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Grüner Pionier David gegen die Müllmafia

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Mitarbeiter sollen die Idee international verbreiten

Sein Geschäftsmodell sieht vor, viele Auszubildende zu beschäftigen und dass 40 Prozent der Mitarbeiter behinderte oder benachteiligte Menschen sind, etwa Langzeitarbeitslose. Parallel dazu betreibt Bustabads Umweltstiftung Recicla Ökoaufklärung: Direktorin Carlota Cruz organisiert etwa Führungen für rund 30.000 Besucher der Fabrik pro Jahr: „Sie sollen erfahren, wie Giftstoffe neutralisiert werden, statt in Afrika, Asien oder Lateinamerika auf illegalen Halden zu landen.“

Daneben schleust Bustabad Dutzende Studenten als Praktikanten durch die Abteilungen, um seine Idee weiterzutragen, auch über die Kanaren hinaus. In den kommenden Jahren will er beispielsweise E-Waste Lateinamerika aufbauen.

Auch deshalb hat Bustabad viele nationale und internationale Preise bekommen, darunter eine Auszeichnung der englischen Organisation European Business Awards. 2012 zeichnete ihn zudem der mittlerweile auf den Thron aufgerückte damalige spanische Kronprinz Felipe mit dem spanischen Erfinderpreis aus.

Zehn Orte, die ihre Einwohner krank machen
Platz 10: Niger River Delta, NigeriaWie viele Menschen von dem verschmutzten Niger River Delta betroffen sind, kann niemand so genau sagen. Fest steh: es sind zu viele. Jedes Jahr fließen etwas 240.000 Barrel Rohöl in den Fluss. So ist die Gegend neben dem Öl auch noch mit einer Menge Hydrokarbonaten verseucht. Gesundheitliche Konsequenzen für die Menschen der Region sind Unfruchtbarkeit und Krebs. Alles begann mit Operationen von großen Petroleum-Firmen in den 1950er Jahren. Das Delta erstreckt sich über 70.000 Quadratkilometer und bedeckt damit acht Prozent der nigerianischen Fläche. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 9: Matanza-Riachuelo, ArgentinienEntlang des 60 Kilometer langen Matanza-Riachuelo-Flusses haben sich eine Reihe von Mittelstandsunternehmen angesiedelt, viele davon arbeiten mit Chemikalien. Derzeit gehen Schätzungen von 15.000 Unternehmen aus, die regelmäßig Giftstoffe in den Fluss in der Nähe von Buenos Aires ablassen. Untersuchen des Mülls am Ufer ergaben Spuren von Zink, Kuper, Blei, Nickel und Chrom – allesamt mit Werten weit über dem Zulässigen. Alleine der Chrom-Wert beispielsweise ist fast sechs Mal höher als empfohlen. Folgen für die mehr als 20.000 betroffenen Menschen sind Diarrhö, Atembeschwerden und Krebs. Doch es gibt Fortschritte. So spendete die Weltbank zuletzt eine Milliarde Dollar, um die Gegend zu säubern. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 8: Agbogbloshie, Ghana Agbogbloshies größter Segen ist zugleich auch ein Fluch für die Menschen in der Nähe von Accra in Ghana. Die Region ist die zweitgrößte Elektromüll-Verwertungsgegen in West Afrika. Alleine aus Europa werden jedes Jahr 215.000 Tonnen Elektromüll importiert. Circa die Hälfte der Importe kann repariert und weiterverkauft werden. Das Problem stellt der Rest dar: Um an das Kupfer in den Kabeln zu kommen, werden sie verbrannt. Dafür wird auch Styropor verbrannt. Die Kabel enthalten jedoch auch Blei, welches somit in die Luft steigt und auch im Boden verbleibt. Mehr als 40.000 Menschen leiden so unter Bleivergiftungen. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 7: Norilsk, RusslandNorilsk in Russland wurde 1935 als Industriestadt gegründet. Bis in die 2000er Jahre war hier der größte Schmelzstandort für Schwermetalle weltwelt. Fast 500 Tonnen Nickel und Kupfer oxidieren jedes Jahr in die Luft. Durch die Verschmutzung liegt die Lebenserwartung in Norilsk zehn Jahre unter dem russischen Durchschnitt. Etwa 130.000 Menschen in einem 60-Kilometer-Radius rund um die Region sind davon betroffen. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 6: Hazaribagh, BangladeschIn Bangladesch gibt es 270 registrierte Gerbereien – 95 Prozent davon befinden sich in und um Hazaribagh, verteilt auf einer Fläche von 25 Hektar. Viele von diesen Gerbereien nutzen alte, überholte und ineffiziente Methoden. Insgesamt beschäftigen sie zwischen 8.000 und 12.000 Arbeiter. Jeden Tag pumpen die Gerbereien zusammen 22.000 Kubikliter unter anderem chromhaltiges, giftiges Wasser in den Buriganga, Dhaka's größten Fluss und Hauptwasserversorgung. Die Häuser der Arbeiter liegen oft direkt neben verseuchten Flüssen und Kanälen. Neben dem verseuchten Wasser ist die Arbeit in den Gerbereien ein Gesundheitsrisiko an sich: beim mixen von mehreren Chemikalien führt häufig zu schweren Atembeschwerden. So leiden insgesamt mehr als 160.000 Menschen in der Region unter den Gegebenheiten. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 5: Kalimantan, IndonesienKalimantan ist der indonesische Teil der Insel Borneo. In zwei der fünf Provinzen sind Goldminen die Hauptarbeitgeber für 43.000 Menschen. Das geborgene Gold ist allerdings mit Quecksilber verbunden: Dieses muss in einem Schmelzverfahren erst „abgebrannt“ werden. So gelangen jedes Jahr schätzungsweise 1.000 Tonnen Quecksilber in die Umgebung – das sind 30 Prozent der vom Menschen verursachten Quecksilber-Emission. Der Quecksilber-Dampf kann durch die Luft weite Strecken überwinden und wurde so schon zu einem internationalen Problem. Viele Mienenarbeiter schmelzen die Verbindung in ihren Häusern, wodurch die Dämpfe im inneren bleiben. Außerdem gelangt das Quecksilber auch in Flüsse und wird so auch über Fische weiterverbreitet. So sind insgesamt mehr als 225.000 Menschen betroffen. Mittlerweile macht die indonesische Regierung aber Fortschritte und arbeitet mit NGO´s wie zum Beispiel dem Blacksmith Institut zusammen, um die Mienenarbeiter besser zu schulen. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 4: Dzerzhinsk, RusslandWährend der Sowjet-Ära war Dzerzhinsk eine der größten russischen Chemie-Standorte des Landes, inklusive chemischer Waffen. Auch heute noch ist es noch ein wichtiges Zentrum der russischen Chemie-Industrie. Zwischen 1930 und 1938 wurden circa 300.000 Tonnen chemischer Abfälle unsachgemäß in Dzerzhinsk und Umgebung entsorgt. Dadurch gelangten 190 verschiedene Chemikalien ins Grundwasser. Wasserproben aus dem Jahr 2007 ergaben Dioxin-Werte, die tausendfach über den zulässigen Werten lagen. Dies veranlasste das Buch der Guinness World Records Dzershinsk den Titel der „am meisten verschmutzten Stadt“ weltweit zu verleihen. Hohe Phenolwerte verursachen Augen-, Lungen- und Nierenkrebs. 300.000 Menschen sind davon potenziell bedroht. Quelle: Blacksmith Institute

