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Kernenergie Wie die Atomindustrie Jobs in Deutschland schafft

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Brennelemente-Produktion in Lingen: Weltweite Aufträge für Atomkraftwerke in den Büchern Quelle: Areva

Mit dem Geld wollen die Münchner eine Allianz mit der russischen Atombehörde Rosatom eingehen, um den Verlust des kerntechnischen Know-hows an Areva zu ersetzen. Konzernchef Löscher setzt auf Ministerpräsident Wladimir Putin, der Siemens eine „vollwertige Partnerschaft“ anbot. Rosatom-Chef Sergej Kirijenko hält eine Siemens-Beteiligungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette für möglich – von der Urangewinnung über die Anreicherung bis hin zum Bau von Atomkraftwerken und der Stromerzeugung. Bis April will eine Arbeitsgruppe beider Konzerne die Möglichkeiten einer konkreten Zusammenarbeit ausloten. Siemens könnte zum Beispiel beim Bau russischer Atommeiler verstärkt mitarbeiten, zum Beispiel am geplanten Druckwasserreaktor in Kaliningrad oder am ersten Kernkraftwerk Weißrusslands. Im zweiten Schritt könnte die Kooperation in einem Gemeinschaftsunternehmen ausgebaut werden, das eigene Aufträge an Land zieht. Auch die Beteiligung an einer der mehr als 90 Töchter der Holding Atomenergoprom ist denkbar, etwa an der Exportfirma Atomstroiexport.

Während der Kern der künftigen Atomindustrie in Deutschland französisch wird, sieht Siemens die Zukunft vor allem in Russland. Bis 2015 will der Kreml für 25 Milliarden Dollar zehn neue Kernkraftwerke errichten lassen, der Bau weiterer zehn Meiler soll begonnen, die bestehenden modernisiert werden. Im Jahr 2020 soll die Zahl der russischen Atomreaktoren von derzeit 31 auf 59 fast verdoppelt werden; der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung könnte von 16 Prozent auf ein Viertel erhöht – und Gaskraftwerke vom Netz genommen werden.

Siemens sieht seine Kernenergiezukunft in Russland

Doch dem Land fehlen Kapazitäten und Know-how, die letzten Nuklearexperten wurden noch zu Sowjetzeiten ausgebildet und stehen kurz vor der Pensionierung. Allerdings kann sich in Russland niemand vorstellen, dass Siemens jemals mehr als eine Sperrminorität bekommen würde. Im Russland-Geschäft haben die Münchner schon die eine oder andere schallende Ohrfeige kassiert. In mehreren Anläufen scheiterte 2005 und 2007 die mehrheitliche Übernahme des russischen Kraftwerkausrüsters Power Machines. Auf Druck von Behörden musste sich Siemens mit einer Minderheitsbeteiligung von 25 Prozent plus einer Aktie zufriedengeben. Ob Siemens in Russland jemals mehr Einfluss haben wird als auf Areva, ist zweifelhaft.

Umso optimistischer blicken die ehemaligen Siemensianer unter dem Areva-Dach in Deutschland in die atomare Zukunft. Sie bauen an drei Großprojekten in der Welt – an einem Atomkraftwerk in Finnland, einem in Flamanville an der französischen Atlantikküste und an einem Meiler im chinesischen Tianwan. Alle deutschen Areva-Standorte sind darin eingebunden, der kerntechnische Anlagenbau in Erlangen und im hessischen Karlstein ebenso wie die Brennelementefabriken in Duisburg und in Lingen.

Nach Großbritannien schauen Gräber und seine Ingenieure, wo nach Planungen der britischen Regierung mindestens zwei Atomkraftwerke gebaut werden sollen. Die Standorte sind noch unbekannt. Auch die deutschen Versorger E.On und RWE wollen in den nächsten Jahren Kernkraftwerke im Vereinigten Königreich errichten – zusammen mit Areva. So ist E.On-Chef Wulf Bernotat mit Areva-Geschäftsführer Gräber eine Partnerschaft eingegangen. Beide Unternehmen wollen zusammenarbeiten beim Bau, aber auch auf den Gebieten Forschung und Entwicklung. Es geht dabei um die Entwicklung des Siedewasserreaktors. Auch die Modernisierung von Kernkraftwerken wollen beide Unternehmen im Ausland in die Hand nehmen. E.On und RWE haben sogar ein Joint Venture gegründet, mit dem Ziel, Meiler in Großbritannien zu errichten.

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