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Wirtschaft von oben #94 – Thilafushi Diese Insel ist aus Müll gebaut

Über der Müllinsel Thilafushi steigt Rauch auf. Immer wieder geraten die Abfälle hier in Brand. Die Regierung der Malediven will dagegen endlich vorgehen. Quelle: LiveEO/UP42

Mitten im Paradies der Malediven türmt sich eine Insel aus Abfall, wie exklusive Satellitenbilder zeigen: Thilafushi steht stellvertretend für die Probleme von Inselstaaten mit Plastikmüll. Ein deutsches Unternehmen soll nun helfen, die Deponie zu beseitigen. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

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Der höchste Punkt der Malediven ist ein Berg aus Müll. Bis zu 15 Meter ragen die Hügel der Deponie über den Meeresspiegel hinaus, heißt es. Der Abfall stinkt und qualmt in der Sonne, manchmal lodern Feuer auf. Selbst aus dem All ist der Müllberg gut erkennbar.

Thilafushi heißt die Inseldeponie, viele sehen darin einen Berg der Schande. Er steht stellvertretend für die Müll- und Umweltprobleme, die viele Inselstaaten haben. Ihre Wirtschaft hängt am Tourismus und damit an der Schönheit ihrer Umwelt. Doch die Inselparadiese haben kaum den Platz oder die Infrastruktur, um all den Müll zu sammeln und zu entsorgen, vom Recycling mal ganz abgesehen. Nur wächst der Müll mit jedem Touristen und jedem Hotel weiter an. Die Gäste auf den Malediven verursachen etwa fünf Kilogramm Müll pro Tag, die Einheimischen lediglich drei Kilogramm, schätzt die lokale Organisation „Save the Beach Maldives“.

Die meisten Bewohner verbrennen ihre Plastikabfälle in offenen Feuern am Straßenrand oder im Garten. Häufig sammeln sie ihre Abfälle auch am Strand, so wie sie es seit eh und je gehandhabt haben. Nur dass ihr Haushaltsmüll vor einigen Jahrzehnten noch vor allem aus Nahrungsmitteln und natürlichen Baustoffen wie Holz bestanden hat, die der Ozean problemlos verschlucken und verdauen konnte. Mit den Plastikverpackungen, die heute ins Wasser gelangen, kann davon keine Rede mehr sein.

Die Regierung der Malediven suchte deshalb bereits vor dreißig Jahren nach einer möglichen Lagerstätte für all den Müll – und erfand Thilafushi. Die Insel ist künstlich angelegt, nur zu diesem Zweck. Ihr enormes Wachstum zeigen exklusive Satellitenbilder von LiveEO. Einst befand sich hier eine Lagune, umsäumt von einem Riff und nur ein paar Kilometer entfernt von der Hauptstadt Malé. Von dort aus kamen die ersten Boote und karrten den Müll heran, der in der Lagune versenkt wurde. Darauf häuften Arbeiter Bauschutt auf, dann eine Schicht Sand, dann wieder neuen Müll. Zeitweise wuchs Thilafushi um mehr als einen Quadratmeter am Tag. Mittlerweile steht auf der Insel ein ganzes Industriegebiet – gebaut auf einer Landmasse aus Abfall.

Dass Thilafushi deshalb gerne als größte Müllinsel der Welt bezeichnet wird, stört mittlerweile auch die maledivische Regierung. Die Politiker haben erkannt, dass die Müllinsel das Bild vom Paradies mit weißen Sandstränden stört. Bis 2023 wollen sie deshalb Thilafushi umweltgerecht umbauen: Die Insel soll einen geeigneten Hafen bekommen, die Brände auf den Halden sollen erstickt werden, aber vor allem soll der Müll sortiert und anschließend verkauft oder entsorgt werden.

„Die Mülldeponie soll jetzt im Prinzip wie ein Tagebau abgebaut werden“, sagt Dirk Leiber. Er soll dabei helfen. Leiber ist Manager bei der STF Group aus dem bayrischen Aicha vorm Walde, einem Hersteller und Betreiber von Recyclinganlagen für Kunststoffe. Für Inseln wie Thilafushi hat STF neue Recyclinganlagen entwickelt, speziell für sogenanntes Ocean Plastic, sagt Leiber. Die sollen in der kleinsten Ausführung kaum größer sein als drei große Seefrachtcontainer. Trotzdem seien sie in der Lage, Plastikabfälle zu waschen und zu sortieren, in bis zu vier verschiedene Kunststoffarten. Bis zu 1000 Kilogramm in der Stunde könne die Anlage verarbeiten, sagt Leiber. Die Anlagen werden in Deutschland gebaut und dann fertig für den Betrieb auf die Malediven gebracht.

Partner von STF ist dabei die Organisation Parley for the Ocean. Dessen Gründer Cyrell Gutsch, ein ehemaliger Designer, hat es sich zum Ziel gemacht, Plastikmüll zu sammeln und zu verwandeln, noch bevor er ins Meer gelangen kann. Daraus entstehen zum Beispiel Turnschuhe oder Sportjacken: Parley for the Ocean hat unter anderem eine große Kooperation mit Adidas. Die Arbeitsteilung: Parley for the Ocean treibt die Rohstoffe auf, Adidas garantiert dafür eine Abnahme. Denn in der Regel ist es wesentlich teurer, das aufgesammelte Plastik zu Garn zu recyceln, als wie bisher neue aus Öl hergestellte synthetische Textilien zu nutzen.

Thilafushi am 03.02.1997

Ob auch der Müll von Thilafushi eines Tages in Turnschuhen landet, ist noch unklar. Was hier lagert, ist kaum sortenrein und sauber, so wie es zum Recycling eigentlich nötig wäre. Das Plastik ist vermischt mit Sand, Glas oder Bauschutt, sagt Leiber von STF. „Wir rechnen damit, dass etwa 20 Prozent des Mülls Plastik ist, das wir verarbeiten können.“

Und auch bei der Finanzierung des Projektes hake es noch, sagt er. Doch das Ziel steht fest: Bis Ende des Jahres soll die Recyclinganlage in Thilafushi stehen – damit die Malediven künftig einen anderen Hügel zu ihrem höchsten Berg des Landes küren können.

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Die Rubrik Wirtschaft von obenentsteht in Kooperation mit LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.

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