Therapien ebnen den Weg zur selbstbestimmten Familienplanung. Der Markt ist milliardenschwer und wächst.

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Wie mit Hilfe der Medizin der Kinderwunsch Realität wird. Quelle: Getty Images

Seit ein paar Wochen arbeitet Malin Stenberg wieder. Die Schwedin ist Managerin einer privaten Luftfahrtfirma in Göteborg und seit 18 Monaten Mutter von Vincent. Drei Tage die Woche spielt der Junge mittlerweile in einer Kita. Der erste Anflug von Normalität in einer Familienwerdung, die lange wenig Normales hatte.

Denn Stenberg, 37, fehlte die Gebärmutter, ohne die der Embryo nicht überleben kann. Daher hätte ihr noch vor Kurzem kein Arzt der Welt Hoffnung gemacht, dass sie jemals schwanger, geschweige denn glücklich Mutter würde. Bis Forscher der Universität Göteborg eine Transplantation wagten. Stenberg hat von einer 61-jährigen Freundin das Organ erhalten. Im September 2014 gebar sie Vincent, weltweit das erste Mal, dass eine Frau auf diese Weise Nachwuchs bekommen hat. Bei vier weiteren Frauen hat der Eingriff seitdem ebenfalls funktioniert.

Damit es mehr werden – geschätzt fehlen 1,5 Millionen Frauen weltweit die Gebärmutter –, wollen die schwedischen Forscher jetzt Kollegen aus aller Welt schulen. Dazu geht dieser Tage eine Plattform online. In Deutschland wollen Ärzte noch 2016 entsprechende klinische Studien beantragen.

Der Kinderwunsch der Deutschen

So wie Familie Stenberg geht es vielen Paaren: Sie träumen sehnlichst von Nachwuchs, doch der bleibt auf natürlichem Wege aus. Etwa jedes sechste Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Was die Beziehung schwer belasten kann. Viele Partner nehmen daher einiges in Kauf, um sich den Wunsch nach einem Sohn, einer Tochter doch noch zu erfüllen. Und sie geben viel Geld dafür aus. Schon jetzt ist der Markt für Fruchtbarkeitsmedizin weltweit 40 Milliarden Dollar pro Jahr groß und soll weiter wachsen.

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    Fruchtbarkeitskiller Nummer eins ist das Alter der Frau. Mit jedem Jahr Lebensalter sinkt die Zahl der Eizellen im Körper. Je weniger von ihnen da sind, desto seltener klappt es mit der Befruchtung. Doch es besteht Grund zur Hoffnung, auch in früher aussichtslosen Fällen. Denn den Medizinern gelingt es immer besser, den Kinderwunsch der Paare zu erfüllen: angefangen mit simplen Apps, die den optimalen Zeitpunkt für die Empfängnis errechnen, über Hormonbehandlung und künstliche Befruchtung bis hin zu aufwendigen Methoden wie der Transplantation der Gebärmutter. Und auch die strengen deutschen Ethikstandards rund um die künstliche Befruchtung beginnen sich zu lockern.

    Manchmal reicht schon eine Gratis-APP

    Damit es zu einer Schwangerschaft kommt, ist nicht immer Hightechmedizin gefordert. Manchmal genügt es schon, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen: Maximal sechs Tage sind Frauen im Monat fruchtbar. Wann es so weit ist, verrät heute ein Blick aufs Handy. Das 2013 gegründete Berliner Start-up Clue hat eine App entwickelt, in der Frauen Daten wie Zeitpunkt der Regelblutung, Schmerzen, Stimmungsschwankungen und sexuelle Aktivität eintragen. So sehen sie, wann es mit der Empfängnis klappen könnte. Das Angebot hat Investoren überzeugt. Zehn Millionen Dollar haben sie bereitgestellt, rund 2,5 Millionen Frauen nutzen die kostenlose App regelmäßig.

    Die fruchtbaren Tage kündigen sich mit einer Erhöhung der Körpertemperatur an. Die kann Frau sehr präzise mit einem Ovularing messen, den das 2011 gegründete Start-up VivoSensMedical aus Leipzig entwickelt hat. Den Kunststoffring führt die Frau in die Vagina ein. Ein Sensor protokolliert alle fünf Minuten die Temperatur. Zum Auswerten entfernt die Nutzerin den Ring und schließt ihn an ein Lesegerät an. Eine webbasierte Software analysiert die Daten – um den kompletten Zyklus präzise abzubilden.

