Vom Versager zum Vorbild? Wie Kapstadt seine Wasserkrise bekämpft

Ben Peters, ein Wasserbauingenieur der Stadt, beaufsichtigt den Aufbau einer Meerwasser-Entsalzungsanlage in Strandfontein, einem Vorort von Kapstadt. Quelle: dpa

Der Touristenmetropole Kapstadt ging aufgrund einer Dürre fast das Wasser aus. Jetzt überholt die Stadt ihr Wassersystem. Und hofft, dass sich andere Orte, die auch am Klimawandel leiden, ein Beispiel nehmen.

Im südafrikanischen Kapstadt hätte fast die „Stunde Null“ geschlagen. Dann wäre nach einer dreijährigen Dürre das Wasser abgeschaltet worden. Dazu ist es - zumindest vorerst - nicht gekommen. Die drohende Krise hat die Stadt dazu gebracht, das Warten auf den Regen aufzugeben und die Wasserversorgung langfristig mit anderen Mitteln sicherzustellen. Sie baut derzeit eine komplett neue Wasserversorgung auf. Damit sollen die Wasserhähne in der Touristenmetropole auch in Zeiten des Klimawandels nie mehr trocken laufen.

Als Ende 2017 klar wurde, dass Kapstadt „kurz vor einer Katastrophe“ stehe, arbeiteten Mitarbeiter der städtischen Behörden für Wochen rund um die Uhr, um das Schlimmste zu verhindern, erzählt die Wasserbeauftragte der Stadt, Xanthea Limberg, der Deutschen Presse-Agentur.

Zunächst durften die rund 4,5 Millionen Einwohner täglich nur noch 87 Liter Wasser pro Person verbrauchen, seit Februar sogar nur noch 50 Liter - das muss fürs Trinken, Duschen, Putzen, Kochen und Klospülen reichen. Dazu wurde in vielen Stadtteilen der Wasserdruck gesenkt. Die Behörden investierten in alternative Wasserquellen, wie Grundwasser, Entsalzung und Aufbereitung von Brauchwasser. Gleichzeitig stellten Landwirte der Stadt Millionen Liter Trinkwasser aus privaten Auffangbecken zur Verfügung.

Die Dürre habe Kapstadt eine schwere, aber wichtige Lektion erteilt, so Limberg. Bislang setzten die Behörden darauf, dass ausreichende Regenfälle die Trinkwasserreservoire rund um die Stadt füllen. Doch als der Wasserspiegel in den Auffangbecken auf weniger als 23 Prozent sank, setzte langsam Panik ein - und die Realisierung, dass die bisherige Strategie im Zeitalter des Klimawandels nicht mehr ausreicht.

„Was wir jetzt anders machen, ist die Diversifizierung unseres Wassersystems“, erklärt Ben Peters, ein Wasserbauingenieur der Stadt. Über die nächsten drei bis fünf Jahre will Kapstadt eine komplett neue Wasserversorgung aufbauen, die zu je einem Viertel auf Regenfall, Grundwasserentnahme, Entsalzung und Aufbereitung beruht. Dafür hat die Stadt für die nächsten zwei Jahre ein Budget von 3,3 Milliarden Rand (umgerechnet rund 225 Millionen Euro) bereitgestellt.

Anfang März - am Ende eines heißen und trockenen Sommers im auf der Südhalbkugel gelegenen Kapstadt - kam endlich die Entwarnung. Es gäbe aufgrund des gesenkten Bedarfs und neuen Wasserquellen genug Trinkwasser bis August, erklärte die Stadt. Da der Termin Mitten in der Winterregenzeit liegt, wird die „Stunde Null“ in diesem Jahr nicht mehr erwartet.

„Trotzdem muss allen Bürgern klar sein, dass wir nie wieder so viel Wasser wie vorher verbrauchen können. Wassersparen muss zum neuen Lebensalltag werden“, betont Limberg. Sie hoffe, andere Städte weltweit werden sich Kapstadt zum Beispiel nehmen. Denn Kapstadt ist keinesfalls die erste Großstadt der Welt, in der Wasser aufgrund wandelnder Klimaverhältnisse zum knappen Gut geworden ist.

Brasiliens Metropole Sao Paulo befand sich 2015 in einer ähnlichen Krise. In Indien wird in 22 seiner 32 Großstädte täglich für mehrere Stunden das Wasser abgestellt, wie die Tageszeitung Times of India berichtet. Auch in Indonesien litten Millionen von Menschen im vergangenen Jahr aufgrund einer Dürre an Trinkwassermangel.

Behörden der australischen Stadt Melbourne warnen, dass innerhalb von zehn Jahren der Bedarf den Wasservorrat übersteigen könne. Und im US-Bundesstaat Kalifornien herrschte von 2011 bis Anfang 2017 eine historische Dürre, während der mehr als 100 Millionen Bäume eingingen.

Kapstadt habe es richtig gemacht, drastische Wassersparmaßnahmen für alle Einwohner, Firmen und die Landwirtschaft zu vereinbaren, sagt Kevin Winter, ein Klimaforscher an der Universität Kapstadt. „Die Reduzierung des Bedarfs sollte der erste Schritt eines jeden Orts sein, der mit Wasserknappheit kämpft“, so Winter.

Seit Beginn der Dürre in 2015 hat Kapstadt seinen täglichen Wasserverbrauch nach Angaben der Behörden um fast 60 Prozent reduziert, eine Kürzung, die Experten „bemerkenswert“ nennen. Im Vergleich hätten Kapstädter vor zwei Jahren im Durchschnitt noch täglich 235 Liter Wasser pro Person verbraucht, erklärt Winter. Das sei wesentlich höher als der weltweite Durchschnitt von 160 Litern pro Person pro Tag.

Dabei könnten sich Städte aber nicht auf den guten Willen der Einwohner verlassen, warnt der Forscher. „Es muss an den Geldbeutel gehen. Wasser muss teurer werden, damit die Menschen damit sparsamer umgehen“, sagt Winter. Zusätzlich müsse es Auflagen für die Ausstattung privater sowie öffentlicher Gebäude geben, wie die Installation von Regenwassertanks, Brauchwasserrecycling oder wassersparenden Wasserhähnen. Hier ist Kapstadt Vorreiter, so Winter. Die Stadt führte im Januar Tarife ein, die Wasserverschwender bestrafen. Dazu verschärften sie eine Verordnung zur städtischen Wassernutzung.

Doch die wichtigste Lektion sei vorausschauendes Planen, sagt Winter, denn wenn die „Stunde Null“ droht, sei es im Grunde zu spät. „Wenn andere Orte eins von Kapstadt lernen können, dann das: Klimawandel kann ohne viel Vorwarnung kommen“, sagt Winter. „Wartet nicht auf die Dürre. Fangt jetzt an, zu planen.“

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