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Aktuelle Aufnahme der Al-Haram-Moschee in Mekka, der wichtigsten Pilgerstätte für Muslime. Foto: LiveEO/Airbus/Pléiades

Wirtschaft von oben #356 – Saudische GroßprojekteWie Saudi-Arabien den Pilgertourismus mit gigantischen Bauvorhaben antreibt

Die islamischen Pilgerstätten sind Teil des saudischen Gigantismus. Die bedeutendsten Moscheen in Medina und Mekka bekommen neue Nachbarn, wie exklusive Satellitenbilder zeigen. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Jannik Deters 24.11.2025 - 20:26 Uhr

Die finanziellen Ressourcen Saudi-Arabiens sind nicht unerschöpflich. Das Megaprojekt Neom ist in großen Teilen zum Erliegen gekommen, auch aufgrund von Geldproblemen. Doch das hält das Königreich nicht davon ab, andere Bauprojekte gewaltigen Ausmaßes voranzutreiben, wie aktuelle Satellitenbilder von LiveEO zeigen. So baut die Herrscherfamilie bin Salman ein wichtiges Standbein der heimischen Wirtschaft aus: den Islamtourismus.

Das neueste Vorhaben ist eine Erweiterung des Geländes um die Al-Haram-Moschee in Mekka, der herausgehobensten religiösen Stätte des Islam weltweit. Ein Stadtquartier, wie so vieles im Land, nach dem König benannt, King Salman Gate: 50.000 Wohneinheiten, 16.000 Hotelzimmer und 900.000 Gebetsplätze. Eines Tages.

Dieser Zweig des Tourismus und der Stadtentwicklung, ist für Saudi-Arabien eine stete und wichtige Einkommensquelle. Zwar sind mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung von einem Besuch der wichtigsten Stadt Mekka ausgeschlossen, weil der Zugang nur Muslimen erlaubt ist. Aber rund zwei Milliarden Anhänger des Islam, Tendenz steigend, reichen als Zielgruppe. Den heiligen Schriften des Islam zufolge muss jede Muslimin und jeder Muslim einmal im Leben die Pilgerreise nach Mekka mitmachen, die Hadsch. In Mekka gibt es so viele Hotelzimmer wie sonst nirgendwo in der arabischen Welt.

So wie in Rom und Vatikanstadt Hotelbetreiber, Restaurantbesitzer und Verkäufer christlicher Devotionalien von der Anziehungskraft der katholischen Kirche profitieren, bringen auch die Besuche muslimischer Pilgerstätten viel Geld ein. Die Zahlen und Dimensionen in Mekka sind jedoch ungleich größer. Allein die Fläche der Al-Haram-Moschee ist in etwa so groß wie ganz Vatikanstadt. Petersdom und Petersplatz wirken im Vergleich zur Moschee regelrecht winzig.

Die Ausmaße der wichtigsten christlichen und islamischen Stätten. Foto: WirtschaftsWoche

Rund sechs Millionen Menschen besuchen jedes Jahr den Vatikan. In der Stadt Mekka sind es im gleichen Zeitraum etwa 20 Millionen. Auch die Zahl für die Al-Haram-Moschee dürfte im zweistelligen Millionenbereich liegen.

Das Potenzial jedoch, so sieht es offenbar das Königshaus, ist noch nicht erschöpft. Den Startschuss für das neue Großprojekt in Mekka hat De-facto-König und Premierminister Mohammed bin Salman vor gut einem Monat gegeben. Er ist zugleich Aufsichtsratschef der Projektentwicklungsgesellschaft, einem Tochterunternehmen des saudischen Staatsfonds PIF. Das King-Salman-Gate werde „Wohnviertel, Hotelanlagen, Einzelhandelsflächen und kulturelle Angebote auf internationalem Niveau umfassen und einen direkten Zugang zur Heiligen Moschee bieten“, verspricht der Projektentwickler. Mit einer „Bruttogeschossfläche von bis zu zwölf Millionen Quadratmetern“ setze „das Vorhaben einen bedeutenden Meilenstein in der Stadtentwicklung Mekkas und soll weltweit als Vorbild für moderne Stadtplanung dienen“.

Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Airbus/Pléiades

Auf Satellitenbildern sind erste Bauarbeiten zu sehen, mehr nicht. Doch schon die Entwicklungen Mekkas der vergangenen 25 Jahre sind bemerkenswert. Die Al-Haram-Moschee wurde seit Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder erweitert. Die letzte Ausbaustufe lässt sich auf den Satellitenbildern genau nachvollziehen.

Ein Wahrzeichen der Stadt, direkt am südlichen Rand des Moscheegeländes gelegen, ist der Royal Clock Tower, 600 Meter hoch und ein Superlativ: Kein Gebäude der Welt ist in einer solchen Höhe, bis unters Dach mit Leben gefüllt, auch nicht der Burj Khalifa in Dubai. Dort ist das höchste Stockwerk, in dem sich Menschen aufhalten, 585 Meter hoch.

