Wirtschaft von oben #312 – Trumps territorialer Anspruch: Die Wahrheit über die Militärpräsenz der USA in Grönland
In Grönland hat die Bevölkerung am Dienstag ihr Parlament neu gewählt. Noch nie wurde eine Wahl in dem flächenmäßig großen, aber an der Bevölkerungszahl gemessen kleinen, Land international so aufmerksam verfolgt. Denn US-Präsident Donald Trump hat Ansprüche angemeldet, die Insel im Polarmeer kontrollieren zu wollen.
Die Forderung ist Ausdruck der neuen US-Außenpolitik, Trump geht es vor allem um militärische Macht in der Arktis – und Rohstoffe, die mit dem abtauenden Permafrost zugänglicher werden. Satellitenbilder von LiveEO zeigen aber, dass sich seit Beginn seiner ersten Amtszeit wenig am US-Militärstandort in Grönland getan hat.
Auch aktuell liegt der letzte – wenngleich strategisch bedeutsamste – Stützpunkt Pituffik Space Base scheinbar im Winterschlaf. Doch der Blick von oben täuscht: Unter der Schneedecke verbergen sich hochmoderne Raktenwarn- und Abwehrsysteme. Radaranlagen spähen ins All – und gen Nordosten. Nahe des Polarkreises reichen die Radarwellen bis nach Russland. Außerdem beherbergt die Basis die größte und nördlichste Satellitenbodenstation der Air Force.
Die drei Kilometer lange Landebahn ist das ganze Jahr über in Betrieb, auch wenn die Anlage neun Monate lang von einem Panzer aus Schnee und Eis bedeckt ist. Zu dem Gelände gehört auch ein Tiefwasserhafen – die Militärbasis ist zu größerem bestimmt.
Zwar stellten die USA zuletzt 2022 vier Milliarden Dollar bereit, um den Standort die nächsten zehn Jahre abzusichern. In den vergangenen Jahren aber wurde er vor allem zurückgebaut: Mehrere Treibstofftanks wurden eingestampft, von ihnen bleiben lediglich Narben in der unwirtlichen Landschaft zurück. Und angesichts des Klimawandels leiden die Einrichtungen unter der ungewöhnlichen Wärme: Der Permafrost beginnt aufzutauen, macht die Fundamente instabil. Die Infrastruktur stammt noch aus dem Kalten Krieg.
Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Sentinel
Die bisherige Partnerschaft in Verteidigungsfragen ist ein Ergebnis aus dem Zweiten Weltkrieg: Als die Wehrmacht Dänemark besetzte, übernahm die USA die Verteidigung Grönlands. Mit ihrem eigenen Eintritt in den Krieg wurde die Insel im Atlantik zur strategisch wichtigen Zwischenstationen für transatlantische Überquerungen mit Flugzeugen und Schiffen.
Unter dem militärischen Codenamen „Bluie“ für Grönland baute das US-Militär an insgesamt 14 Standorten Stützpunkte auf der rund 2,19 Millionen Quadratkilometer großen Insel auf – stets an der Küste, denn Grönland ist zu rund 80 Prozent permanent mit Eis bedeckt. Zunächst wurden in der unwirtlichen Umgebung vor allem Radar-, Funk- und Wetterstationen errichtet. Ab 1941 zogen die Truppen dann hochmoderne Stützpunkte hoch.
Unter anderem begann in dem Jahr auch der Bau der Bluie West One, später Narsarsuaq Air Base genannt. Die Arbeiten begannen im Juni 1941, das erste Flugzeug landete bereits im Januar 1942. Schickte die USA Kampfflugzeuge und Bomber ab dann über den Atlantik, tankten sie in Narsarsuaq auf, um dann weiter Richtung Europa zu fliegen. So landeten bis Ende des Krieges geschätzt 10.000 Flugzeuge auf dem arktischen Flugplatz.
Auch im Kalten Krieg diente der Stützpunkt weiter als Tankstation, 1958 übergab das Militär die Basis dann an die dänische Regierung. Die nutzt das Rollfeld für die zivile Flugfahrt weiter: Heute reisen jede Menge Touristinnen und Touristen über Narsarsuaq ein.
Damals wie heute waren Rohstoffe bei der Standortwahl für die US-Militärpräsenz ein entscheidender Faktor. Wurden verschiedene Metalle und Erze bereits seit dem 18. Jahrhundert vor allem durch europäische Bergbauunternehmen abgebaut, waren die Minen im Zweiten Weltkrieg einer besonderen Gefahr ausgesetzt. Denn mit dem Kryolith aus der südgrönländischen Mine Ivittuut ließ sich Aluminium bei geringeren Schmelztemperaturen herstellen, ein robustes idealer Baustoff für damalige Flugzeuge. Kryolith sorgte am Ende mit dafür, dass die Alliierten die Lufthoheit im Krieg erlangen konnten.
Zur Verteidigung baute die US-Armee ebenfalls bereits 1941 einen Stützpunkt in unmittelbarer Nähe auf, der sich nach Inbetriebnahme zu einer wichtigen Marinebasis mauserte.
Mittlerweile haben die USA bis auf ihre Basis hoch im Norden alle Stützpunkte an Dänemark übergeben. Neben der Thule Air Base, wie der Stützpunkt noch bis 2023 hieß, hinterließen sie aber auch jede Menge radioaktiven Schrott und Abfälle aus Kriegszeiten: Alleine am Rollfeld Bluie East Two ließ das Militär rund 200.000 rostende Ölfässer zurück. Die Säuberungsaktion dauert bis heute an.
Ein noch größeres Relikt aus der Zeit des Kalten Kriegs schlummert unter den langsam auftauenden Eismassen: Im Rahmen des Projekts „Iceworm“ sollten an mehreren Standorten in Grönland Abschussrampen für Atomraketen installiert werden, tief im Eis versteckt. 1959 begann die USA mit dem Bau des Tunnelsystems von „Camp Century“.
Das Projekt wurde rund acht Jahre später wieder eingestellt, da sich die kühne Idee nicht umsetzen ließ. Tonnen an Baumaterial, Diesel und radioaktivem Kühlwasser für den Atomreaktor, der die Anlage versorgen sollte, blieben in den Tunneln zurück. Doch Trump will wohl kaum in Ordnung bringen, was vorherige US-Regierungen angerichtet haben.
Er wiederholte vergangene Woche bei seiner Rede im Kongress seinen Besitzanspruch und drohte gen Grönland: „Wir werden die Insel bekommen, so oder so.“
Grönlands ehemalige Kolonialmacht Dänemark reagierte empört. Offiziell gehört Grönland weiter zum Königreich, bekommt finanzielle Hilfe aus Europa, verwaltet sich aber selbst. Nach den wiederholten Gebietsansprüchen Trumps hat Dänemark angekündigt, seine Militärpräsenz in der Arktis zu verstärken.
Um die Zugehörigkeit Grönlands – aber auch seine Selbstständigkeit und Herkunft der Ureinwohnenden zu unterstreichen – stellte König Frederik X. zum Jahreswechsel zudem ein neues Wappen des Königshauses vor, auf dem auch ein Eisbär noch prominenter als zuvor zu sehen ist.
Und die Grönländerinnen und Grönländer selbst? Sie streben nach mehr Unabhängigkeit, auch von Dänemark. Wie die Wahl auch ausgehen mag: Alle zur Wahl stehenden Parteien haben sich klar gegen einen Anschluss Grönlands an die USA positioniert.
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