Yoshinori Ohsumi Mit Rotwein zum Medizin-Nobelpreis

Der japanische Wissenschaftler Yoshinori Ohsumi erhält in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin. Ein Forschungskollege erklärt, warum er die richtige Wahl ist und was seine Forschung ausmacht.

Yoshinori Ohsumi, Professor am Tokyo Institute of Technology wird in diesem Jahr mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Quelle: REUTERS

Der Japaner Yoshinori Ohsumi wird für in diesem Jahr für die Entdeckung des sogenannten Autophagie-Mechanismus mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet, der unter anderem bei der Zersetzung von Zellbestandteilen eine Rolle spielt. Ohsumi wurde für seine „brillanten Experimente“ zur sogenannten Autophagie gewürdigt. Einem Prozess, bei dem Zellen ihre Inhalte zerteilen und sozusagen recyceln.

Volker Haucke vom Berliner Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie forscht am selben Themengebiet wie der Medizin-Nobelpreis-Gewinner: der Autophagie. Er gibt einen Eindruck von dem Forschungsgebiet und warum Yoshinori Ohsumi ein ehrwürdiger Preisträger ist.

WirtschaftsWoche: Haben die Nobelpreis-Juroren den richtigen Forscher gekürt?

Volker Haucke: Ja. Diesen Preis hat Yoshinori Ohsumi absolut gerechtfertigt verdient, denn er hat seit den 80er-Jahren am Thema des lebenswichtigen Prozesses der Autophagie geforscht. Damals interessierte sich noch kein Mensch dafür.

Die Medizin-Nobelpreisträger der vergangenen zehn Jahre

Wozu ist dieser Prozess gut?

Autophagie sorgt dafür, dass die Zellen in einem von ihnen gesteuerten Prozess Teile von sich selbst verdauen können. Damit werden zum Beispiel störende Eiweiß-Komplexe entsorgt und deren Grundstoffe für die Zelle gleichzeitig wieder verwertbar gemacht.

Eine Art Recycling also?

Genau. Doch im Alter lässt diese Aktivität nach. Den Prozess mit pharmakologisch aktiven Substanzen wieder anzukurbeln könnte also eine Möglichkeit sein, viele der neurodegenerativen Erkrankungen einzudämmen wie etwa Parkinson, Chorea Huntington oder auch Alzheimer. Denn gerade da spielen störende Eiweißablagerungen eine große Rolle.

Wie lange könnte es dauern, bis solche Therapien erprobt werden?

Gar nicht so lange, denn es sind Naturstoffe wie das Resveratol im Rotwein oder Polyamine, die im Körper selbst oder zum Beispiel in Maggi reichlich vorhanden sind, die zumindest im Labor bei viele Zellsystemen auch die Autophagie wieder in Gang bringen.

Rotwein und Maggi gegen Alzheimer? Hat also der Rotwein heute den Medizin-Nobelpreis verliehen bekommen?

Nein, natürlich nicht (lacht). Sondern ein sehr bescheidener Grundlagenforscher, der vor vielen Jahren eine wichtige Frage gestellt hat. Nämlich die, wie Hefezellen es schaffen, in widrigsten Lebensbedingungen nicht zu verhungern. Und dabei entdeckte er die Autophagie - also die Fähigkeit, sich teilweise aus sich selbst heraus zu ernähren. Der Preis zeigt, wie wichtig die Grundlagenforschung ist - mit Fragen, die vordergründig gar nicht so spannend klingen. Denn welcher Politiker würde schon für die Erforschung der Anti-Hunger-Strategie von Hefezellen viel Geld ausgeben. Aber wenn dabei Therapien gegen Alzheimer heraus kommen, klingt das schon ganz anders.

Unerfüllte Nobelpreis-Träume
Nobelpreis-Verleihung Quelle: DPA
Alfred Nobel Quelle: DPA
Dag Hammarskjöld Quelle: DPA
Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna Quelle: Dpa
Nobelpreis-Jury Quelle: DPA
3. Wer zuerst kommt...Wer hat im Rennen um eine bahnbrechende Entdeckung die Nase vorn? Das Veröffentlichungsdatum einer Studie liefert den Juroren zumindest einen Hinweis. „Man muss die wissenschaftliche Literatur gründlich lesen, um zu sehen, wer über eine Entdeckung wann eine Studie veröffentlicht hat“, sagt Nobeljuror Gunnar Ingelman. Quelle: DPA
Nobelpreis-Medaille Quelle: DPA
Die magischen Drei Quelle: Dpa
Cern Quelle: DPA
Peter Higgs und François Englert Quelle: AP
Albert Einstein Quelle: DPA
Albert Einstein Quelle: DPA
7. Die Qual der Wahl„Es gibt viel mehr wissenschaftliche Entdeckungen, die den Preis verdient haben, als ihn bekommen können“, sagt Nobelforscher Källstrand. Geniale und fleißige Forscher auf der ganzen Welt müssen deshalb der Tatsache ins Auge sehen, dass sie die Auszeichnung wohl nie bekommen werden, weil es einfach zu viele bahnbrechende Forschungserfolge gibt. Quelle: Dpa
8. Ein Quäntchen UnsicherheitWenn eine Jury einen Nobelpreis vergibt, will sie sich ganz sicher sein, dass eine Entdeckung so sensationell ist, wie sie im ersten Moment erscheint. Das kann dazu führen, dass sie eine Errungenschaft unterschätzt: „Es gibt Beispiele dafür, dass etwas den Preis nicht bekommen hat, weil das Komitee nicht rechtzeitig begriffen hat, wie bedeutend eine Entdeckung war“, sagt Källstrand. Quelle: DPA
DNA-Modell Quelle: Dpa
9. Zu spät dranIm Februar verkündeten US-Forscher einen Durchbruch in der Physik: den weltweit ersten Nachweis von Gravitationswellen. Ein klarer Nobelpreis-Kandidat! Für dieses Jahr waren sie damit aber wohl zu spät dran. Denn wer die begehrte Auszeichnung bekommen will, muss seine Erkenntnisse bis Ende Januar des jeweiligen Jahres veröffentlicht haben. Quelle: DPA
Gravitationswellen-Modell Quelle: DPA
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