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Kreatives Recycling Das Milliardengeschäft mit unserem Müll

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Moderne Abfallwirtschaft

Die Pilotanlage von Dieselwest befindet sich auf dem Gelände der kommunalen Abfallwirtschaftsgesellschaft des Kreises Warendorf (AWG). Hier arbeiten bei Ecowest, einer AWG-Tochter, die wahrscheinlich fortschrittlichsten Müllmänner der Republik. In einer orangenen Warnweste führt Chefingenieur Thomas Kohlhaas über das 37-Hektar-Gelände und zeigt, wie moderne Abfallwirtschaft funktioniert.

Herzstück ist die Sortieranlage. Der Riese aus Hunderten Meter Förderband, das in mattem Schwarz seine Bahnen zieht, verwandelt Abfall in ein wattegleiches Gemisch aus winzigen Kunststoffschnipseln, das Kohlhaas Fluff nennt. Ein Teil davon geht zu den Kraftstoff-Forschern von Dieselwest. Alles andere vermarktet Ecowest als Ersatzbrennstoff, kurz EBS. Der enthält pro Tonne so viel Energie wie Braunkohle.

Wie in einer Goldmine

Aber nicht alles, was der Müllfresser schluckt, wird zu Fluff. Die Suche nach dem edelsten Abfall beginnt wie in einer Goldmine. Schredder zermalmen das Material, eine wilde Mischung aus Gewerbe- und Hausabfall, wie Erz im Bergwerk. Magnetbänder fischen Metalle für den Schrotthandel heraus. Siebe fangen feuchten Biomüll ab, der auf die Deponie kommt. Teerpappen, Holzteile und Hartplastik wie Zahnbürsten landen mit den anderen Resten in der klassischen Müllverbrennung.

Wie Sie Elektronik recyclen können

Ecowest war eines der ersten deutschen Unternehmen, das den hochwertigen Fluff herstellte. Mittlerweile gibt es bundesweit mehr als 40 ähnliche kommunale und private Anlagen. Sie verkaufen den aufgepäppelten Müll vor allem an Zementfabriken. Bis zu 20 Euro bringt das pro Tonne, sagen Branchenkenner. Am Ende spart das den Bürgern in Ennigerloh Geld, weil ihre Gemeinde weniger Abfall in klassische Verbrennungsanlagen schicken muss. Dort kostet die Entsorgung von unbehandeltem Hausmüll bis zu 200 Euro pro Tonne.

Neben der Kostenersparnis winkt auch ein Gewinn für die Umwelt. Weil die Abnehmer des Fluffs, die deutschen Zementhersteller, heute so viel Müll verfeuern wie nie zuvor, decken sie nur noch ein Drittel ihres Energiebedarfs mit Kohle, Öl und Gas.

Kostengünstig und umweltfreundlich

Der Abfallforscher Matthias Franke vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg hat kürzlich eine genaue Ökobilanz der EBS-Verbrennung in Zementwerken erstellt. Das Ergebnis: „Die Verbrennung ist teilweise sinnvoller als das Recycling“, sagt Franke. Bei einigen Kunststoffabfällen aus dem gelben Sack ist der Energieaufwand zu hoch, um die Stoffe fürs Recycling zu trennen. Außerdem produziert die Verbrennung von Fluff im Zementwerk weniger klimaschädliches Kohlendioxid als Kohle.

