Chipfabrik im Saarland: Diese Pleite ist zumindest kein Problem für ZF
Die geplante Fabrik von ZF und Wolfspeed im Saarland wird wohl nicht gebaut.
Foto: imago imagesDie geplante Chipfabrik des US-Konzerns Wolfspeed und des deutschen Autozulieferers ZF im Saarland steht vor dem Aus. ZF Friedrichshafen wollte sich an dem Milliardenprojekt mit rund 170 Millionen Euro beteiligen, doch dazu wird es nun wohl nicht kommen. Laut Medienberichten soll die Fabrik nun doch nicht gebaut werden.
Unklar jedoch bleibt, wer für den Rückzug verantwortlich ist. ZF jedenfalls „widerspricht der Darstellung in den Medien, wonach ZF maßgeblich für eine Verzögerung der Pläne des Unternehmens Wolfspeed sein soll, eine Chipfabrik in Ensdorf zu bauen“, teilte ZF auf Anfrage mit. Die Verantwortung für das Projekt habe Wolfspeed. „ZF hat hier immer intensiv und aktiv unterstützt. Zu genauen Inhalten der Partnerschaft und zu Förderinstrumenten äußern wir uns nicht“, so ZF weiter.
Dass ZF sparen muss, ist bekannt: Der Stiftungskonzern hat angekündigt, bis 2028 jeden vierten der 54.000 Arbeitsplätze in Deutschland abzubauen und er hat kürzlich die Gewinnprognose gesenkt.
Schwache Nachfrage schreckt Wolfspeed ab
Trotzdem scheint ZF in diesem Fall nicht der Treiber der Absage zu sein. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete nach Informationen aus Branchenkreisen, dass Wolfspeed den Plan für das Werk wegen schwacher Nachfrage nach Elektroautos auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt habe. „Sie wissen nicht, ob der Markteintritt in Europa noch sinnvoll ist.“ Wolfspeed war für eine Stellungnahme kurzfristig nicht zu erreichen.
Anfang 2023 verkündete der amerikanische Halbleiterproduzent Wolfspeed im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), in Ensdorf die weltgrößte Fabrik für sogenannte Leistungshalbleiter auf Basis von Siliziumkarbid bauen zu wollen. Solche Spezialchips werden unter anderem in Elektroautos und Produkten zur erneuerbaren Energieerzeugung eingebaut. Mit diesen soll auch die Reichweite von E-Autos gesteigert werden können. Gut 2,75 Milliarden Euro wollte sich Wolfspeed das Werk kosten lassen; 20 Prozent davon sollten als staatliche Förderung fließen.
Für ZF sei das Aus der Fabrik kein Problem, heißt es nun. Die „Versorgung ist sichergestellt“, so ZF. Denn ZF bekomme die Siliziumkarbid-Chips vom Unternehmen ST Microelectronics, mit dem man schon vor über einem Jahr eine Liefervereinbarung geschlossen habe. Außerdem liefere auch Wolfspeed weiterhin aus seinen Chipfabriken in den USA Chips an ZF.
Das Unternehmen nutzt die Chips unter anderem für Inverter. Das sind Wechselrichter, die den Gleichstrom in der Batterie in Wechselstrom fürs Fahren wandeln – oder umgekehrt beim Bremsen den Wechselstrom wieder in Gleichstrom für die Batterie wandeln. Laut ZF brauche man diese Chips aber auch für viele andere elektronische Bauteile, in denen schnell Strom „gewechselt“ werden müsse – also etwas an- und ausgeschaltet werde.
Bitter ist das Aus in jedem Fall aus volkswirtschaftlicher Perspektive. Nach der Verschiebung der Chipfabrik von Intel in Magdeburg ist dies nun bereits der zweite Rückschlag für die Strategie, Europa unabhängiger von Chipherstellern aus Asien zu machen. Die Abhängigkeit von Asien hatte sich während der Corona-Pandemie als Nachteil erwiesen, weil die Chiphersteller Lieferungen an die Autoindustrie zugunsten der Kunden in der boomenden Elektronikbranche hintanstellten.
Wolfspeed steckt in Schwierigkeiten
Dass das Projekt im Saarland wackelt, hatte sich bereits seit einiger Zeit angedeutet. Wolfspeed schrieb zuletzt Verluste und hatte im Sommer bekanntgegeben, den Start des Fabrikbaus zu verschieben. Das Unternehmen hat in den USA zwei Großprojekte laufen: die Erweiterung seiner Chipfertigung im Werk Marcy/New York und eine neue Waferfabrik in North Carolina. Für letztere erhielt Wolfspeed die Zusage für 750 Millionen Dollar staatlicher Zuschüsse – unter der Bedingung, dass Wolfspeed seine Finanzen in Ordnung bringt und das Geld der Steuerzahler abgesichert wird.
Wolfspeed erklärte, drei Investmentfonds als Co-Finanzierer von weiteren 750 Millionen Dollar an der Hand zu haben. Es sei außerdem eine Steuererstattung von einer Milliarde Dollar zu erwarten. Neue Mittel sollen aufgenommen und Zinszahlungen verschoben werden.
Ein Rückschlag ist das Scheitern des Chip-Projektes zudem für die saarländische Industrie. So wird der US-Autobauer Ford schon bald seine Produktion in Saarlouis beenden. Tausende Menschen suchen einen neuen Job. Die neue Fabrik war daher ein Hoffnungsschimmer – auch für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von ZF. Denn am Saarbrücker Standort des Autozulieferers sollen bis Ende kommenden Jahres 1800 Arbeitsplätze wegfallen. Ein Teil von ihnen hätte sicher in die Chipfabrik wechseln können. Wie viele? Lässt sich laut ZF „nicht seriös sagen“.
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