Trotzdem war der Start von E-Waste alles andere als ein Selbstläufer: Von der ersten Idee 2008 bis zum Start der Schrottverwertung vergingen rund vier Jahre zäher Investorensuche. „Die Kanaren sind kein idealer Ort für Unternehmen wie unseres“, sagt Bustabad und ergänzt: „Es ist ein Kampf gegen viele Interessen.“

Was er nicht sagt: Die spanischen Inseln, nur ein paar Hundert Kilometer vor der Küste von Marokko und Westsahara gelegen, gelten als großer Umschlagplatz für illegale Müllexporte nach Afrika.

Gase neutralisieren

Statt bei privaten Investoren wurde der Recycling-Unternehmer mit seiner Geschäftsidee daher bei Förderfonds der Europäischen Union fündig. Weiteres Geld für den Aufbau der neun Millionen Euro teuren High-Tech-Anlage im Hinterland der Touristeninsel stammt aus staatlich geförderten Krediten.

Das Geld steckte Bustabad in Technik des österreichischen Herstellers Untha Shredding Technology und der italienischen Ventilazione Industriale. Mit deren Hilfe fängt E-Waste die Gase in den alten Geräten – etwa umweltschädliche Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) – auf und recycelt sie. Die Technik erlaubt etwa, die FCKW zu 99,8 Prozent zu neutralisieren und in ungefährliche Salze umzuwandeln, versichert der Spanier.