    Erster Schritt ist eine Hormonbehandlung

    Führen diese Do-it-yourself-Anwendungen nicht zum Erfolg, helfen die Experten der 131 Kinderwunschzentren in Deutschland. Rein statistisch liegen die Gründe für die Unfruchtbarkeit zu jeweils 30 Prozent entweder bei der Frau, beim Mann oder bei beiden zusammen. In jedem zehnten Fall tappen die Mediziner allerdings im Dunkeln.

    Um den Paaren zu helfen, verordnen sie häufig im ersten Schritt der Frau eine Hormonbehandlung, um die Reifung von Eizellen anzuregen. Sind die Spermien des Mannes nicht beweglich genug, kann der Arzt diese durch einen Katheter in die Gebärmutter einführen. Meist übernehmen die Krankenkassen die Hälfte der Kosten von maximal drei Versuchen.

    Teurer Kinderwunsch
    Was Therapien gegen Fruchtbarkeitsprobleme kosten
    BehandlungGeschätzte KostenKostenübernahme?
    FertilitätsmonitoreApps teilweise kostenlos, sensorgestützt ab 100 Euro oder monatlich ab 40 EuroNein
    Künstliche Befruchtung2000 bis 4000 Euro je Zyklus und  VarianteJa, anteilig durch Kassen, Länder und Bund
    Künstliche Befruchtung nach Eizellspendeab 4500 EuroNein, in Deutschland nicht  erlaubt
    Transplantation von  Eierstockgewebe1000 Euro (Entnahme, Einfrieren) plus 300 Euro (Lagerung pro Jahr)Nein 
    Gebärmuttertransplantationca. 100.000 Euro (inklusive künstliche Befruchtung)Nein, in Deutschland noch nicht erprobt
    Quelle: eigene Recherchen

    Bleiben diese Maßnahmen erfolglos, ist die künstliche Befruchtung eine Möglichkeit, doch den Kinderwunsch zu erfüllen. Aber eine, die belastet und deren Erfolgsaussichten gering sind. 2014 gab es in Deutschland laut Deutschem In-Vitro-Fertilisations-Register rund 87.900 dokumentierte Behandlungen, knapp 11.800 Babys sind anschließend auf die Welt gekommen.

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      Um die Chance zu erhöhen, haben die Ärzte neue Ansätze entwickelt, die vielversprechendsten befruchteten Eizellen auszuwählen. Allerdings setzen ihnen die strengen deutschen Gesetze enge Grenzen, weil sie verbieten, dass im großen Stil überzählige befruchtete Eizellen produziert werden, die irgendwann vernichtet werden müssen.

      Die Entwicklung der Gentherapie

      Auf der Suche nach Zellen mit Potenzial

      Reproduktionsmediziner wie Jan-Steffen Krüssel vom Universitätsklinikum Düsseldorf bewegen sich daher auf einem schmalen Grat, wenn sie dennoch bis zu sechs Eizellen im Labor befruchten. Denn es ist keineswegs sicher, dass sich alle optimal entwickeln. Maximal drei der am besten entwickelten Embryonen setzen sie in die Gebärmutter der Frau ein. Der Rest wird eingefroren, für spätere Behandlungen. Oder das Paar spendet sie, eine Alternative, für dessen klare Regelung sich der Deutsche Ethikrat gerade ausgesprochen hat, was der Gesetzgeber aber noch umsetzen muss.

      Um Zellen mit hohem Potenzial zu finden, rüsten die Labore auf: In Hightechbrutschränken werden die Embryonen gepäppelt, Roboter fotografieren sie alle 20 Minuten. Die Ärzte erkennen so Fehler bei der Zellteilung, die ihnen sonst entgangen wären. „Früher mussten wir die Embryonen aus den Brutschränken holen und konnten sie uns nur kurz unter dem Mikroskop anschauen“, erklärt Krüssel.

