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Daimler-Technikchef Sajjad Khan „Wir brauchen nicht ehrfürchtig ins Silicon Valley schauen“

Daimler Technikchef Sajjad Khan: „Wir wollen bis 2024 ein eigenes, datengestütztes und flexibel updatebares Mercedes-Benz-Betriebssystem in unsere Fahrzeuge bringen.“ Quelle: Daimler AG

Daimler spaltet sich auf und konzentriert sich auf E-Autos und Software. Ein Interview mit CTO Sajjad Khan über Wettbewerber im Silicon Valley, Kooperationen mit Roboauto-Spezialisten und das Mercedes-Betriebssystem.

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Herr Khan, Immer mehr Autobauer entwickeln eine eigene Software. Daimler auch?
Sajjad Khan: Das Betriebssystem ist wichtig für jeden Erstausrüster, der sowohl das Auto von heute als auch der Zukunft entwickeln möchte. Mit der Software sorgen wir dafür, nicht nur jede Funktion, sondern auch jedes Geschäftsmodell zu steuern. Das MB.OS Betriebssystem wird fünf Domänen enthalten: Antriebsstrang, Autonomes fahren, Infotainment, Fahrzeugsteuerung und Kommunikation. Die Software wird teilweise zusammen mit mehreren Partnern entwickelt, Mercedes-Benz wird aber für die vollständige Integration in die Fahrzeuge verantwortlich sein.

Zu den Partnern gehört unter anderem Nvidia. Daimler und Bosch haben den amerikanischen Chipentwickler als Lieferanten für die KI-Plattform zum autonomen Fahren rekrutiert. Wird Daimler diese Kooperation weiter vorantreiben?
Bei der Fahrzeugsoftware setzen wir auf strategische Partnerschaften mit führenden Tech-Unternehmen. In diesem Fall kooperieren wir mit Nvidia, dem weltweit führenden Anbieter von GPU-Computing, also Plattformen, über die Hardware angeschlossen und verwendet werden kann. Ab 2024 soll diese Technologie in Mercedes-Benz Baureihen eingeführt werden, um in Fahrzeugen der nächsten Generation upgradefähige, automatisierte Fahrfunktionen verfügbar zu machen: basierend auf dem System-on-Chip wollen wir gemeinsam KI-Anwendungen und automatisierte Funktionen entwickeln.

Das klingt ziemlich kompliziert. Hat Daimler genug Softwareingenieure, um das Auto der Zukunft alleine zu bauen?
Wir brauchen nicht ehrfürchtig ins Silicon Valley und nach Palo Alto schauen. Im „Neckar Valley“ und in Sindelfingen haben wir ebenfalls Top-Leute und Top-Voraussetzungen. Gleichzeitig bauen wir das weltweite Netz an Standorten mit Software-Expertise aus: Auch in Berlin, Seattle, Peking, Tokio, Bangalore oder Tel Aviv sind wir mit Spitzenteams vertreten. Zusätzlich haben wir mit unserer Tech Academy das Qualifizierungsportfolio zum Thema Software erweitert.

Was kann Daimler tun, um im Wettstreit um die beste Software mit chinesischen und amerikanischen Firmen mitzuhalten?
Der Schlüssel liegt im Operating System. Das heißt, dass Softwareanforderungen in einem frühen Stadium mit den verantwortlichen Hardware-Teams besprochen werden. Denn genauso wie beim elektrischen Antriebsstrang und der Batterietechnologie müssen wir auch auf diesem Gebiet Herr über die Software und die Elektronik in unseren Fahrzeugen sein. Beim Automobilbau gehören Hardware und Software zusammen. Das gilt insbesondere für den Premium- und Luxusbereich.

Welche Rolle spielen Zulieferer bei der Entwicklung neuer Software?
Wir wollen bis 2024 ein eigenes, datengestütztes und flexibel updatebares Mercedes-Benz Betriebssystem in unsere Fahrzeuge bringen, und damit das Fahrzeug mit der Cloud und der IoT-Welt vernetzen. Denn nur, wenn wir die Softwareplattform über die Domänen im Fahrzeug bis in die Cloud und in die IoT-Welt beherrschen, können wir neue Funktionen via Over-the-Air-Updates anbieten. Die Computing-Architektur umfasst mehrere Domänen im Fahrzeug: den Antrieb, die gesamte Fahrzeugsteuerung, automatisierte Fahrfunktionen, Infotainment und die Kommunikation. Das können wir als Autobauer nicht allein entwickeln. Doch wir definieren die Standards und behalten so die Kontrolle über die Integration aller Systeme und Software. Deshalb wird ein Großteil des Mercedes-Benz Operating Systems in-house entwickelt.

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BMW und Daimler haben im vergangenen Jahr ihre Kooperation beim autonomen Fahren beendet. Warum?
Mercedes-Benz arbeitet an den aktuellen Generationen für das hochautomatisierte Fahren. Im Rahmen der gemeinsamen geplanten Kooperation konnten beide Unternehmen erst nach Vertragsunterschrift 2019 detaillierte Gespräche auf Expertenebene führen und gemeinsam mit Lieferanten über Technologie Roadmaps sprechen. In diesen Gesprächen kamen beide Seiten nach intensiver Prüfung zu dem Ergebnis, dass angesichts des hohen Aufwands für eine gemeinsame technologische Basis und vor dem Hintergrund der gesamtunternehmerischen und konjunkturellen Rahmenbedingungen in 2020 der richtige Zeitpunkt für eine erfolgreiche Umsetzung der Kooperation nicht gegeben ist.

Sind weitere Kooperationen geplant?
Wir arbeiten heute in vielen verschiedenen Bereichen mit verschiedensten Partnern weltweit zusammen, sei das Bosch beim Intelligenten Park-Piloten, wie wir ihn jüngst in der S-Klasse vorgestellt haben, sei es Apple und Google bei der intelligenten Integration in unser Infotainmentsystem MBUX, sei es WeChat und Tencent in China. Für uns gilt: Wir machen dann eine Kooperation, wo sie für uns und unsere Kunden sinnvoll erscheint.

Mehr zum Thema: VW und Co. versuchen hektisch, eigene Betriebssysteme zu entwickeln. Denn die Silicon-Valley-Giganten sind schon deutlich weiter – und drohen bald auch die deutsche Autoindustrie zu beherrschen.

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