Aktionäre stützen Grammer-Vorstand: Keine Machtübernahme von Investorenfamilie Hastor
Der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Probst, der Vorstandsvorsitzende Hartmut Müller und der Finanzvorstand Gerard Cordonnier auf der Grammer-Hauptversammlung.
Foto: dpaDie Machtübernahme der umstrittenen Investorenfamilie Hastor beim bayerischen Autozulieferer Grammer ist gescheitert. Die Hauptversammlung lehnte die beantragte Absetzung des gesamten Vorstands und die Neubesetzung des Aufsichtsrats am Mittwoch in Amberg ab. Hastor-Anwalt Franz Enderle kündigte aber bereits Widerspruch gegen sämtliche Beschlüsse an.
Arbeitnehmervertreter, Politiker und Aktionärsvertreter hatten vor einem Kontrollwechsel bei dem Zulieferer gewarnt. Grammers größter Kunde Volkswagen liegt mit den Hastors über Kreuz. Die IG Metall sah Aufträge und weltweit bis zu 15.000 Arbeitsplätze in Gefahr.
Der Entscheidung war eine achtstündige, teilweise turbulente Debatte vorausgegangen. Enderle wurde mehrfach mit Buhrufen und Pfiffen unterbrochen. Die Abstimmung fiel dann deutlich aus. Die Hastors sind mit gut 23 Prozent der Anteile größter Grammer-Aktionär. Auf der Hauptversammlung waren allerdings 67,3 Prozent der Aktien vertreten - ungewöhnlich viele für Grammer.
In Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, leben eine halbe Million Menschen. Die bosnische Unternehmerfamilie Hastor hat dort den Hauptsitz ihres Technologiekonzerns ASA Prevent Group angesiedelt. Der zweite wichtige Firmensitz ist in Wolfsburg.
Foto: Jasmin BrutusDie Firmenzentrale von ASA Prevent in Sarajevo. Die Prevent-Gruppe beschäftigt rund 12.000 Mitarbeiter in 16 Ländern, etwa 6.500 davon in Bosnien. Die enge Zusammenarbeit mit VW hat sie groß gemacht. Prevent ist der größte private Arbeitgeber und Exporteur Bosnien-Herzegowinas.
Foto: Jasmin BrutusVolkswagen-Werbung in den Straßen von Sarajevo. Als VW-Importeur kontrollierte der Hastor-Clan bis 2015 große Teile des bosnischen Automarkts, dann übernahm der VW-Konzern den Autovertrieb in der Region selbst. Die gute Beziehung zwischen VW und dem Hastor-Clan hat darunter gelitten.
Foto: Jasmin BrutusPrevent stellt neben Auto-Teilen auch Stoffe her. In einem Flagship-Store in Sarajevo, genannt Prevent Labs, verkaufen die Hastors Designer-Mode, mutig dekoriert mit einem Autositz als Hinweis auf die Firmenhistorie.
Foto: Jasmin BrutusFirmenpatriarch Nijaz Hastor und Gattin Mirsada sind Sponsoren und regelmäßige Besucher des Sarajevo Film Festival, zu dem alljährlich auch Hollywood-Stars wie Brad Pitt und Robert De Niro kommen.
Foto: Jasmin BrutusGewandet in Blau, der Farbe des Prevent-Firmenlogos, sprechen Nijaz und Mirsada Hastor mit dem Direktor des Sarajevo Film Festivals 2015, Misrad Purivatra.
Foto: Jasmin BrutusGut 100 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Sarajewo liegt der Ort Gorazde, wo Prevent eine Fabrik unterhält. Etwas außerhalb von Gorazde, im Dörfchen Hladila, wurde der Prevent-Gründer Nijaz Hastor 1950 geboren.
Foto: Jasmin BrutusPrevent-Gründer Hastor baute die Moschee in seinem Heimatdorf Hladila wieder auf. Sie war im jugoslawischen Bürgerkrieg zerstört worden.
Foto: Jasmin BrutusIn seinem Elternhaus in Hladila wuchs Prevent-Gründer Nijaz Hastor in den 50er- und 60er-Jahren als eines von sechs Geschwistern auf – ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Heute gehört er zu den reichsten Bosniern. „Er hat das Brot der Armut gegessen - wir hatten keine andere Wahl, als etwas aus uns zu machen“, sagt ein früherer Mitschüler über ihn.
Foto: Jasmin BrutusHladila liegt am Gebirgsfluss Drina in den Bergen östlich von Sarajevo. Ganze 54 Einwohner hat der Heimatort von Prevent-Gründer Hastor.