Was künftig alles in die gelbe Tonne gehört
In den gelben Sack oder die gelbe Tonne gehören weder Glas noch Papier - das liegt auf der Hand. Ab sofort müssen Verbraucher aber noch genauer hinschauen, wohin sie ihren Müll werfen. Konserven, Dosen, Alu-Folien, Flaschen und beispielsweise Joghurtbecher gehören ebenfalls nicht in die gelbe Tonne oder den gelben Sack. Quelle: dpa
Teebeutel in den gelben Sack zu entsorgen, wird mit Änderung der EU-Richtlinien zum Tabu. Die Änderung der EU-Vorgaben sind nun ein erster Schritt zu einer Reform, die das System der gelben Tonne retten soll. Dazu sollen Schlupflöcher in den Regelungen nach und nach gestopft werden. Bisher konnten Verbraucher ihre Verpackungen beispielsweise im Supermarkt zurückgeben werden und so Abgaben an die dualen System sparen. „Nach den veröffentlichten Zahlen ist allein die Menge der Eigenrücknahmen um 166 Prozent gestiegen“, sagt der Präsident des Bundesverbands der Entsorgungswirtschaft (BDE), Peter Kurth. Quelle: dpa
Kleiderbügel sind Plastik und gehören in den gelben Sack? Weit gefehlt. Auch sie dürfen ab sofort nicht mehr in gelber Tonne oder gelbem Sack entsorgt werden. Ab 2015 sollen dann Ausnahmetatbestände wie Eigenrücknahmen ganz gestrichen werden. So soll verhindert werden, dass weitere Mengen bei den dualen Systemen abgemeldet werden. Für schwarze Schafe oder Trittbrettfahre könnten dann Strafzahlungen drohen.   Quelle: dpa
Bei der neuen Richtlinie geht es im wahrsten Sinne des Wortes auch um die Wurst, Denn deren Pelle gehört ab sofort in den Restmüll, nicht in die gelbe Tonne. Auslöser für die neuen Vorgaben war eine Beschwerde des für die Entsorgung zuständigen dualen Systems, dass die unbezahlten Abfallmengen stiegen. Bei dem dualen System (beispielsweise DSD mit dem grünen Punkt) müssen Hersteller Gebühren zahlen, wenn sie Joghurtbecher oder Milchtüten entsorgen wollen. Während aber die Mengen konstant blieben, ist die Zahl bezahlter Verpackungen im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent gesunken. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Ab sofort ein absoluter No-Go in gelber Tonne und gelbem Sack: Grablichter. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss zahlen. Für 2014 rechnet die EU mit einem Fehlbetrag von bis zu 350 Millionen Euro durch falsch entsorgte Verpackungen. 2013 waren von 2,4 Millionen Tonnen gesammelter Leichtverpackungsabfälle 40 Prozent „Fehlwürfe“, also falsch entsorgter Müll. „Wenn Verpackungen aus Kostengründen als selbstzurückgenommen gemeldet, aber in der Realität nicht zurückgegeben werden und im gelben Sack landen, gaukelt dies hohe Recyclingquoten vor“, kritisiert der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch. Denn da ein Recyclingzwang nur für bezahlte Abfallmengen gilt, werde so auch das Recycling geschwächt. Quelle: dpa
Milchtüten sollten in Zukunft ebenfalls nicht in den gelben Sack entsorgt werden. Der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch, erklärt, warum es so verheerend sein kann, seinen Müll als selbstzurückgenommen zu melden und ihn dann trotzdem im gelben Sack zu entsorgen: „Wenn Verpackungen aus Kostengründen als selbstzurückgenommen gemeldet, aber in der Realität nicht zurückgegeben werden und im gelben Sack landen, gaukelt dies hohe Recyclingquoten vor." Denn da ein Recyclingzwang nur für bezahlte Abfallmengen gilt, werde so auch das Recycling geschwächt. Quelle: AP

Die Aussicht auf einen kostengünstigen und umweltfreundlichen Brennstoff hat mit den EBS-Kraftwerken inzwischen sogar eine neue Generation von Verbrennern hervorgebracht, die einzig auf Müll der Extraklasse eingestellt sind. Sie arbeiten effizienter als die meisten herkömmlichen Müllverbrennungsanlagen und produzieren Strom und Wärme für Papierfabriken, die Chemie- und die Stahlindustrie.

Bestimmte Kunstabfälle werden besser recycelt

Das neueste und größte EBS-Kraftwerk soll kommendes Jahr im Industriepark Höchst in Frankfurt am Main starten. Die rund 350 Millionen Euro teure Anlage wird die mehr als 90 dort angesiedelten Unternehmen mit Elektrizität und Dampf für ihre Produktion versorgen. Dafür verfeuert sie jährlich einen Abfallberg, wie er in Hamburg anfällt.

Aber ob Zementfabriken oder EBS-Kraftwerke: Nicht mit jeder Sorte Müll werden die Anlagen zu Umweltschützern. Bestimmte Kunststoffabfälle sind besser im Recycling aufgehoben. Ausgediente Gartenstühle etwa und löchrige Gießkannen aus Plastik, das kaputt gespielte Bobby Car, Folien, die Spargelfelder bedeckten oder Strohballen umhüllten, oder die Gehäuse von Elektrogeräten. „Wichtig fürs Recycling ist, dass die Abfälle sauber und sortenrein sortiert werden“, sagt Recyclingexperte Thomas Probst vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung.

Bioabbaubare versus biobasierte Kunststoffe


Scanner erkennen die begehrten Polyolefine

Ist das der Fall, haben Unternehmer wie Michael Scriba leichtes Spiel. Der Geschäftsführer von MTM Plastics im thüringischen Niedergebra gehört zu den Pionieren bei der Verwertung von Polyolefinen. Aus diesen Kunststoffen bestehen Dosen, Tuben, Tüten, Folien, Becher und Flaschen – also vieles von dem, was sich im gelben Sack der Verbraucher findet.

Früher ließ Scriba noch von Hand sortieren, erzählt er bei der Führung durch seinen Betrieb. Heute trennen Zentrifugen und andere Maschinen die Abfälle. Infrarotstrahlen schießen auf die Kunststoffe, anhand des reflektierten Lichts erkennen Scanner die begehrten Polyolefine. Sie wandern in einen Extruder, der die bunten Kunststoffteilchen auf bis zu 240 Grad erhitzt, bis sie zu einer Masse verschmelzen. Im weiteren Prozess wird sie entgast, gereinigt, mit Zusatzstoffen vermischt und schließlich durch ein Sieb gepresst. Kühlt die Masse ab, entsteht ein pfefferkorngroßes Granulat, das in Säcken an 60 Kunststoffverarbeiter in ganz Europa geht. Sie stellen daraus Mülltonnen, Kisten, Eimer sowie Bauteile für Autos oder Büromöbel her und auch neue Gartengeräte.

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