Die am meisten verschmutzten Orte weltweit
Agbogbloshie (Ghana)Der Stadtteil der Millionenmetropole Accra ist schon mehrfach zu trauriger Berühmtheit gekommen: Hier leben 40.000 Ghanaer auf einer Fläche von etwa 1.600 Hektar Land und sind dabei den Giften der sie umgebenden Elektromülldeponie ausgesetzt. Handys und Laptops werden hier zerlegt, um noch verwertbare Rohstoffe, wie Eisen und Kuper, zu finden. Quelle: Blacksmith Institute
Tschernobyl (Ukraine)Die Katastrophe von Tschernobyl ist vielen noch im Gedächtnis als dort im April 1986 ein Nuklearunfall ereignete. Damals waren über über 150,000 Quadratkilometer und Millionen von Menschen betroffen. Bis heute besteht eine Sperrzone um den Reaktor. Die Stadt Prypat wurde zur Geisterstadt. Quelle: Blacksmith Institute
Dserschinsk (Russland) Dass die Stadt heute noch zu den am meisten verschmutzten Städten der Welt zählt, hängt vor allem mit seiner Geschichte zusammen. Während des Kalten Krieges wurden hier sowjetische Chemiewaffen wie das Nervengas Sarin und Senfgas hergestellt. Bis heute befindet sich hier eines der Zentren chemischer Industrie. Viele der Chemikalien befinden sich mittlerweile auch im Grundwasser. Quelle: Blacksmith Institute
Citarum River (Indonesien)13.000 Quadratkilometer auf denen insgesamt neun Millionen Menschen leben für die der Fluss der Lebensmittelpunkt ist. Allein 2000 Firmen bedienen sich des Wassers und leiten ihrerseits giftige Chemikalien in das Wasser. Quelle: dpa
Hazaribagh (Indien)270 registrierte Gerbereien gibt es in ganz Bangladesch, allein in der Region gibt es 90-95 Stück mit bis zu 12.000 Angestellten. Jeden Tag erzeugen diese 22.000 Kubikliter giftigen Müller, darunter krebserregendes Chrom. An diesem Giftfluss leben die Arbeiter. Quelle: Blacksmith Institute
Kabwe (Sambia)Wie so oft ist auch in der viertgrößten Stadt der Zentralprovinz der Arbeitsort, gleichzeitig auch der Ort mit den großen Risiken für Gesundheit und das Leben. In der Region wird besonders hochwertiger Blei abgebaut, der zu Boden- und Wasserverseuchung führt. Eine Viertel Million Menschen sind von der Verschmutzung betroffen. Quelle: Blacksmith Institute
Kalimantan (Indonesien)Auch hier sind rund eine Million Menschen durch die Verseuchung von Quecksilber und Cadmium betroffen. Aber Goldminen sorgen dort für das Einkommen von 43.000 Menschen. Quelle: Blacksmith Institute

Inzwischen stehen in den Hallen bei Arico auf fünf verschiedenen Recycling-Linien komplexe Fließband-, Neutralisierungs- und Schredderanlagen. Ein normaler Kühlschrank beispielsweise ist in gerade einmal einer Minute zerlegt und sortenrein entsorgt. Die zurückgewonnenen Materialien, aufs Kleinste zerstückelt, sauber eingetütet oder in Kartons gepackt, verkauft E-Waste an Wertstoffhändler weiter. „Diese Geschwindigkeit und Effizienz machen uns so profitabel“, sagt Bustabad.

Recyceln – das bessere Geschäft?

Auch deshalb glaubt der Unternehmer, dass sein Vorbild auf lange Sicht auch der „Müll-Mafia“, wie er sie nennt, das Geschäft abgraben könnte. Der Spanier will mit seinen Kampagnen, in seiner Stiftung und an Unis und Businessschulen zeigen, dass Recyceln das bessere Geschäft ist: „Wenn die Zahlen und die rechtlichen Grundlagen stimmen, werden mehr und mehr Firmen in das Geschäft investieren und die Kriminalität in diesem Sektor verdrängen.“

Bustabad selbst sieht sich für wachsende Nachfrage jedenfalls gerüstet. Derzeit laufe die Anlage im Zwei-Schicht-Betrieb, „aber wir könnten locker auch drei fahren“.

Selbst die eigene Familie, erzählt der grüne Pionier augenzwinkernd, spannt er ein: „Eines der ersten Worte, das meine drei Kinder gelernt haben, war ,Recycling‘.“ Und auch der Vater habe inzwischen eingelenkt und dem Sohn zugestanden, „dass man mit Umweltbewusstsein sehr wohl Geld verdienen kann“.

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