Foto: Jasmin BrutusZwei Millionen Flüchtlinge und 100.000 Tote sind die Bilanz des Bosnienkriegs. Nijaz Hastors Heimatdorf Hladila lag unweit der Frontlinie. Während er in Wolfsburg lebte, harrte ein Teil der Familie unter Beschuss im belagerten Gorazde aus. Nijaz Hastors Bruder Agan fiel dem Krieg zum Opfer.
Foto: Jasmin BrutusIn dem Haus mit dem Dach in Prevent-Blau lebte Nijaz Hastors Bruder, bevor er starb. Jetzt wird es von seiner Schwägerin und ihrem Sohn genutzt.
Foto: Jasmin Brutus„Zum Glück gibt es noch Menschen wie Nijaz Hastor“, sagt die 77-jährige Dzefa Kadric, „ohne ihn hätten wir hier nicht einmal fließendes Wasser“. Nijaz Hastor hat die Wasserleitungen und Brunnen im Ort gespendet. Die Enkelin von Dzefa Kadric ist Stipendiatin der Hastor-Stiftung, die über 1700 Schüler und Studenten finanziell unterstützt.
Foto: Jasmin BrutusAndreas Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) sagte, der Ausgang sei vielleicht „nur ein Pyrrhussieg, eine kleine Atempause“. Jahrelange Auseinandersetzungen und Prozesse drohten Grammer im eigentlichen Geschäft zu lähmen. „Wenn wir derart verhärtete Fronten haben, dass fast putschartige Zustände herrschen, liegt das in der Regel nicht nur an einer Seite.“ Ein Aktionär meinte, Grammer habe nun einen unzufriedenen, mit dem Vorstand zerstrittenen Großaktionär an Bord.
Enderle warf Grammer-Vorstandschef Hartmut Müller Untreue und den Verrat von Geschäftsgeheimnissen vor. Dieser und Aufsichtsratschef Klaus Probst hätten zusammen mit dem größten Grammer-Kunden VW einen Plan zur Abwehr der Hastors geschmiedet und den Auftragseinbruch seit der Bekanntgabe der Hastor-Pläne veröffentlicht.
Laut Müller waren seit Januar 60 Prozent weniger Bestellungen eingegangen. Enderle sagte, darüber hinaus habe Müller gelogen mit dem Vorwurf, die Hastors hätten das Gespräch mit dem Vorstand verweigert. Das Vertrauen sei nun zerstört. An die Stelle der drei abzuwählenden Aufsichtsräte wollte Enderle daher Manager von Hastors Prevent-Gruppe wählen lassen.
Die Familie werde investiert bleiben und ihr Aktienpaket nicht nennenswert aufstocken, sagte Enderle. Schon mit 25,1 Prozent hätten die Hastors ein Vetorecht und könnten alle wichtigen Entscheidungen blockieren. Ob der von Grammer kurz vor der Hauptversammlung als Aktionär und „weißer Ritter“ an Bord geholte chinesische Autozulieferer Jifeng überhaupt mitstimmen durfte, werde womöglich in fünf Jahren der Bundesgerichtshof klären.
Müller hatte gewarnt, die Hastors gefährdeten die Zukunft von Grammer. Günther Hausmann von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) warf der Familie einen „nicht nachvollziehbaren Anschlag auf das Unternehmen“ vor. Mit ihnen müsse man Angst um den Bestand, die Arbeitsplätze und den Wert der Aktien haben. Unter Vorstandschef Müller habe sich Grammer hervorragend entwickelt, seine Expansionsstrategie im Ausland sei richtig, die jüngsten Geschäftszahlen seien hervorragend.
Bei einer Kundgebung von 2500 Beschäftigten der nahen Grammer- und Siemens-Werke sagte der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler, in Deutschland seien 3000, weltweit sogar 15.000 Arbeitsplätze „gefährdet, wenn die Hastors bei Grammer das Sagen kriegen. Deshalb kämpfen wir so vehement gegen diesen Investor.“ Der Autoexperte der Gewerkschaft, Frank Iwer, meinte: Wer „versucht, höhere Margen mit Gewalt durchzusetzen, setzt bewusst die Existenz von Betrieben, Beschäftigten mit ihren Familien, ja von ganzen Regionen aufs Spiel“.
Prevent hatte mit plötzlichen Lieferstopps zur Durchsetzung von Geldforderungen bei Volkswagen in der ganzen Autoindustrie für Aufregung gesorgt. Im vergangenen August hatte der mächtige Lieferant Bänder in Wolfsburg und Emden stillgelegt, im Jahr zuvor die Zulieferung von Sitzen für VW in Brasilien monatelang auf Eis gelegt.