      Künstliche Befruchtung nach einer Krebstherapie war lange ein Tabu

      Auf der Suche nach den fittesten Embryonen können die Mediziner die Zellen auch genetisch analysieren. Eines der wenigen hierzulande erlaubten Verfahren ist die Analyse der Polkörper, eines Nebenprodukts bei der Entstehung einer Eizelle. Dabei lässt sich feststellen, ob Fehler im Erbgut zu Behinderungen des Kindes führen können – doch gilt dies nur für Erbanlagen, die von der Frau stammten. Eine genetische Untersuchung des gesamten Embryos, die Präimplantationsdiagnostik (PID), ist nur in Ausnahmefällen erlaubt, wenn das Risiko einer „schwerwiegenden Erbkrankheit“ besteht. So will der Gesetzgeber einschränken, dass Embryonen anhand bestimmter erwünschter Eigenschaften wie Geschlecht oder Haarfarbe ausgewählt werden.

      Eine künstliche Befruchtung ist allerdings nur eine Option, solange die Frau gesund ist. Leidet sie etwa an einer Krebserkrankung, galt lange als ausgeschlossen, dass sie nach einer Chemotherapie noch Kinder bekommen kann, weil dabei häufig die noch unreifen Eizellen in den Eierstöcken geschädigt werden. Heute können sich Betroffene vor einer Krebsbehandlung Eierstockgewebe entnehmen lassen. Der Eingriff dauert zehn Minuten. Im Anschluss wird das Gewebe eingefroren und nach überstandener Erkrankung transplantiert.

      Erstmals konnten Spermien aus Stammzellen gezüchtet werden

      Die Methode ähnelt dem von Facebook, Apple und Co. geförderten Social Freezing: Einzelne Eizellen werden hier bei minus 196 Grad über Jahre gelagert. Frauen können so erst Karriere machen, bewahren sich zugleich die Chance, auch im höheren Alter noch schwanger zu werden.

      Allerdings unterscheiden sich die zwei Methoden in einem entscheidenden Punkt: Bei der Transplantation des Eierstockgewebes entwickeln sich die Zellen auf natürliche Weise, eine künstliche Befruchtung mit aufwendiger Hormonbehandlung wie beim Social Freezing entfällt. Bislang wird das Verfahren nur eingesetzt, um kranken Frauen mit Kinderwunsch zu helfen. Rund 70 Geburten wurden bereits weltweit dokumentiert, neun davon am Uniklinikum Erlangen.

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        In Zukunft könnten auch Männer bei der Kinderplanung völlig unabhängig von Krankheit oder Alter werden. Chinesischen Forschern ist es vor Kurzem zum ersten Mal gelungen, Spermien aus embryonalen Stammzellen im Labor zu züchten – allerdings nur bei Mäusen. Bis das beim Menschen klappt, wird es wohl noch einige Jahre dauern. Schwere Formen männlicher Unfruchtbarkeit könnten dann direkt im Labor geheilt werden. Parallele Versuche gibt es, um Eizellen aus Stammzellen zu züchten.

        So steigen die Chancen für Kinderlose, doch noch Eltern zu werden. Selbst in lange aussichtslosen Fällen wie der Schwedin Stenberg, die ohne Gebärmutter geboren wurde.

        Transplantationen geben neue Hoffnung

        Ob die Ethikkommissionen in Deutschland allerdings der Transplantation des Organs zustimmen, ist ungewiss. Denn der Eingriff wirft Fragen auf: Etwa ob Frauen sich dieser risikoreichen Prozedur unterziehen sollten, obwohl kein Leben gerettet wird, anders als etwa bei einer Herztransplantation. Vor allem für die Empfängerin ist das Verfahren belastend. Sie muss täglich viele Medikamente schlucken, damit der Körper das fremde Organ nicht abstößt.

        Auch für Stenberg war die Zeit nach der OP schwierig. „Der Stress hat mich körperlich und seelisch stark getroffen“, erzählt sie. Seit der Geburt ihres Sohnes gehe es aber steil bergauf. Die Gebärmutter wurde ihr wenig später wieder entnommen. Stenberg: „Mit unserer Geschichte wollen wir Paaren mit Kinderwunsch Hoffnung machen.“

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