2002 begann der Turmbau zu Mekka. Um dem Gebäude eine besondere Bedeutung in unmittelbarer Nachbarschaft zur Heiligen Moschee zu geben, wurde daraus ein Minarett. Die Uhr kam später dazu. Sie erinnert an den Big Ben in London, nur eben ist sie 35 Mal größer. Gebaut hat sie das Unternehmen Perrot Turmuhren aus dem Schwarzwald. Die Ziffernblätter sind 43 Meter groß, die Zeiger bis zu 22 Meter lang. Noch aus mehreren Kilometern Entfernung soll man die Uhrzeit lesen können. Der goldene Halbmond auf dem Dach ist begehbar. Er beinhaltet drei Stockwerke, einen Gebetsraum, einen Meetingraum und ein Büro.

Kein Zugang für Nichtmuslime, keine Ausnahme

Perrot Turmuhren war nicht das einzige deutsche Unternehmen, das an dem Projekt beteiligt war. Vor Ort arbeiten konnten viele Mitarbeiter aber nicht. Denn in der ganzen Stadt dürfen sich nur Muslime aufhalten. Einige Arbeiter konvertierten zum Islam, um vor Ort eingesetzt werden zu können, so auch der Chef eines Ingenieurbüros aus der Nähe von Stuttgart.

Schilder an den Straßen vor Mekka weisen darauf hin, dass Nichtmuslime nicht weiterfahren dürfen. Es gibt Grenzkontrollen wie an Flughäfen.

Für internationale Touristen ist Dschidda die Einflugschneise nach Mekka und Medina. Die zweitgrößte Stadt des Landes nach der Hauptstadt Riad, verfügt über einen entsprechend großen Flughafen. Nach Mekka fährt man mit dem Auto eine Stunde, nach Medina vier Stunden. Das strenge Einreiseverbot für Nichtmuslime galt bis Ende November 2022 auch für Medina.

In Dschidda lässt sich beobachten, wie ein Großprojekt, das viele Jahre brachlag, nun wieder in die Gänge kommt. Seit 2017 standen die Baumaschinen am Jeddah Tower. Im Zuge eines Korruptionsskandals und der Covid-19-Pandemie ging es nicht weiter. Der gewünschte Superlativ hier: die 1000 Meter Bauhöhe zu knacken.

Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Airbus/Pléiades

Mit einem Höhenzuwachs von etwa 50 Metern seit Anfang des Jahres, würde der Turm aber nicht wie geplant Ende 2028 fertig, sondern rechnerisch erst in 14 Jahren. Die Finanzierung ist allerdings nur bis in die zweite Jahreshälfte 2028 gesichert.

Auch für Medina hat das Königshaus große Pläne. Milliardeninvestitionen fließen in Hunderte Projekte im Bausektor, Handel und Tourismus. Das Projekt Rua Al Madinah ähnelt King Salman Gate. Es steht für die Entwicklung von Wohnungen, Unterkünften und Luxushotels, um Millionen von Gästen empfangen zu können. Tunnelsysteme sollen die Infrastruktur verbessern.

Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Airbus/Pléiades

Auch die Infrastruktur rund um die Heilige Moschee in Mekka ist verbesserungswürdig. Der Busbahnhof nordöstlich der Moschee wurde in den vergangenen Jahren bereits ausgebaut, wie auf den Satellitenbildern zu sehen ist. Besucher sollen „einen hochwertigeren Service“ bekommen, um ihren Aufenthalt „angenehmer zu gestalten“. Hin zur Al-Aram-Moschee entsteht eine kilometerlange Allee mit einer Shopping Mall im Zentrum. Das aktuelle Satellitenbild (nach Westen ausgerichtet) deutet aber darauf hin, dass noch viel Arbeit zu tun ist.

Masar Destination, Mekka, Saudi-Arabien

04.11.2025: Das riesige Bauentwicklungsprojekt, in dessen Zentrum eine Mall entsteht, führt als kilometerlange Allee direkt zur Heiligen Moschee und dem Wolkenkratzer mit der Uhr.

Bilder: LiveEO/Airbus/Pléiades

Alles im Einklang mit der Religion und den Bedürfnissen der Gläubigen – und mit einem Ziel: Die Saudis wollen die jährliche Besucherzahl in Mekka bis 2030 um 50 Prozent erhöhen, von derzeit 20 auf 30 Millionen Gäste.

Dennoch ist auch dieses Projekt vor allem Zukunftsmusik. Einen Zeitplan veröffentlichen die Planer nach den Erfahrungen mit Neom wohlweislich nicht. Dieser werde „mit fortlaufender Entwicklung bekanntgegeben“, heißt es. Die Entwickler werben noch um ausländische Investoren. Bis dato ist der Uhrenturm das einzige moderne saudische Megaprojekt – das tatsächlich fertiggestellt wurde.

Mitarbeit: Marcel Reyle

Transparenzhinweis: In der Originalversion dieses Artikels vom 22. November hieß es fälschlicherweise, dass Nichtmuslime auch die Stadt Medina nicht betreten dürfen. Dies gilt aber seit Ende 2022 nur noch für Mekka.

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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